Sammlung Essl, An der
Donau-Au 1, Klosterneuburg,
T. 0800 232 800,
www.SAMMLUNG-ESSL.AT,
10.2. bis 10.4.2005
Werkschau VALIE EXPORT,
Di-So 10-19.00, Mi 10-
21.00, 19-21.00
freier Eintritt

 


Atelier Augarten im Ambrosi
Museum, 2., Scherzerg. 1a,
T. 01/795 57-134,
www.atelier-augarten.at,
bis 20.2.2005


VALIE EXPORT:Serien,
Di-So 10-18.00
Studienraum in der Generali
Foundation: Sammlung der
Medien von und über VALIE
EXPORT

 



Die Zwischenzone

Was oder wen sehen wir "wirklich"? Die Medienkünstlerin VALIE EXPORT arbeitet mit Bildern. Anfang Februar 2005 wird in der Sammlung Essl eine Werkschau gezeigt, die bereits durch Paris, Sevilla, Genf und London tourte. Von Kerstin Kellermann

Etwas verunsichert aber brav betrachten die BesucherInnen der Vernissage ein Foto nach dem anderen, galoppieren einen Kreis um die Videokameras in der Mitte des hohen Raumes mit Glasdach, um in den Monitoren hocherfreut einen Blick auf sich selbst zu erhaschen. Denn "Split Video Mobile" ist eine "Closed-Circuit-Video Installation" (auf deutsch: ein Teufelskreis?). Einen Raum weiter werden 24 brennende Glühbirnen an langen Eisenstangen als "Fragmente der Bilder einer Berührung" in Glasbehälter mit farbigem Öl und Wasser getaucht. Im Ambrosi-Museum, zwischen Bäumen und Skulpturen am Rande des Wiener Augartens gelegen, stellt eine grande dame der Medienkunst aus: Frau Professor VALIE EXPORT zeigt "Serien" von Landschaften, Häusern, Straßen, Leitern, Zügen. In Brüchen, Verzerrungen und in verschiedenen Winkeln und Wiederholungen. Es geht ihr um die Zurichtung des Wirklichen mit Hilfe der fotografischen Apparatur, um die "unhaltbare Illusion eines objektiv Sichtbaren", um die "Darstellung der Vorstellung der Wahrnehmung" (EXPORT). Es kommt zu einer Spaltung des Blicks über die Beweglichkeit der Kamera. Im Riss, im Schnitt sehen wir ein für uns neues, ebenfalls "wirkliches" Bild. "Als Betrachter hat man nicht das Gefühl eingeengt zu werden", sagt Daniel, Kunststudent bei Gunter Damisch. "Jetzt ist mehr Distanz zu den Bildern möglich, EXPORT hat eine eigene Distanz zu ihren Bildern entwickelt, ein rethinking veranstaltet." Daniel täuscht sich: Denn der Großteil der hier ausgestellten Arbeiten stammt aus den gleichen 70er Jahren, wie EXPORTs berühmte Performance-Fotos. Bloß wurden diese anscheinend bisher nicht so beachtet, von den provokanten, spektakulären Körperbildern überlagert. Nur kurz gönnen die meisten BesucherInnen den "Schriftzeichen/Schreibversuchen" EXPORTs einen Blick, in denen sie einen Text von Michel Foucault gleichzeitig mit links und rechts schreibt, mit unterschiedlicher Konzentration auf eine oder beide Hände, oder nach Diktat, oder blind geschrieben. Foucaults Text behandelt die Konventionen der Psychopathologie, die "Verdoppelung des Körpers", die "Bildung eines alter ego", des "dämonischen Doppelgängers" - nicht nur bei PatientInnen...

EXPORT probiert Foucault aus. "so besteht die subversion in valie exports werk gerade darin, dass das innen ins außen fällt, man könnte sagen: mit der tür ins haus, und umgekehrt, dass das ganze immer aus dem fragmentierten entsteht, das stets gefahr läuft, sich in die umgebung hinein vollkommen aufzulösen oder, umgekehrt, aus der auflösung ins konkrete hinein zu materialisieren", schrieb Elfriede Jelinek 1997 in dem Text "sich vom raum eine spalte abschneiden". (Eröffnungsrede zur Ausstellung VALIE EXPORT Split:Reality, Museum moderner Kunst, 20er Haus, Wien 1997)

Images fixes. Im patriarchalen Repräsentationssystem existiert die Frau nur als Körper und als Bild, den Doubles des Realen, versucht aber gleichzeitig immer mehr zu sein als Körper und Bild. Sie ist von Bildern bedeckt. Die Bilder der Frau, die unsere Kultur erzeugt, sind Abbilder einer Realität, die als sozial konstruierte verschiedene Interessen vertritt. "In unseren Köpfen haben wir kein Foto, sondern das Bild eines Bildes", betonte EXPORT in einem Interview mit Elisabeth Lebovici für den Werkschau-Katalog. "Wir können sagen, dass wir nicht wissen, ob dieses Bild existiert, aber wir stimmen überein, dass das Objekt existiert. Das ist eine Übereinkunft zwischen allen Menschen auf diesem Planeten. Was wir sehen, hören oder fühlen, entstammt dieser Übereinkunft, dann besitzen wir aber noch eine Reihe von Bildern, die wir ganz alleine managen." Und hier findet sich die Verbindung zu ihren im Ambrosi-Museum ausgestellten Arbeiten. Bilder wurden schon immer als "Realität" gehandelt und verkauft. Doch nicht allein Bilder von Frauen. Die nordamerikanische Kunsthistorikerin Rosalyn Deutsche beschrieb vor kurzem auf einem Symposium der Sezession die Schablonisierung und Entmenschlichung der Gesichter von Osama bin Laden und Sadam Hussein und die nackten Gesichter nach der Entschleierung der Frauen Afghanistans als Beispiel der Vermenschlichung des Krieges. Mit Hilfe von "Triumphbildern", die der Unmenschlichkeit, eben dem Krieg, dienen. Feministinnen traten immer wieder auf verschiedene Weise gegen "totalisierende Bilder" auf, auch um sich den Modellen patriarchaler Transzendenz, die ein Subjekt mit Hilfe des Todes anderer, "unwichtiger" Menschen in die (mediale) Unsterblichkeit hebt, zu entziehen. Die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas, die gerade in der Bawag Foundation ausstellt, meint dazu: "Bilder anzuschauen, führt uns nicht zur Wahrheit, sondern in die Versuchung. Das bedeutet nicht, dass das Medium (Fotografie) gestorben wäre, sondern, dass alle Medien suspekt geworden sind. Nicht die subjektiven Angelegenheiten von KünstlerInnen stehen auf dem Prüfstand, sondern ihre Motivationen. Jetzt, wo wir wissen, dass Bilder bedeuten können, was immer jemand sie bedeuten lassen will, vertrauen wir niemandem mehr, besonders nicht uns selbst."
EXPORT will mit ihren Fotos, mit den Brüchen in ihren Bildern, bewusste Transformationen möglich machen: Die Grenzen zwischen realer und mö-glicher Wirklichkeit sollen sich öffnen, eine bewusste Zwischenzone, die zwischen der Wirklichkeit und ihrem Abbild liegt, entstehen. Sie vertritt die Idee eines polyphonen, intermedialen, expan-siven Prozesses - inklusive einiger Dekonstruktionen natürlich. "Die Kunst erhält ihr zufolge die Aufgabe, die Regeln des Sozialen, genauer die strukturellen Gewaltformen gewöhnlicher und kollektiver Wahrnehmung, ausfindig zu machen und zu dekonstruieren", schreibt Kurator Thomas Trummer im Augarten-Katalog. Noch eine Klammer zu den Körper-Performances.

Weiter Bogen. Die Ausstellung, die in die Sammlung Essl kommt, deckt die lange Schaffensperiode von 1965 bis heute ab. Generalkuratorin Caroline Bourgeois betonte, dass es schwierig sei, die Arbeiten EXPORTs nur an ihren Bildern zu messen, da sie vor allem eine Forscherin sei. "Ich hatte das Gefühl, meine künstlerischen Arbeiten in einen theoretischen Kontext bringen zu müssen, da dieser den Kontext des Denkens, des Lebens und weiterer Theorien ausmacht. Das Kunstwerk als solches ist nicht die Hauptsache, denn die Theorie verbindet in die heutige als auch in die vergangene Zeit, in die Geschichte und in die Zukunft", sagte VALIE EXPORT im Interview mit Elisabeth Lebovici. Die Werkschau arbeitet mit Hauptkategorien: Die Kategorie "Identität" umfasst die ersten Werke, in denen sich EXPORT mit Sex und Geschlecht befasst und in einem Akt der Sabotage "Freud gegen Freud ausspielt", wie Regis Michel im Katalog für die Ausstellung im Centre national de la photografie in Paris (2003) schreibt. Der Katalog wurde auch bei der Präsentation der Ausstellung im Centre Andaluz de Arte Contemporaneo, Sevilla (2004), im Mamco in Genf (2004) und auch jetzt im Londoner Camden arts center (2004) verwendet und tourt mit nach Klosterneuburg in die Sammlung Essl. Es folgt die Totalkunst der Performances, die "die Grenzen zwischen künstlicher und na-türlicher Realität, zwischen realer und möglicher Wirklichkeit, zwischen dem Produkt und den ProduzentInnen, zwischen dem Menschen und dem Objekt aufreißt" (Katalog). "Expanded Movies" beschäftigen sich mit dem Thema "Feminismus und Gewalt", zum Beispiel in einem Projekt zu Genitalverstümmelung. "Konzeptuelle Fotografie" setzt sich mit dem "space-time-cut" von Bildern und Images auseinander. Was ist vor dem Bild, was nachher, was ist das eigentliche Bild? Bilder können im Raum-Zeit-Schnitt nur willkürlich auseinandergehalten werden. Die Definitionen sind variabel. "Die Reorganisierung von Information tritt auf" (Katalog). Es folgen "Video Installationen und Filme", "Körper-Konfigurationen", die den kulturellen Körper-Code demaskieren sollen und "Zeichnungen". VALIE EXPORT in dem Buch "Kunst machen? Gespräche und Essays", herausgegeben von Sara Rogenhofer und Florian Rötzer: "Die Gesellschaft hat den Schock heute so in sich aufgesogen und aufgefangen, dass man das kritische Bewusstsein nicht mehr auf die alte, dadaistische und happeningartige Weise freisetzen kann." Also, auf ein Neues!

 

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