Meine Flügel brennen!

Die promovierte Philosophin Gianna Nannini präsentierte im Oktober ihr neues Album "Aria" in der Szene Wien und sprach mit Angelika Kronberger und Claudia Saller über ihre (musikalischen) Wurzeln, sexuelle Identität und politisches Engagement. Foto von Magdalena Blaszczuk

Wer kennt sie nicht, die Ohrwürmer des Italo-Rock "Fotoromanza", "Bello e impossibile" oder "I maschi." Die 80er Jahre waren die Zeit des größten Erfolgs der 46-Jährigen aus Siena, danach wurde es in musikalischer Hinsicht zumindest jenseits der Grenzen Italiens etwas ruhig um Gianna Nannini. Im April 2002 brachte sie ihr Album "Aria" heraus und ist nun mit neuer Band und zeitgemäßem, elektronisch akzentuiertem Sound wieder auf Europa-Tournee. "Deswegen fließt das Wasser trotzdem die Donau hinunter", so der Kommentar des Taxlers, der uns nach Simmering zur Szene Wien bringt. Dort stehen wir dann gemeinsam mit der italienischen Community Wiens sowie extra aus Italien angereisten Fans zunächst in Regen und Kälte vor verschlossenen Türen. Zu dieser Zeit sollte unser Interview schon längst begonnen haben, aber der Termin verschiebt sich um einige Stunden. Erst nach dem Konzert hat Gianna für uns Zeit.

Vita. Sie habe bereits mit sieben Jahren nichts anderes als Musik machen wollen, erzählt uns Gianna, die aus einer toskanischen Konditorei-Dynastie stammt. Mit ihrer Familie hat sie heute allerdings keinen Kontakt mehr, das Unternehmen hat ihr Bruder Alessandro übernommen. Sie selbst studierte am Konservatorium Klavier und wandte sich nach einer Verletzung an den Fingern der Rockmusik zu. Mit neunzehn Jahren verlässt sie Siena in Richtung Mailand, um sich ausschließlich ihrer Bestimmung zu widmen. Als musikalisches Vorbild in dieser Zeit nennt sie Janis Joplin, mit deren Gesangstechnik sie sich intensiv auseinandergesetzt habe. Joplins Stimme sei eine wichtige Inspiration für sie gewesen.
Gianna Nanninis erstes Album kommt bereits 1976 heraus. Wirklich bekannt wird sie in Italien jedoch mit dem 1979 erschienenen Album "California", das nach einem mehrmonatigen Aufenthalt an der amerikanischen West-küste entsteht. Der Song "America" ist wochenlang Nummer Eins in den Charts. Für Aufsehen sorgte allerdings auch das Plattencover: Die amerikanische Freiheitsstatue mit Vibrator in der emporgestreckten Hand.

Ventilatore. Sowohl auf Giannas Homepage als auch auf dem Cover des aktuellen Albums findet sich das Symbol eines Ventilators. L´aria - die Luft - zieht sich als zentrales Element durch die poetischen Texte der im Luftzeichen Zwilling geborenen Nannini, wie sie selbst nicht müde wird zu betonen. Themen sind das Loslösen und Abheben von einer einengenden Welt, die Einnahme einer anderen, neuen Perspektive - am liebsten von oben. Selbst ihre Freizeitgestaltung passt zum neuen Album: "Ich liebe all jene Sportarten, mit deren Hilfe ich die Schwerkraft überwinden kann und die mich dem Himmel näher sein lassen, wie Snowboarden oder Bergsteigen." Frischen Wind und einen maßgeblichen Beitrag zu den lyrischen Höhenflügen brachte die Kooperation mit der jungen italienischen Schriftstellerin Isabella Santacroce. "Diese Texte sind zutiefst persönlich", sagt Gianna, während sie bei der Beantwortung unserer Fragen fließend in die Rezitation ebendieser Liedtexte übergeht.
Und spätestens wenn sie über Entgrenzungserfahrungen in der Liebe singt, kommt neben der Luft auch ein bisschen Feuer ins Spiel. "Stellvertretend für alle Frauen möchte ich weibliches Selbstbewusstsein verkörpern, die Energie, die Macht, die Schönheit, sich selbst zu akzeptieren und auch die eigene Eitelkeit: Ich bin mächtig, ich bin so schön wie Gott, capito? Es ist mir egal, was die anderen über mich sagen, denn ich fliege so hoch, ihr könnt meine Flügel nicht berühren, denn meine Flügel brennen!" Und was brennt sonst noch im Leben von Dottoressa Nannini?

Amore. Im Juni 2002 hatten österreichische Fans endlich Gewissheit über Giannas sexuelle Präferenzen: www.diestandard.at berichtete über ihr Outing im Rahmen eines Interviews, das auf www.gay.it veröffentlicht wurde. Darauf angesprochen, verdreht sie nur die Augen: Fragen über ihre Bisexualität finde sie langweilig, seit zwanzig Jahren müsse sie zu diesem Thema Stellung nehmen. Ob es nicht reiche, dass sie damals im Lied "Lei" ihre Erfahrungen mit Frauen beschrieben habe - das sei doch bitteschön Outing genug gewesen, oder? Aber das Problem sei eben, dass es noch immer diese Vorurteile gebe, dass Homo- oder Bisexualität noch immer nicht einfach "normal" sei. "Die Leute haben generell ein Problem mit sexuellen Identitäten. Unter diesen Bedingungen zur eigenen Sexualität zu finden, ist keine einfache Sache", bedauert Gianna. Und deshalb sei es für sie wichtig, hinauszugehen, sich zu zeigen, jegliches "Ghetto" zu verlassen und sich von allen Zwängen zu befreien. Um zu verhindern, dass Homosexualität in der Öffentlichkeit immer nur in Form eines Karnevals sichtbar wird. Besonders schrecklich sei die Tatsache, dass die Unfähigkeit der Gesellschaft, Homosexualität zu akzeptieren, auch heute noch junge Menschen in den Selbstmord treibe.

Politica. Als Kämpferin der lesbisch/ schwulen Bewegung oder der Frauenbewegung möchte sie nicht verstanden werden: "Ich fühle mich eher als Teil eines Freiheitskampfes, der anarchistischen Bewegung. Es geht darum, nicht nur die Frauen oder nur die Männer zu befreien, sondern alle Menschen!" In diesem Sinne meidet sie auch reine Frauenräume. "Es ist nicht zielführend, nur für eine Sache zu kämpfen", ist sie überzeugt. Entsprechend vielfältig hat sich Gianna Nannini in den letzten Jahren politisch betätigt: Von Greenpeace über Tibet bis zu Amnesty International unterstützte sie unterschiedliche politische Anliegen und Organisationen. Zurzeit sei es aber das wichtigste, "alle Armeen aus der Welt zu schaffen!" Doch auch in Giannas Heimat Italien gebe es mit einem Premierminister Berlusconi, der über ein de facto Medienmonopol verfügt und Gesetze zu seinen persönlichen Gunsten verändert, Anlass genug, politisch aktiv zu werden. Auf Initiative des Regisseurs Nanni Moretti hatten KünstlerInnen im Laufe des Jahres 2002 mehrmals öffentlich gegen Berlusconi und dessen Politik protestiert. Wenn Gianna nicht auf Tour gewesen wäre, hätte sie diese Initiative stärker unterstützt, erzählt sie uns. Aber: "Grundsätzlich denke ich, Berlusconi ist nur eine Marionette, er ist nicht wirklich wichtig in Italien." Wer denn in Italien wirklich wichtig sei? "Jemand anderer, aber ich kenne den Namen nicht."

Erotica. Während des Konzerts wundern wir uns, dass Gianna überhaupt nicht mit dem Publikum spricht. Unsere bösartige Vermutung, dass Konzerte nach all den Jahren für sie vielleicht nur noch Pflichtübungen sind, die sie eher lustlos absolviert, kann sie nicht bestätigen. "Ein Konzert ist ein Konzert. Während des Konzerts zu sprechen, lenkt mich von der erotischen Spannung ab, die sich zwischen mir und dem Publikum aufbaut. Das ist eine erotische Show für mich!" Das enthusiastische Wiener Publikum, eingeschworene Fans zwischen 15 und 70, schien diese Ansicht durchaus zu teilen. Ans Aufhören denkt Gianna Nannini übrigens noch lange nicht. Sie wolle auf der Bühne stehen, bis sie 90 Jahre alt sei. Bis dahin wird noch viel Wasser die Donau hinunter fließen...

 

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