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Eigentlich ist der Film „Grbavica“ ein Märchen. Auf jeden Fall erzählt er eine fiktive Geschichte. Nämlich davon, wie schön es wäre, wenn sich eine Frau, die vergewaltigt wurde, über ihre ambivalenten Gefühle hinweg setzen und das aus der Vergewaltigung entstandene Baby über alles lieben könnte. „Ich hatte vergessen, dass es auf der Welt noch etwas Schönes gibt“, sagt Esma (gespielt von Mirjana Karanovic) im Film, als ihr das kleine Mädchen direkt nach der Geburt gezeigt wird. Esma hatte sich schon zur Adoptionsfreigabe entschieden, behält die Kleine dann doch, da es in ihrem Leben so direkt nach der Vergewaltigung nichts Fröhliches mehr gibt und ihr das Kind wie ein Symbol für eine bessere Zukunft erscheint.
Die Realität sieht anders aus, gibt Regisseurin Jasmila Zbanic zu, die selbst junge Mutter eines „aus Liebe entstandenen Kindes“ ist. In ganz Sarajevo, erfuhr sie während ihrer Recherchen, haben nur zwei vergewaltigte Frauen das Baby behalten. Die eine, die in einem Zwangslager inhaftiert war, hat sich nie öffentlich dazu bekannt, sie erzählte nur anonym in einer Dokumentation des bosnischen Frauenzentrums davon. Die zweite Frau wurde von ihrer Familie gezwungen, das Kind in ein Waisenhaus zu geben. Nach zehn Jahren und endlich erreichter ökonomischer Unabhängigkeit von der Familie holte sie den Jungen zu sich. „Sie arbeitete viel, um ihn zu kriegen. Sie besuchte ihn regelmäßig im Waisenhaus. Ich weiß, dass sie ihn jetzt wieder holte“, sagt Zbanic. „Viele aber wollten ihr Baby nie wieder sehen und unterschrieben die Adoptionsfreigabe. Viele Frauen haben ihre Kinder verlassen und leben mit anderer Identität irgendwo. Die UNO transportierte die Frauen in andere Länder. Besonders religiöse Frauen schämten sich und fühlten sich furchtbar, denn die Vergewaltigung bedeutete, Sex vor der Ehe gehabt zu haben.“
Eine fiktive Geschichte, um ein wichtiges Tabu-Thema den ZuschauerInnen annehmbar zu machen? Eine Anti-Geschichte sozusagen, als Trick, um eine nach so vielen Jahren noch immer schwierige Aufarbeitung von der Öffentlichkeit zu verlangen? „Gestern war die Premiere in Sarajevo“, erzählt Zbanic. „Einige Frauen aus dem Zentrum sind weinend aus dem Saal gelaufen. Ich weiß, dass viele dieser Frauen nicht ins Kino gehen werden. Sie schrieben mir, dass der Film gut ist, weil man jetzt über das Thema redet.“ Esmas Geschichte sei eine Ausnahme. „Mir ging es um eine Transformation von Hass in Liebe. Ich persönlich würde aber das Kind vor der Wahrheit schützen, weil es sehr schwer ist, die Wahrheit zu sagen.“
Neues Gesetz.
Jasmila Zbanic will die mediale Aufmerksamkeit um den Berliner „Goldenen Bären“ dazu nutzen, um etwas zu bewegen. „In unserem Land muss sich etwas verändern. Es gibt in Bosnien immer noch kein Gesetz für vergewaltigte Frauen. Sie werden immer noch als zivile Kriegsopfer behandelt, es gibt keine Spezialkategorie für sie. Daher müssen sie in langwierigen Verhandlungen beweisen, dass sie vergewaltigt wurden“, sagte sie in einem APA-Interview. Viele Frauen würden von 15 Euro im Monat leben. Jasmila Zbanic war noch in der Schule, als 1992/93 Mädchen und Frauen aus den Zwangslagern in Ostbosnien eintrafen. „Ich war schockiert, dass Sex als Waffe eingesetzt wird, um Frauen, ja sogar einen ganzen Staat zu demütigen.“ Sie sieht sexuelle Gewalt als Kriegsstrategie, ein Standpunkt, der von anderen bosnischen Frauen kritisiert wird, da er die Nationalität der Frauen und den militärischen Status der Täter in den Vordergrund stellt und bestimmte Gruppen, die nicht in den Lagern waren und von Nachbarn, Bekannten, Schulkollegen vergewaltigt wurden, ausschließt. Ein Standpunkt, der auch Zeuginnen vor dem Haager Tribunal zum Verhängnis wurde, die sich als offizielle Kriegsopfer „ein Trauma“ bescheinigen lassen mussten und dann als psychisch nicht ganz stabil von der ZeugInnenaussage ausgeschlossen wurden.
Zbanics eindringliche Dankesrede in Berlin schockierte in Belgrad. „Ein Mann von der Akademie droht mich wegen Verbreitung von religiösem und nationalem Hass anzuzeigen. Demokratische Organisationen warnten mich vor der Teilnahme am Internationalen Filmfestival. Es wäre für mich gefährlich nach Belgrad zu kommen.“ Sie fuhr aber trotzdem. Der Filmstart in Belgrad, der auf sechsten März angesetzt war, wurde mittlerweile auf unbestimmte Zeit verschoben.
Vergessener Krieg.
„Der Film löste schon im Vorfeld einen ‚big bang’ aus. Besonders bei Leuten, denen der Prozess gegen Radovan Karadzic und Ratko Mladic nicht gefällt. Rechte Parteien und ihre ultrarechte Presse starteten eine Kampagne gegen mich, weil ich als Belgraderin eine muslimische Frau spiele.“ Mirjana Karanovic ist Professorin für Drama an der Akademie und eine der berühmtesten Schauspielerinnen des ehemaligen Jugoslawiens. Sie spielte in Emir Kusturicas „Papa ist auf Dienstreise“ und in „Underground“. „Nach dem Krieg benahmen sich die Leute so, als ob die Vergangenheit einfach vorbei wäre. Vergessen wir das, sagten sie. Der Krieg ist vorbei. Dabei kennen wir die ganze Wahrheit über den Krieg nicht! Sprechen verursacht Schmerzen, aber dieser kleine Teil von Katharsis ist sehr wichtig. Ich weiß nicht, wie lange wir noch brauchen, um das schwere Erbe dieser ethnischen Konflikte zu lösen“, analysiert Karanovic, die zum Festival „Frauenwelten“ nach Wien kam. Wenn Mirjana Karanovic als Serbin eine Muslimin spielt, ist das nicht ein Zeichen, dass nicht alle SerbInnen an den realen Konflikten und am Krieg in den Köpfen beteiligt waren? „Ein Hauptproblem in meinem Land ist es, dass die Bevölkerung denkt, dass sie von anderen Ländern kollektiv des Krieges beschuldigt wird. Dieses Vorurteil ist sehr weit verbreitet. Rechte Parteien schüren den Gedanken der Kollektivschuld. Viele Leute sind verwirrt und glauben denen, die sagen, wenn die Internationale Gemeinde Karadzic und Mladic verhaften wollen, dass das gegen die gesamte Nation gerichtet wäre.“ Karanovic glaubt aber, dass momentan eine gute Zeit zur individuellen Kontaktaufnahme und dem Aufbau von Verbindungen mit Organisationen aus den unterschiedlichen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens sei, da es einen Wettbewerb, einen Kampf innerhalb der politischen Führungen gäbe, welches Land als erstes in die EU kommt. Jasmina Zbanic vergleicht die EU mit dem ehemaligen Jugoslawien: „Ich persönlich fühle mich schon lange als Europäerin. Ich sehe ja das ehemalige jugoslawische System in einem guten Licht. Für mich war es das, was die EU in anderer Form ist: Ein Zusammenschluss von Ländern jenseits von Nationalismus und Religion.“
„Sehe ich Papa ähnlich?“ fragt Sara (toll gespielt von der 1991 geborenen Luna Mijovic, die sich bei den Dreharbeiten, beim Fußballspielen im Schnee, das Bein brach). „Nein! Du siehst nur mir ähnlich!“ kommt die schnelle
Antwort. „Verschlossenheit ist das Schlimmste“, sagt die Psychologin des Frauenzentrums im Film.
„Grbavica“ zeigt deutlich das knappe Balancieren am Rande von Abgründen vorbei – im Alltag. Und da Mutter und Tochter in ihrer Symbiose nur das Nötigste reden, hat das Schlusslied des Filmes eine besondere Bedeutung: „Meine Träume will ich dir erzählen, denn über mein Glück freust du dich auch...“ |