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Versager
Von Kerstin Kellermann

So überrascht und überwältigt vom Wahlergebnis war die Generalsekretärin der ÖVP, Maria Rauch-Kallat, dass sie im Fernsehen in ihrer ersten Reaktion IHM dankte - in diesem Fall nicht Schüssel, sondern dem lieben Gott! An ihr und den ÖVP-Frauen mit ihrer Kampagne "stark-schwarz-weiblich" kann es also kaum gelegen sein, dass sich 43 Prozent aller Frauen dafür entschieden haben, "diesmal" den Konservativen ihre Stimme zu schenken. Überhaupt war der Wahlkampf total auf den männlichen Spitzenkandidaten zugeschnitten - ähnlich den anderen Parteien. Neben dem bourgeoisen Selbstbewusstsein eines "Wirtschaftsprofessors" wirkte Eva Glawischnig auf Platz 2 der Grünen etwas zerbrechlich, bemüht und höflich, aber inhaltlich farblos. "Hübsch" war das Attribut, das ihr die Medien zuwiesen. Justiz- und Minderheitensprecherin Terezija Stoisits durfte erst - gedrückt, aber eloquent wie immer - das Wahlergebnis kommentieren. Spitzenkandidat Gusenbauer überstrahlte die restliche SPÖ - mit dem Ergebnis, dass z.B. die Ottakringer-Gemeinderätin Nurten Yilmaz in Wien fast doppelt so viele Vorzugsstimmen erhielt wie Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl. Allein in Kärnten gelang es Landesparteivorsitzender Melitta Trunk aus dem medialen Nichts hervorzutauchen. War Frauensprecherin Barbara Prammer eigentlich auf Urlaub? Bei der FPÖ sind Frauen wenigstens noch schmückendes Beiwerk und daher vorzuzeigen: Frauenminister Haupt versprach für die stellvertretende FP-Obfrau Magda Bleckmann ("jung und hübsch" - und laut Profil vom Reichtum ihrer Familie her aus Werken, die arisiert wurden) das bunjee-jumping-Seil vom Donauturm zu testen, wenn seine Partei über 15 Prozent Stimmen bekäme. Warum also wählten so viele Frauen Wolfgang Schüssel? Wo kommen die Stimmen plötzlich her? Sind das Nichtwählerinnen oder ehemalige Riess-Passer Fans, der Sportministerin mit der größten Auswahl an Stöckelschuhen? Wolfgang bot Susi sogar Exil in der ÖVP an - allein, sie wollte nicht. Und mit der Theorie, dass es nur am feschen Grasser liegen würde, der den Frauen so elegant das Geld aus der Tasche ziehen kann, wird nur wieder der angebliche Masochismus von Frauen beschworen, den sich manche Männer wünschen... Ich glaube nicht, dass Frauen dumm sind. Ich denke, sie gestehen sich ihre Realität nicht ein: Viele Frauen leben unter der Armutsgrenze, ob im Notstand, in der Arbeitslose oder mit Minimallöhnen in Teilzeit- oder Vollzeitjobs. Auch mit dem von PolitikerInnen viel gepriesenen Kindergeld kann eine Frau nicht ohne Mann überleben. Doch viele Frauen machen sich was vor. Eine meiner Bekannten brach sich den Arm bei einer Arbeit, die nicht angemeldet war. Dann wurde ihr der Notstand gestrichen, weil sie bei dieser Arbeit ja verdient hatte. Trotz diesen eigenen Erfahrungen schimpfte sie laut über "Leute, die nicht arbeiten wollen und lieber demonstrieren - diese Versager". Sie selbst sei kein "Versager" - sondern die anderen. Sie inszenierte Armut als Schande und fiel auf die bürgerliche Ideologie herein: wer arm ist, ist selber schuld und wird schon dazu beigetragen haben. Sie fühlte sich als Aufsteigerin, gehörte für sich zu "denen da oben", machte Schulden für das entsprechende Outfit und den Lebensstil. Fassade ist alles und tief drinnen glaubt sie selbst, dass die Reichen und Schönen ihr wahres Publikum abgäben. Wer will schon zu den "sozial Schwachen" (Gusenbauer) gehören? Klingt wie eine Krankheit, gestörte Kommunikation oder so. Aufsteiger sind gefragt! Wenn Innenminister Strasser in Wahlkampfzeiten Flüchtlinge auf die Straße stellen lässt, der Caritas die privatwirtschaftliche Rute ins Fenster stellt, verabschiedet sich die ÖVP vom caritativen, gebildeten "Großbürger". Übrig bleibt die blanke Wirtschaft. Und weder mit Flüchtlingen noch mit Alleinerzieherinnen lassen sich großartige Geschäfte machen. Wohin nun mit all den Frauen, die auf BildungsbürgerInnentum, auf Universität und Humanität setzten und dachten, dafür Anerkennung zu erhalten? Wählen Frauen in unsicheren Zeiten wirklich ihre eigenen Henker, die Sicherheit und Macht ausstrahlen? Wenn Frauen sich eingestehen würden, wie ihre realen Lebensumstände sind, wie sie oft trotz Bildung in Armut leben, wie sie im Falle von Scheidung oder im Pensionsalter abgesichert sein werden, müssten sie sich anders entscheiden. Denn die Zeiten, in denen ein "guter" Ehemann oder ein großzügiger Vater "hübsche" Frauen finanziell rettete, sind vorbei - falls es sie jemals gegeben hat. Auch Männer spüren die niedrigen Löhne in vielen Bereichen, wenn sie nicht zu den Wenigen gehören, die Unmengen verdienen - mehr als sie jemals brauchen. Diese Profiteure sind die eigentlichen Schüssel-Wähler.

 

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