Foto: Johannes Novohradsky

 

 

1 Frente Sandinista de
Liberación Nacional (FSLN) -
Sandinistische Front der
Nationalen Befreiung

2 Die Familie Somoza regierte
Nicaragua mit Unterstützung
der USA mehr als vierzig Jahre
mit größter Brutalität. Während
der regierende Familienclan
immer reicher wurde, verarmte
die Bevölkerung immer mehr.
Oppositionelle wurden
umgebracht. Hilfslieferungen
für die Opfer der großen
Erdbebenkatastrophe 1972
wurden einfach in die
Familienkassa umgeleitet.

3 übersetzt “Das Land unter
meiner Haut", erschien unter
dem etwas unglücklich
gewählten Titel “Die Verteidigung des Glücks"
auf deutsch

4 Pan y Arte &endash; Brot und Kunst

5 "Ich bin Sehnsucht - verkleidet als Frau". Gedichte spanisch/deutsch. Peter Hammer Verlag 2003

6 Carlos Fonseca war Mitbegründer der FSLN. Er starb 1976 im Zuge eines Gefechts mit der Armee.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ode an das Leben
Mit ihrem neuesten Buch, das soeben auf deutsch erschienen ist, tourt Gioconda Belli, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin aus Nicaragua, durch Europa. Ihre Lesereise führte sie auch nach Wien, wo Karin Eckert auf sie wartete.

"Frau Belli kommt gleich, sie muss sich nur noch ein bisschen herrichten", begrüßt mich die Veranstalterin in den Räumen der Österreichischen Beamtenversicherung. Einige Minuten später: "Frau Belli kommt erst später. Ihr ist das alles etwas zu viel. Immerhin hat sie schon 17 Lesungen hinter sich und sie ist doch schon fast sechzig Jahre alt." Endlich ist es dann doch so weit: SIE steht vor mir! Gioconda Belli! Ich bin irritiert. Ist das die Frau, in deren Gedichte, nein, in die ich mich verliebt habe? Ist das die ehemalige Companera, die Genossin, die im Untergrund gegen die Somoza-Diktatur in Nicaragua gekämpft hat? Ein Traum von einer Frau, die sich ihrer Ausstrahlung sehr bewusst ist. In ihrem eleganten Outfit und dem perfekt geschminkten Gesicht erinnert sie eher an eine Repräsentantin der Oberen Zehntausend als an eine ehemalige Guerrillera.
Lässig setzt sie sich, verlangt noch eine Zigarette, bevor das Interview losgehen kann. Ich bin wohl meinem Klischeebild von der toughen Guerrillakämpferin aufgesessen, obwohl Bellis Antrieb immer die Liebe war: die Liebe zu den Menschen, die Liebe zum Leben, die Liebe zu ihrem Geschlecht, die Liebe zu Nicaragua.

Die Kämpferin. Dass sie sich 1970 der Sandinistischen Befreiungsbewegung1 gegen die vierzigjährige Diktatur General Somozas2 angeschlossen hat, ist genau aus dieser Motivation heraus geschehen, denn als Mitglied der nicaraguanischen Oligarchie hätte sie ein bequemes Leben wählen können. Doch sie entschied sich anders.
In ihrer Autobiografie "El País bajo mi Piel"
3 erzählt sie grundehrlich von den Ängsten und Zweifeln, die ihr Leben damals bestimmt haben. Sie zeichnet das Bild einer großbürgerlichen Ehefrau, die sich langsam in eine Kämpferin verwandelt, die ihr Leben aufs Spiel setzt, um ihre Träume - ein freies, demokratisches Nicaragua ohne Armut - Realität werden zu lassen. 1979 - nach fast zehn Jahren Guerrillakampf - fliehen Somoza und seine Leute aus Nicaragua. Zu diesem Zeitpunkt lebt Belli bereits im Exil in Costa Rica - zu gefährdet war sie aufgrund ihrer politischen Aktivitäten in Nicaragua. Die SandinistInnen übernehmen die Macht, Belli kehrt zurück, um wichtige Positionen innerhalb der neuen Regierung einzunehmen. Sofort nach der Revolution wird die Todesstrafe abgeschafft. Nicaragua wird zum Vorbild einer Revolution, die ohne Rache und Unterdrückung auskommt. Eine Gesundheitsversorgung, die sich auch die Ärmsten leisten können, wird aufgebaut. In einer großen Kampagne lernen die Menschen lesen und schreiben. Neue Schulen und Wasserleitungen werden gebaut.
Die Verwirklichung der Träume scheint zum Greifen nahe, als 1983 die USA unter Präsident Ronald Reagan einen "Krieg niedriger Intensität" in Nicaragua beginnen. Die Contras, von den USA unterstützte paramilitärische Einheiten, versuchen, die Sandinistische Utopie zu beenden, das Land durch Terror zu destabilisieren. 1984 verminen die USA die Häfen Nicaraguas und verhängen ein Handelsembargo. Da die Militärausgaben immer mehr ansteigen, müssen ab 1985 die Sozialausgaben nach und nach gesenkt werden. Die Staatsausgaben werden eingefroren und die Subventionen für Grundnahrungsmittel abgeschafft. Die Unsicherheit und damit auch die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wachsen. Hatten die Sandinistlnnen die ersten freien Wahlen Nicaraguas 1984 noch mit großer Mehrheit gewonnen, so stimmte die Bevölkerung 1990 mehrheitlich für das antisandinistische Bündnis unter Violeta Chamorro. Enttäuscht darüber, dass die "Frente" ihre Prinzipien und Visionen verloren hat, sich unter der Führung Daniel Ortegas in eine Partei wie jede andere verwandelt hat, erstarrt ist und interne Demokratie nicht zulässt, migriert Belli 1994 in die USA. Heute lebt sie abwechselnd in Managua und Californien.

Die Dichterin. Ihr Frausein durchzieht Bellis Leben. In ihrer Zeit bei den SandinistInnen wird ihr ihr Geschlecht immer wieder im negativen Sinne vor Augen geführt - trotzdem die SandinistInnen sich in schönen Reden zur Gleichberechtigung der Frau bekennen. Aber auch in ihren Romanen und Gedichten ist ihr Frausein ein dominantes Thema. Belli feiert ihr Geschlecht, die Liebe, die Sexualität. Ihre erotischen Gedichte waren in den 1970er Jahren ein Skandal - eine verheiratete Frau, die selbstbewusst Ja zu ihrem Körper und der weiblichen Lust sagt, sorgte für Aufsehen. "Meine Literatur ist die Vision der Welt aus der Perspektive der Frau", meinte sie in einem Interview. Die Protagonistinnen ihrer Romane sind aktive Frauen, die mit Konventionen brechen. In ihnen spiegelt sich Belli wider, die ihre Phantasien stets auslebte, nicht wenige Lieben hinter sich hat, bevor sie - in Zeiten des Contrakrieges besonders brisant - ausgerechnet bei einem US-Amerikaner die Liebe ihres Lebens findet.
Diese Frau ist mit sich im Reinen, sie strahlt eine Gelassenheit aus, die sie wohl erst erreichen konnte, indem sie Höhen und Tiefen des Lebens durchwandert hat. "Es ist, wie es ist" könnte ihr Lebensmotto sein, was nicht bedeutet, dass sie fatalistisch wäre oder dass sie nicht ihre Stimme erhebt, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten anzuprangern.
Bis heute ist Gioconda Belli nicht nur Schriftstellerin, sondern gleichzeitig eine hochpolitische Frau. Ihr neuester Gedichtband ist Zeugnis der Vielseitigkeit Bellis. "Ich bin Sehnsucht - verkleidet als Frau" ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Die Gedichte erzählen von großen Gefühlen - der Liebe, der Sehnsucht nach Nicaragua - wie von Alltäglichkeiten - einem Stück süßer Schokolade, einem Besuch im Eisgeschäft -, die das Leben genauso bereichern. Sie beschreibt ihre Beziehung zum Computer genauso poetisch, wie ihre Sehnsucht nach Adriana, ihrer Tochter.
Mit ihrer Lesereise beweist sie einmal mehr, wie sehr ihr Herz noch an Nicaragua hängt: Mit den Einnahmen unterstützt sie die Organisation Pan y Arte
4, die in Nicaragua mehrere Hilfsprojekte für Kinder aufgebaut hat.

an.schläge: Sie sind hier, um Ihr neues Buch5 zu bewerben, das auf deutsch übersetzt wurde: Gerade bei Poesie zählt jedes Wort: Ist es nicht schwer, das jemandem zur Übersetzung zu überlassen?

Gioconda Belli: Es gibt immer einen Teil, der durch die Übersetzung verloren geht. Aber man muss auch bedenken: Wenn es keine Übersetzungen gäbe, hätten wir weder Aristoteles, noch Platon lesen können. Die Geschichte der Menschheit ist auch die Geschichte des Wunsches, über die Sprachen zu kommunizieren. Und auch wenn etwas verloren geht: Es bleibt eine Essenz, die vermittelt wird. Ich glaube, ich hab großes Glück gehabt, weil die Übersetzungen meiner Bücher - auf deutsch - sind sehr gut. Zumindest haben mir das viele Leute gesagt.

Verstehen Sie die Literatur als politischen Akt oder ist es mehr eine Befriedigung persönlicher Bedürfnisse?

Beides. Ich glaube, die Literatur drückt die Gesamtheit der Existenz aus. Für mich ist es manchmal ein spielerischer, sehr lustvoller Akt, manchmal ist es eine Form, meine Wut auszudrücken. Manchmal schreibe ich als Individuum, manchmal als soziales Wesen. Es hängt alles vom Moment ab. Die Literatur hat die enorme Fähigkeit, verschiedenste Dinge zu transportieren. Und deshalb kann man sie als sehr wandelbares Instrument einsetzen.

Das heißt Sie verstehen Literatur als...

...als Waffe. Absolut! Ich denke, das Wort macht uns zum Menschen. "Am Anfang war das Wort" - das ist das wichtigste, das die Bibel sagt. Das Wort hat eine außergewöhnliche Macht. Wenn du schreiben kannst, übernimmst du damit Verantwortung gegenüber anderen, nicht nur gegenüber dir selber. Wir sind aber auch verantwortlich dafür, Lachen hervorzurufen, zu genießen, dass wir Menschen sind. Die Politik und die größten Kampfe, die wir als Menschen ausfechten, sind im Grunde genommen eine Suche nach Glück.

Ich habe den Eindruck, dass in Lateinamerika die sozialkritische Literatur stärker ausgeprägt ist, als z.B. in Europa.

Weil in Lateinamerika auch die Ungerechtigkeiten viel größer sind. Und klar, jeder Schriftsteller antwortet auf seine Umgebung. Und in unserem Fall müssen wir über unsere Realität sprechen, eine Realität extremer Ungerechtigkeit. Man müsste blind sein, herzlos, das nicht zu thematisieren. Ich als Nicaraguanerin, die in einem kleinen Land lebt mit all seinen Charakteristika, könnte nicht über die Opfer der Modernität schreiben. Das würde nicht authentisch werden. Umgekehrt - jemand, der die lateinamerikanische Realität nicht gelebt hat, kann zwar über Lateinamerika schreiben aber aus seiner Perspektive.

Ein Gedicht, das mich sehr berührt hat, war jenes für Carlos Fonseca6. Da ist eine Mischung aus Traurigkeit, Wut, Frustration und vielleicht auch Scham spürbar. Ist es das, was Sie fühlen, wenn Sie die Entwicklungen der letzten 25 Jahre betrachten?

In diesem Moment - das Gedicht habe ich 1989 geschrieben - gab es eine große Krise innerhalb der Sandinisten. Es war ein Gedicht, das die ganze Traurigkeit ausdrückt, darüber, was nicht realisiert werden konnte. Auf der anderen Seite habe ich den Verrat an all den Menschen gespürt, die gestorben sind, um ein Projekt wie die Sandinistische Revolution zu verwirklichen - ein Projekt, das mit so viel Liebe, Energie und Mut begonnen wurde. Ich denke, dieser Zorn ist wichtig. Es ist aber auch wichtig, die Erkenntnis zu erlangen, dass die Geschichte sehr lang ist und unser Leben sehr kurz. Wenn nur das zählt, was man erlebt, dann müsste man ständig frustriert und deprimiert sein. Man muss erkennen, dass man die Verpflichtung hat, den Karren der Geschichte voranzutreiben für die kurze Zeit, die man hier ist. Diesen Karren werden später andere weitertreiben. Ich denke, es ist sehr schwierig, dass man seine Träume im eigenen Leben verwirklicht sieht. Aber das heißt natürlich nicht, dass ich nicht zornig bin über bestimmte Verhaltensweisen, über Daniel Ortega, wenn er sich für jede Wahl selbst als Kandidat aufstellt, dass es mich nicht traurig stimmt zu sehen, in was sich die "Frente" entwickelt hat, in welcher Situation Nicaragua heute ist.

Gibt es im heutigen Nicaragua einen Lichtschimmer? Gibt es einen Kampf auf einer anderen Ebene?

Auf zivilgesellschaftlicher Ebene passiert sehr viel. Das wird einmal sehr wichtig werden. Es gibt viel Untergrundarbeit, die man nicht sieht. Es gibt viele Frauengruppen, die zusammen lernen, die sich treffen, die wichtige Diskussionen geführt haben. Aber seit Anfang der 1990er Jahre gibt es auch einen Backlash seitens der Kirche und einer ideologisch äußerst reaktionären, konservativen Gruppe, die sich unter die Fittiche der Katholischen Kirche begeben hat. Die fahren einen Frontalangriff gegen die fortschrittlichsten Ideen, vor allem gegen die Frauen. Weil das sind Themen, die speziell Frauen betreffen, wie z.B. Sexualität, Abtreibung. All diese Themen werden derzeit intensiv diskutiert und die Einstellungen sind sehr rückständig. Das sind die Einstellungen, die über die wichtigsten Medien verbreitet werden, weil alle Medien Angst haben, gegen die Kirche aufzutreten. Ein anderes großes Problem ist, dass die Regierungen, die nach der Revolution gekommen sind, sich mit der Kirche gut stellen wollten. Das heißt, momentan hat die Kirche eine sehr große Macht in Nicaragua.

Wie hat sich die Situation der Frauen in Nicaragua durch die sandinistische Revolution verändert und auch nach der Abwahl 1990?

Ich glaube sie ändert sich immer noch, denn die Revolution hat ein wichtiges Sediment hinterlassen - da gibt es kein Zurück mehr. Ich glaube, wenn der Kampf der Frauen - nicht nur in Nicaragua, sondern auf der ganzen Welt - einmal begonnen hat, kann das nicht mehr rückgängig gemacht werden, auch wenn die Fortschritte sehr langsam erfolgen. Die Frau, die sich befreit hat, geht nicht mehr zurück. Es gibt Kräfte, die die Frauen zurück nach Hause schicken wollen. Wenn die Frau überhaupt zurückkehrt, dann geht sie aber nicht mit der selben Mentalität zurück, fordert z.B. von ihrem Mann mehr Partizipation im Haushalt etc. Was interessant ist: Seit den 1990er Jahren haben die Frauen in Nicaragua mehr öffentliche Posten besetzt als je zuvor - und wichtigere Positionen. Ironischerweise hatten wir unter der Regierung Chamorro nicht nur eine Präsidentin, sondern auch eine Nationalratspräsidentin, eine Polizeipräsidentin. Heute ist der Vorsitz des Obersten Gerichtshofes von einer Frau besetzt. Wir haben jetzt Frauen an sehr wichtigen Positionen sitzen, nicht nur in der Regierung, sondern auch in den Parteien. Die Mehrheit der RichterInnen sind Frauen. Im Parteiapparat der Sandinisten gab es auch sehr viele Frauen, aber eher im Mittelbau. Mit dem Regierungswechsel 1990, als wieder traditionelle Regierungen an die Macht kamen, mussten diese die Frauen für sich gewinnen, denn die Frauen hatten eine bessere Bildung als früher - durch die Arbeit der Sandinisten! Welche Ironie! Das heißt, die Frauen waren durch die Sandinisten besser vorbereitet, um ein öffentliches Amt zu übernehmen.

In Ihrer Autobiografie "El País bajo mi Piel" gibt es viele Szenen, in denen deutlich wird, dass die Frauen in der "Frente" durchaus um ihre Rechte kämpfen mussten. Hat es von Anfang an Diskussion über die spezielle Unterdrückung der Frauen innerhalb der Bewegung gegeben?

Ja, von Anfang an. Und es gab auch eine eigene Frauenbewegung. Die Rolle der Frau wurde sehr diskutiert. Auch Carlos Fonseca riet den Frauen in der Guerrilla; "Wascht bloß nicht den Companeros die Wäsche!"

Eine Guerrillera hat einmal in einem Interview gemeint: "Nachdem der Krieg zu Ende war, hat man von denselben Frauen, die an der Front gekämpft hatten, erwartet, dass sie als Hausfrauen nach Hause zurückkehren!"

Nein, so extrem war das nicht! Die Frauen hatten eine wichtige militärische Rolle inne, aber mit dem Triumph der Revolution wurde das Heer neu strukturiert und die Frauen aus der kämpfenden Position entfernt. Ich glaube, es ist keine große Errungenschaft für die Frauen, an Kämpfen teilzunehmen. Der Krieg ist ein eminent männliches Instrument. Die Frauen sollten die Diplomatie der Welt beherrschen, da wären wir in viel besseren Händen. Denn die Frauen müssen die Konsequenzen des Krieges zahlen, mehr als die Männer.

Hier in Europa wird das Bild von Lateinamerika stark vom sogenannten "Macho" dominiert. Existiert der Machismo tatsächlich, oder ist das eine rassistische Projektion, die "die Europäerin" über "die Lateinamerikanerin" stellt?

Ich denke, Machismo gibt es überall. Ich habe den Eindruck, in den entwickelten Ländern gibt es einen raffinierteren, heimtückischeren Machismo. Die Frauen in den entwickelten Ländern haben nicht im geringsten Gleichheit erreicht. In Frankreich z.B. - angeblich ein so zivilisiertes Land - ist die Diskussion über Gleichberechtigung wieder aufgeflammt, weil sie draufgekommen sind, dass sie bezüglich Partizipation hinter Griechenland her hinken. Das spiegelt eine soziale Konditionierung wider, eine fehlende Entwicklung - weltweit. Ich denke, der Machismo kann sich auf vielerlei Weise präsentieren. Die Gewalt gegen Frauen in Spanien z.B. ist ganz schrecklich! Da gibt es kaum Unterschiede zwischen den ärmsten und den reichen Ländern. Und das ist das Tragische, dass die Frau weiterhin unterdrückt ist, auch in Gesellschaften, die eine gewisse Entwicklung erreicht haben. Das heißt, dieses "Entwicklungsniveau" muss hinterfragt werden. Denn, wie sagte Marx: "Die Entwicklung einer Gesellschaft kann am Grad der Befreiung der Frauen gemessen werden."

In ihren Büchern und in Interviews ist das Thema Frauen sehr präsent. Ich habe mich gewundert, nie das Wort "feministisch" gelesen zu haben. Bezeichnen Sie sich nicht als Feministin?

Natürlich! Ich bin konsequente Feministin! Ich schreibe als Feministin und ich denke, meine Poesie ist eine absolut feministische. Ich muss mich nicht Feministin nennen, damit man merkt, was ich bin, dass da eine Feministin spricht und schreibt.

Ihre erotischen Gedichte waren am Anfang ein Skandal! Wie werden Ihre Gedichte heute in Nicaragua aufgenommen?

Durch den Backlash sind sie auch heute noch ein bisschen skandalträchtig, aber man erlaubt es mir inzwischen. Gewisse Dinge erreicht man durch das Alter und durch das Prestige als Autorin. Heute hab ich kein Problem mehr, weil ich nicht mehr das junge Mädl von damals bin, die gerade anfängt zu schreiben. Heute genieße ich Anerkennung. Diejenigen, die denken, ich sei zu gewagt, trauen sich nicht laut aufzuheulen. Aber sie denken es! Aber das hängt auch von der sozialen Schicht ab. In den ärmeren Bevölkerungsgruppen Nicaraguas finde ich große Akzeptanz, viel Dankbarkeit - Frauen, die mir sagen: "Gottlob kann ich inzwischen ausdrücken, was ich fühle." In dem Sinn sind die Gedichte - von Nacktheit, von Sexualität zu sprechen - kein Skandal mehr. Ich glaube, ich habe ein Tabu gebrochen. Und wenn einmal ein Tabu gebrochen ist, haben die Leute, die nachfolgen, weniger Probleme. In diesem Sinne, habe ich einen kleinen Beitrag geleistet.

 

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