Grenzüberschreitungen
Viele Eltern wüssten nicht, dass ihre Töchter in Wien in die Prostitution gezwungen werden, sagt Fevzije Bahar, die Sprecherin der Internationalen Roma Union in Österreich. Sie sieht dringenden Handlungsbedarf. Auch bei sich selbst. Von Kerstin Kellermann


Foto: Magdalena Blaszczuk

„Die Erfahrung war so arg für mich, dass ich zu Hause erst einmal fünf Stunden gebraucht habe, bis ich realisiert hatte, dass ich wirklich diese zwei Mädchen getroffen habe." So beschreibt Fevzije Bahar, eine Romni aus dem Kosovo, die seit Jahren in der Beratung gegen die Zwangsehe von Mädchen arbeitet, ihren ersten Besuch in der „Drehscheibe". Täglich bringt die Polizei Mädchen, die beim Taschendiebstahl erwischt wurden, in das Krisenzentrum der MA 11 für minderjährige Fremde. Im Januar und Februar waren es schon über 200, im ganzen letzten Jahr um die 800. „Die Mädchen waren total verschreckt, obwohl ich eine Romni bin und Romanes mit ihnen geredet habe. Man hat ihren Augen angesehen, dass sie schon so oft angelogen wurde, dass Null Vertrauen da ist." Fevzije merkt schnell, dass sie die Zwölfjährigen mit ihren Fragen überfordert und erzählt von sich. „Sie wussten nicht einmal, dass so etwas wie der Kosovo existiert", schmunzelt sie. „In unserer Kultur ist es üblich als Gast Kaffee zu bekommen und ich sagte den beiden, ich komme am Abend wieder zurück und fragte, ob ich dann wohl einen Kaffee kriege..." Bei ihrem erneuten Besuch merkt sie, dass es den Mädchen gut tut, sich mit einer Romni zu unterhalten, aber nicht so weit, dass sie offen mit ihr sprechen. Obwohl eine dann doch den Mund aufmacht: „Ich habe sie sehr emotionell ausgefragt. Das eine Mädchen war nicht mehr belastbar, es musste einfach aus ihr heraus, was sie erlebt hat. Sie sagte, dass Betteln für sie okay geht, aber gezwungen zu werden, mit fremden Männern Sex zu haben, da sei eine Grenze für sie überschritten. Sie wollte nur nach Hause."
„Das pädagogische Arbeitsfeld ist in diesem Zusammenhang sehr eingeschränkt", konstatiert Karin Hirschl, eine Sozialpädagogin, die seit 25 Jahren in unterschiedlichen Bereichen Krisenarbeit mit Kindern und Jugendlichen macht und seit fünf Jahren in der Drehscheibe arbeitet. „Von der menschlichen Ebene her sind wir sehr gefragt, aber wir stehen einander mehr oder weniger sprachlos gegenüber. Die Kleinen sind noch sehr arglos und kindlich — von der lustigen Abteilung. Die sind abgerichtet wie die Hundln und haben kein Unrechtsbewusstsein. Verschreckt sind eher die Größeren, die nach einer gewissen Bewusstseinsbildung raus aus dem Ganzen wollen." „Ab vier wird das Mädchen als Taschendiebin ausgebildet. Wenn sie zehn ist, verlange ich 10.000 Euro von meinem Nachbarklan, die sie in zwei bis drei Monaten wieder hereinbringen muss. Mit 14 hat sie dann in Österreich eine Latte an Diebstählen begangen und kommt sofort in Haft. Das erste Mal kriegt sie eine bedingte Strafe, muss innerhalb von 48 Stunden wieder stehlen gehen, wird wieder verhaftet und sitzt die ganze Strafe ab. Wir können sie nicht vor dem Diebstahl schützen", erklärt Norbert Ceipek, der dynamische Leiter der Drehscheibe. „Wenn das Mädchen nicht gut genug stiehlt, wird sie am Wochenende als Prostituierte gehandelt. Sie wird für 24 Stunden an erwachsene Türken verkauft, um 750,- Euro, der darf sie weiter vermieten. Nach 24 Stunden bringt er sie wieder." „Prostituierte werden immer jünger", meint auch Karin Hirschl. „Wir sind am Dokumentieren. Das steckt noch alles in den Kinderschuhen. Hauptsache ist, dass die Kinder merken, es passiert ihnen in unserem Krisenzentrum nichts."

Aufklärungsarbeit.
„Als im Zuge der Osterweiterung Länder wie Ungarn, Tschechien oder die Slowakei zur EU gekommen sind, habe ich schon Verschleppungen in größerem Ausmaß erwartet. Nun sind Rumänien und Bulgarien an der Reihe. Meine Beratungsstelle hat damals schon ein Konzept geschrieben, damit wir in Österreich vorbereitet sind, wenn die Grenzen aufgehen. Es ist hier aber nichts geschehen, dass diese Mädchen z.B. erwartet werden." Fevzije Bahar, die als Sprecherin der Internationalen Roma Union die Situation der Roma genau kennt, will vor allem Aufklärungsarbeit für die Eltern machen. „Die Eltern werden von den Kriminellen hinters Licht geführt, dass die Mädchen in Österreich auf Kinder aufpassen würden, in die Schule gehen können etc." Andere Gruppen von Roma kämen aber alleine her, um aus ihrer Perspektivlosigkeit in bezug auf Jobs auszubrechen. Für Roma in Bulgarien sei jeder Tag ein Kampf ums Überleben. „Ich wusste schon, dass Roma, sobald sie einen EU-Pass erhalten, versuchen werden dem Schlamassel zu entkommen und aus diesen verarmten Ländern ausbrechen werden. Banden nutzen diese fatale Situation aus. Die Eltern wollen ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen, bzw. dass die Kinder den Eltern Geld nach Hause schicken. Dass Roma-Eltern ihre Kinder einfach so in die Prostitution verkaufen würden, das kann ich nicht so im Raum stehen lassen."
Warum sind die kleinen Taschendiebinnen wohl alles Mädchen? Ceipek fuchtelt mit den Händen in der Luft herum: „Mädchen sind leichter zu schlagen. Mädchen sind von diesen männlichen Jugendlichen leichter zur Räson zu bringen. Sie sind leichter verkaufbar und billiger. Das ist ein brutales Geschäft." Norbert Ceipek will nun mit Hilfe von medialem Druck in einer Art Einzelkämpfer-Mission die bulgarische Regierung in die Knie zwingen. Bis im Juni die österreichische Ratspräsidentschaft endet, will er soweit sein. „Die Bulgaren kriegen das Problem ja nicht weg. Wenn die Mädchen schwanger sind, kommt die nächste Generation..." Das Ganze hätte natürlich einen wirtschaftlichen Hintergrund: „Wenn eine Gruppe von zwanzig Leuten meinem Land 200.000 Euro Devisen bringen, lasse ich die auch ziehen." Weiterhin würden bulgarische Mädchen um 4.000,- Euro an Bordelle in Zentralanatolien verkauft.

Schnelle Rückführung.
Ist Rückführung alles, was Österreich den Mädchen bieten kann? Ist die nicht gefährlich? Ceipek wünscht sich ein spezielles Opferschutzzentrum. „Es ist einfach nicht machbar, meine Leute arbeiten sich zu Tode. Wenn ich jetzt ein Kind bekomme, das zigmal vergewaltigt wurde, kann ich nur der Vermittler sein, der stationäre und therapeutische Hilfe bringt." Er kommt ja aus der Burschenarbeit. ãAußerdem bin ich ein Mann. Aber ich bin Sozialpädagoge, daher habe ich kein Geschlecht."
Die Interventionsstelle gegen Frauenhandel/LEFÖ nimmt in Notfällen Mädchen ab 16 auf. Wenn das Jugendamt zustimmt, kann die junge Frau bleiben. Bei der Frauenberatungsstelle Peregrina im WUK hat Georgia Sever von einem 14-jährigen Straßenkind gehört, das im fünften Monat schwanger ist. Sie erschien aber nicht zur Beratung. „Vielleicht liegt es daran, dass wir weder Bulgarisch noch Rumänisch anbieten können", meint sie. Es klafft eine große Lücke des fundierten Schutzes von Mädchen zwischen zehn und sechzehn. „Wir können nur Grundversorgung anbieten. Außerdem haben wir unsere eigene Klientel zu betreuen." Karin Hirschl wünscht sich ein spezielles Team und ein Ausstiegsszenario für diese Mädchen, „denn es gibt immer wieder Bitten der Mädchen dableiben zu dürfen, aber wir müssen ihnen klar machen, dass sie in Österreich keine Chance haben, so lange es kein Angebot gibt. Deswegen gelingt es nicht den Kontakt mit den Mädchen zu halten. Noch nicht, würde ich sagen. Aber warum das alles so ein heißes Eisen ist, ist mir ein Rätsel." „Wenn solche Mädchen nur schnell zurückgeschoben werden, wird ihre Geschichte nie aufgearbeitet werden. Die würden doch nie mit einem fremden Mann wie einem Amtsarzt über sexuelle Gewalt reden", meint Fevzije Bahar. „Wir haben in Österreich ein Gesetz, verdammt noch mal. Die Exekutive sollte dem nachgehen, wer da die Erziehungsberechtigten sind. Wenn diese begleitenden Erwachsenen wirklich über eine notariell beglaubigte Vollmacht der Eltern verfügen und die Mädchen in die Prostitution schicken, muss das bekämpft werden. Es müssen unbedingt Roma mit kulturellem Hintergrund herangezogen werden."