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Nachts in Passau
Von Gabi HorakKurz nach vier Uhr morgens endete meine Zugreise in der deutschen Grenzstadt Passau. "Endstation - Wir streiken", informierte das Zugpersonal. Kein Schienenersatzverkehr, keine Notunterkünfte. Statt Frühstück auf Rädern erhielten wir ein in unschuldigem Weiß gehaltenes Überlebenssackerl. Von meinem Glück, ein Familientaxi organisiert zu haben, profitierten auch zwei andere Gestrandete, die ebenfalls auf dem Weg nach Wien waren. "Warum wird eigentlich gestreikt?" fragte eine der beiden und signalisierte volle Zustimmung, nachdem ich ihr in kurzen Worten meine selbst äußerst spärlichen Informationen weiter gegeben hatte. In dieser Nacht war niemand allein in Passau! Als mir - zurück in Wien - die Schlagzeile der "Krone" zigfach in den Öffis entgegenblitzte, wonach dieser Streik von der Bevölkerung so überhaupt nicht unterstützt würde, fragte ich mich, was ich dann im Zug erlebt hatte: Kein Murren, Gelächter aus den Liegekabinen, spontane Fahrgemeinschaften. Noch kann diese Art der gegenseitigen Hilfestellung funktionieren, denn noch verlieren die meisten von uns nicht sofort ihre Jobs, wenn sie einen Tag zu spät kommen; noch haben so viele von uns ein Auto zur Verfügung, dass alle selbst oder mit anderen irgendwie nachhause kommen; noch können wir davon ausgehen, dass die öffentlichen Verkehrsmittel bald wieder und vor allem relativ zuverlässig unterwegs sind. Das ist keineswegs selbstverständlich und wird es in Zukunft auch nicht mehr sein. Denn was bei der ohnehin lückenhaften Kommunikation in den Medien vergessen wurde, ist der größere Zusammenhang, in dem die geplante Privatisierung der ÖBB zu sehen ist. Die Privatisierung von Austria Tabak, Voest, Post und ÖBB entspricht dem eindeutigen Bekenntnis der EU zum Neoliberalismus und gibt einen kleinen Vorgeschmack auf das, was GATS uns bringen wird. Die Befürchtungen der EisenbahnerInnengewerkschaft, dass sich durch die Teilprivatisierung der ÖBB die Fahrpreise um bis zu dreißig Prozent erhöhen werden, die Anschaffung neuer Züge an der notwendigen Mitfinanzierung der Länder scheitern wird und fehlende Investitionen in Regionalstrecken den Güterverkehr zurück auf die Straße verlagern wird, kommen nicht von ungefähr. Es gibt ganz konkrete Beispiele, wie sich die Regeln der Profitmaximierung auf Dienstleistungen wie den Bahnverkehr auswirken. Die British Rail in Großbritannien präsentiert sich wenige Jahre nach der Privatisierung in einem desolaten Zustand: Preiserhöhungen, Fahrplanchaos, Streckenstillegungen und vermehrte Unfälle - weil die privaten Aktionäre schnelles Geld sehen wollen und langfristige Investitionen einfach nicht vornehmen. Es gäbe dutzende Beispiele aus der ganzen Welt, wie sich die Privatisierung von Dienstleistungen auf die Qualität der Dienstleistung und auf die Lebensqualität der Menschen auswirkt. Warum wurden diese Zusammenhänge nicht kommuniziert? Nicht zufällig haben die ÖGB-Frauen volle Solidarität mit dem dreitägigen ÖBB-Streik bekundet, denn "kommt es zu einer Verteuerung der Preise oder der Einstellung von Bus- und Bahnstrecken, trifft das die Frauen besonders", warnte Frauenvorsitzende Renate Csörgits. "Frauen sitzen an den Scharnieren zwischen privat und öffentlich, zwischen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung", erklärte Claudia von Werlhof kürzlich und fordert den Frauen-Streik als letztes Mittel gegen GATS ein. Und Frauen, die ihre Arbeit niederlegen, wären nicht zum ersten Mal erfolgreich: Am 3. Mai 1893 organisierte die erst siebzehnjährige Amalie Ryba den ersten Frauen-Streik in Österreich: 700 Fabriksarbeiterinnen legten ihre Arbeit drei Wochen lang nieder und konnten schließlich teilweise bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen. 1975 beteiligten sich 95 Prozent der weiblichen Bevölkerung an einem Frauen-Streik, der Island für einen Tag lahm legte. Auch die Isländerinnen konnten einige ihrer Forderungen nach besseren Lebensbedingungen durchsetzen. In Österreich riefen die "Wüden Weiba" im Dezember 2000 zum Frauen-Streik auf: Jeden Dienstag sollte frau ihre Arme verschränken und einen Einsparungstag einlegen. Dieser Protest gegen die neoliberale Politik währte jedoch nicht lange - zu klein war die Plattform, auf der dieser Streik basierte. Ein durchorganisierter Frauen-Streik-Tag wie in Island ist in Österreich derzeit unwahrscheinlich. Doch die Option ist präsent und nach dem Streik der ÖBB meinen ExpertInnen, dass die Hemmschwelle für Streiks niedriger geworden sei. Vielleicht ist es an der Zeit, diverse Frauen-Streik-Pläne aus den Schubladen zu holen? Vielleicht ist viel mehr möglich, als wir bisher zu denken wagten - dachte ich leise: Nachts in Passau.