Maria Ecker schrieb ihre
Diplomarbeit zum Thema
"Man hat sich hier sehr f
remd gefühlt... -Weibliche
Holocaust-Überlebende
in Interviews." Sie basiert
u.a. auf lebensgeschichtlichen
Interviews, die im
Februar/März 2002 in Israel
geführt wurden.
Das große SchweigenDie Integration weiblicher Holocaust-Überlebender in die israelische Gesellschaft verlief meist anders, als diese es sich erhofft hatten. Ihr"Leben nach dem Überleben" war vor allem von Schweigen geprägt. Von Maria Ecker
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebten noch etwa eine Million Jüdinnen und Juden in den Gebieten, die von den Nationalsozialisten besetzt gewesen waren. Für die Überlebenden der Konzentrationslager führte meist der erste Weg zurück in ihre Heimatstadt, wo sie auf Angehörige zu treffen hofften. Dort angelangt, mussten viele feststellen, dass es ihr zuhause - wie es einmal gewesen war - nicht mehr gab. Ihre Häuser waren zerstört oder anderen zugeteilt, die einheimische Bevölkerung begegnete ihnen mit unverhohlener Geringschätzung. Am schmerzhaftesten aber war zweifellos, vom Tod der Familienmitglieder zu erfahren.
Vor diese hoffnungslose Situation gestellt, sahen viele keinen Grund mehr, zu bleiben. Sie suchten in der Emigration einen Neubeginn. Wenn dafür die Wahl auf das damalige Palästina (seit 1948 Israel) fiel, geschah das in den wenigsten Fällen aus zionistischer Überzeugung. Ein Blick auf die Lebenswege weiblicher Holocaust-Überlebender lässt darüber hinaus die Vermutung zu, dass Frauen oft aufgrund ihrer traditionellen Geschlechterrolle und wirtschaftlicher Abhängigkeiten mit ihren älteren Brüdern und Männern"mit"-emigrieren mussten, ohne selbst eine Entscheidung treffen zu können.Schwieriger Neubeginn. Der Neubeginn in Palästina/Israel gestaltete sich in vielerlei Hinsicht anders, als die Überlebenden es sich erhofft hatten. Auch als Reaktion auf antisemitische Stereotype orientierte man sich dort nämlich an der Vorstellung eines"neuen Juden".
Im bewussten Gegensatz zum Diaspora-Juden, den immigirierten Juden, wurden dem neuen, im Land geborenen Juden vorwiegend heroische Eigenschaften zugeschrieben: Er kämpfte mutig und stark für den jungen Staat und leistete einen tatkräftigen Beitrag beim Aufbau des Landes. Für die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager, die häufig an den physischen und psychischen Folgen der KZ-Haft litten, bot dieser"neue Jude" kaum Identifikationsmöglichkeiten. Besonders Frauen konnten sich schlecht in diese Idealvorstellung einfügen, die vorwiegend von männlichen Attributen geprägt war. Dafür spricht auch die These der Soziologin Ronit Lentin, wonach der Holocaust im zionistischen Diskurs vor allem mit weiblichen Attributen besetzt wurde und damit alles"Schwache" repräsentierte. Der junge Staat definierte sich aber gerade durch gegenteilige Eigenschaften.
Die Abkehr von allem, was mit der Diaspora zu tun hatte, trug jedenfalls wesentlich zur distanzierten, oft arrogan- ten Einstellung bei, die man in Israel gegenüber den Überlebenden an den Tag legte. Darin liegt auch ein Grund für das Schweigen, mit dem man ihnen in den meisten Fällen begegnete. Frauen waren von dieser"Mauer des Schweigens" besonders betroffen.Großes Schweigen. Der Holocaust war in Israel bis in die 1960er Jahren tabuisiert. Der junge Staat benötigte mutige, kämpfende Helden, keine"Schafe", die sich zur"Schlachtbank hatten führen lassen" - so ein häufig lautender Vorwurf an die Holocaust-Überlebenden. Diese mussten - wollten sie sich integrieren - ihre Lebensgeschichte in ein Biografiemuster einfügen, das den normativen Vorgaben ihrer sozialen Umgebung entsprach. Die Mehrzahl der Überlebenden hatte deshalb über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten keine Möglichkeit des sozialen Austausches ihrer Holocaust-Erfahrungen.
Frauen waren von diesem verordneten Schweigen besonders betroffen. Ihnen, die in den Lagern manchmal - in unterschiedlichsten Graden - sexueller Gewalt ausgesetzt waren, wurde nun verdeckt vorgeworfen, sie hätten ihre Sexualität für ihr Überleben benutzt.
So wurden etwa überlebende Frauen beschuldigt, eine intime Beziehung zu einem SS-Mann gehabt zu haben - nur so sei es ihnen möglich gewesen, zu überleben. Erst heute, nach über fünfzig Jahren, können Frauen über ihre Erfahrungen der Vergewaltigung und sexueller Übergriffe in den Lagern erzählen. Sexualität ist aber (besonders in der betroffenen Generation) noch immer ein stark tabuisiertes Thema. Über die Folgen sexueller Gewalterfahrungen in den Lagern gibt es daher bis heute kaum Untersuchungen. Manche der überlebenden Frauen konnten nicht über ihre Erfahrungen sprechen, weil sie damit ein gesellschaftliches Tabu gebrochen hätten. Manche durften nicht reden. Diese Frauen deuten in den Erinnerungsberichten an, dass sie nicht über die Geschehnisse im Konzentrationslager sprachen, weil ihr Mann nicht an die Vergangenheit erinnert werden wollte.
Es dauerte Jahrzehnte, bis das Schweigen gebrochen wurde. Nicht nur die israelische Gesellschaft war inzwischen offener für"den Holocaust" geworden, viele Überlebende konnten ihre Erfahrungen nicht mehr länger verdrängen und schweigen. Es gab kein neues Land mehr kennen zu lernen, keine neue Sprache zu verstehen, keine neue Kultur zu entdecken und keine Kinder groß zu ziehen. Hatten die Anforderungen der Emigration mittelfristig andere Probleme in den Vordergrund gerückt, so mussten sich die Überlebenden im Alter oft ihren emotionalen Lasten, die sie aus den Konzentrationslagern mitgebracht hatten, stellen.Eichmann-Prozess. 1961 fand in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann, dem Organisator der Deportation von über drei Millionen Juden aus dem nationalsozialistischen Machtbereich, statt. Im Verlauf der Verhandlung traten unzählige Holocaust-Überlebende als ZeugInnen auf. Sie berichteten - in den allermeisten Fällen zum ersten Mal - öffentlich über ihre Erlebnisse in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Das Schweigen war gebrochen. Der Eichmann-Prozess gilt heute als vielleicht wichtigster Einschnitt in der Einstellung der israelischen Gesellschaft zum Holocaust. Nun wurden die Schicksale der Überlebenden nicht nur gehört, sondern auch unterrichtet, publiziert und verfilmt - aber auch in zunehmendem Maß von der zionistischen Ideologie vereinnahmt. Die überlebenden Frauen bewerten den Eichmann-Prozess im Rückblick etwas differenzierter. Während das öffentliche Schweigen über den Holocaust gebrochen wurde, dauerte es in ihrem familiären - also ganz unmittelbaren - Umfeld oft weiter an. In vielen Fällen hing es nämlich weiterhin von der Bereitschaft ihrer Männer ab, ihre Geschichten zu hören.
Instrumentalisierung. Heute ist der Holocaust in Israel allgegenwärtig. Filme, Bücher, Berichte, Gedenkfeiern und andere Veranstaltungen halten die Erinnerung an die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden wach. Holocaust-Überlebende werden dazu angehalten, in Schulen und Militär über ihr Schicksal in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern zu berichten. ZeitzeugInnen begleiten SchülerInnenreisen nach Auschwitz. Dafür werden sie mit Auszeichnungen geschmückt. Viele der Überlebenden verfolgen diese späte Anerkennung ihres Leidens mit Genugtuung. Israelische HistorikerInnen aber üben seit einigen Jahren heftige Kritik an dieser Art der Gedenkkultur. Das offizielle Israel habe den Holocaust bis heute nicht als Ereignis betrauert, sondern zunehmend für seine Zwecke instrumentalisiert, so der Tenor der KritikerInnen. Der Staat habe zu wenig unternommen, die Holocaust-Überlebenden in die israelische Gesellschaft zu integrieren, habe aber ihre Schicksale zunehmend für politische Zwecke missbraucht. Das große Schweigen aber dauert manchmal bis heute an...
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