LE.F.T lesbische.film.tage
Graz
3.-5.12.2003: Rechbauerkino
6.12.2003: Café Stockwerk
Kontakt: Uma Höbel, Verein
Frauenservice Graz,
T. 0316/71 60 22-20
http://www.frauenservice.at
Fine Girls and Venus Boyz
Die "lesbischen Filmtagen Graz" sind für Frauen/Lesben der heimliche Höhepunkt der Kulturhauptstadt Graz. Von Gabi HorakHomosexuelle Menschen sind dem Mainstream in den letzten Jahren als medial aufbereitete Bilder bekannt: Man denke an die "Quotentunte" diverser Filme oder an das aufsehenerregende Coming-Out der amerikanischen Komikerin Ellen DeGeneres in ihrer gleichnamigen Sitcom. Durch Begriffe wie Cross Culture, Diversity und Queer Theory, die immer mehr in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen, wird versucht, diesen Prozess der Öffnung auszudrücken.
Ändert sich durch die erhöhte mediale Präsenz von Lesben und Schwulen die Situation wirklich zum Besseren? Oder ist auch dies wieder nur ein Trend, der von der Hollywood-Industrie auf Kosten realer homosexueller Menschen vermarktet wird? Gibt es aktuelles Filmschaffen, das Lesben im Sinne einer Gegenkultur aus ihrer exotischen, oft auf Sexualität reduzierten Ecke holen kann? Oder auch: Gibt es ein Leben nach "Ellen"?
Auf der Suche nach Antworten starten das Frauenservice Graz in Kooperation mit Labrys, Verein zur Organisation frauenspezifischer Veranstaltungen, und Eva Kuntschner mit den Lesbischen Filmtagen Graz (LE.F.T) einen Versuch, durch ein ambitioniertes Programm die Repräsentation lesbischer Lebensweisen außerhalb des Hollywood-Korsetts für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen und zu beleuchten. Letztlich ist es ein Ziel, ein längerfristiges Festival parallel zum jährlich in Wien statt findenden Identities Queer Film Festival zu etablieren.Dramen und Happy Ends. "Uns ist aufgefallen, dass es wenige Filme gibt, die lesbisches Leben zeigen, wo es zum Beispiel ein Happy End gibt, die nicht im Drama enden", erklärt Ulrike Höbel vom Frauenservice Graz die Motivation zur Initiierung von LE.F.T. Nicht zuletzt deshalb wollen die Organisatorinnen auch andere als US-amerikanische Produktionen zeigen, weil diese in den allermeisten Fällen nach dem klassischen Schema gemacht seien.
Vom 3. bis 6. Dezember werden vier sehr unterschiedliche Filme gezeigt, mit ebenso bunten Plots. "Venus Boyz" ist ein Dokumentarfilm von Gabriel Baur. Auf ihrer von langer Hand vorbereiteten filmischen Reise "durch das Universum weiblicher Männlichkeit" führt uns die Regisseurin von der vitalen New Yorker Drag-King-Szene nach London, wo sie sich selbst und ihr Publikum mit einer Gruppe von biologischen Frauen konfrontiert, die mit Testosteron experimentieren und so zu "neuen Männern" werden. Der Film spannt den weiten Bogen zwischen Männlichkeit als Performance, Subversion traditioneller Geschlechterrollen oder existenzieller Notwendigkeit und vermeidet dadurch die sensationslüsterne Talkshow-Perspektive auf "Transen" oder "Mannweiber" als schillernde Exotika.
Am nächsten Tag steht "Flying with one Wing/Tani tatuwen piyabanna" von Asoka Handagama aus Sri Lanka auf dem Programm. Manju arbeitet als Automechaniker und kehrt nach Feierabend heim zu seiner Frau Kusum. Eines Tages entdeckt er, dass er eigentlich eine biologische Frau ist. Als er die - vermeintlich - schwulen Avancen eines Arbeitskollegen ausschlägt, ist es klar, dass er sich mit seiner Weigerung, die aggressiven, sexualisierten Regeln der ausgeprägten Machokultur Sri Lankas anzuerkennen, um seinen Job und seine soziale Stellung bringen wird. Doch erst mal kehrt er heim zu seiner, wie er glaubt, ahnungslosen Ehefrau. Da sich Asoka Handagama weigerte, die massiven Forderungen der Zensurbehörde Sri Lankas zu erfüllen, hätte es dieser Film fast nicht auf die große Leinwand geschafft. Nicht zuletzt durch die Unterstützung der Intellektuellen des Landes wurde er aber doch veröffentlicht und ermöglicht nun einen leichten, humorvollen, oft ironischen Einblick in die täglichen Gemeinheiten der hyper-patriarchalen Kultur der Geschlechter in Sri Lanka.
"Fine Dead Girls/Fine mrtve djevojke" von Dalibor Matanic ist ein "Hotel California" auf kroatisch: Iva und Maria, ein junges lesbisches Paar, mieten in einer weniger guten Gegend von Zagreb eine günstige, nette Wohnung. Doch leider stellt sich schnell heraus, dass in der Miete auch NachbarInnen wie direkt aus dem Horrorfilm inbegriffen sind: Die neugierige Vermieterin, AusländerInnen verprügelnde Nationalisten, ein alter Herr, der mit seiner toten Frau lebt und ein Mann, der regelmäßig seine Frau verprügelt, sind nur ein Teil der "neighbors from hell". Als sich dann auch noch ein Nachbar in Iva verliebt, eskaliert die Situation - mit dem Effekt, dass es am Ende drei Tote gibt. In dieser Geschichte über den Kampf um Toleranz und das eigene Leben schlägt sich jene latent aggressive Stimmung nieder, mit der der Regisseur in seinem Heimatland immer wieder konfrontiert ist.
Am letzten LE.F.T.-Tag ist die Filmwissenschafterlin Eva Semmler zu Gast in Graz, um in einem Vortrag nicht nur die Geschichte von lesbischen Charakteren im Film zu illustrieren, sondern auch die Art, wie sie über die Jahrzehnte auf unterschiedlichste Weise als zum Scheitern verurteilte Perverse dargestellt wurden.
Anschließend wird mit "Go Fish" von Rose Troche ein Klassiker gezeigt. Die hippe Max beschließt, dass es nach Monaten der Einsamkeit reicht - sie will ein Date! Mit der Unterstützung ihrer Freundinnen, die sich als buchstäbliches "lesbisches Mastermind" in Max' Liebesleben einmischen, macht sie sich auf die nicht ganz so leichte Suche nach Mrs. Right. Troches Erstling aus dem Jahr 1994 ist eine der wichtigsten Independent-Arbeiten des lesbischen Kinos.
Den Organisatorinnen der ersten lesbischen Filmtage Graz war es wichtig, eine eigene Plattform für lesbisches Filmschaffen zu installieren. Eine Nische in anderen Festivals, etwa der Diagonale, wollen sie nicht einnehmen, denn dann würden sie erneut untergehen. "Dann wären wir auch ein Eck im Eck."
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