Die von der UNO und der
Universität gestalteten
Postkarten werden im
Bildungsprogramm
"Genderparadoxon" in der
Arbeit mit venezuelanischen
Frauen eingesetzt.
Im AufbruchVenezuelas Frauen kämpfen erfolgreich für ihre Rechte - innerhalb einer Regierung, die als politische und soziale Revolution bezeichnet wird. Von Zoraida Nieto
Zwischen Juli und August habe ich in Venezuela Interviews mit vielen Frauen geführt, die miteinander und für die Regie-rung arbeiten. Seit den späten 1970er Jahren direkt in die feministische Bewegung involviert, bereiteten sie mit ihrem Engagement den Weg für die derzeitigen Reformen. Aus politischen Gründen ist diese Bewegung nun gespalten - jene Frauen, die bis dahin zur herrschenden politischen Elite gehörten, sahen sich plötzlich in der Oppositionsrolle und wollten ihre Niederlage nicht wahrhaben.
Bolivarianische Revolution. Als 1998 die Regierung unter Hugo Farias Chávez mit großer Mehrheit an die Macht gewählt wurde, leitete diese massive soziale Reformen zugunsten der armen und bis dato politisch nicht gehörten Bevölkerungsgruppen ein: Tausende Schulen wurden gebaut, Alphabetisierungs- und Gesundheitsprogramme eingerichtet. Chávez' Landreform gilt international als Musterbeispiel. Sozialer Wohnbau, Ausbau der Infrastruktur und des Trinkwassernetzes, Erhöhung des Mindestlohns und der Pensionen, ein Privatisierungsstopp und die Bekämpfung der Korruption im staatlichen Erdölsektor - das alles ist Teil der ambitionierten bolivarianischen1 Reformen. Dennoch - oder gerade deswegen - musste die Regierung Chávez mehr als sieben Putschversuche von Seiten der venezolanischen Oligarchie und oppositioneller Militärs, die von internationalen Konzernen und Investoren ebenso unterstützt werden wie von der US-Administration, überstehen.
Geschichte. Viele Heldinnen der Kolonialzeit - schwarze und indigene Frauen und Revolutionärinnen des Unabhängigkeitskampfes sowie Vorkämpferinnen für die Rechte der Frauen im vergangenen Jahrhundert - fanden in einer patriarchalen und machistischen Gesellschaftsordnung kaum Gehör. Erst 1947 durften Frauen gleichberechtigt neben Männern zur Wahl gehen. Ab diesem Zeitpunkt partizipierten Frauen am politischen Leben. All ihr genderperspektivisches Wissen, ihre Kenntnisse, die sie als Akademikerinnen in wichtigen Positionen sowie als Politikerinnen erworben haben, versuchen diese Frauen gegenwärtig im Rahmen von Frauenprojekten und -programmen weiterzugeben. Viele Frauen Venezuelas erfahren erstmals, was Gender überhaupt heißt und sind heute stolz auf ihre neue Verfassung. Diese trat 1999 in Kraft und ist die erste Verfassung Süd- und Mittelamerikas, die in ihrer Gesamtheit eine sexistische Sprache ablehnt. Morelba Jiménez, Professorin am Soziologieinstitut der Zentraluniversität Venezuelas (UCV) und Expertin in Fragen reproduktiver und sexueller Rechte von Frauen, schildert das Zustandekommen dieses Erfolges: Am 9. Februar 1999 hätten die am Entstehen der neuen Verfassung beteiligten Frauen gemeinsam mit der Congmu (eine Gruppierung von NGOs) verlangt, dass diese keine sexistische und Frauen unterordnende Sprache enthalten dürfe. Andernfalls wären Frauen weiterhin an biologische Bestimmungen aufgrund sozialer, kultureller und politischer Gründe gebunden, wären in ihrer Person nicht sichtbar und würden weiterhin ausgeschlossen sein. Mehrere Verfassungsartikel mussten an diese Forderung angepasst werden. Paternalistische Artikel, die Frauen auf die Rolle der Mutter und Familienhüterin reduziert hatten (Artikel 34 und 74 setzten Frauen gar mit Minderjähri-gen gleich) wurden geändert. Indigene Frauen wurden zum ersten Mal zu handelnden Subjekten und in ihren indigenen Gemeinschaften den Männern rechtlich gleichgestellt. Rechte der Frauen auf Arbeit, Schutzmaßnahmen wie das Recht auf Bildung, Gleichbehandlung und soziale Gerechtigkeit wurden ausgearbeitet. Mit Artikel 88 der Verfassung wird die Hausarbeit als der Erwerbsarbeit gleichwertige Arbeit anerkannt. Vor allem rechtskonservativen Organisationen (PROLIFE, COPEI u.a.) war der Artikel 76 über die reproduktiven und sexuellen Rechte von Frauen ein Dorn im Auge. Das Engagement für die rechtliche Durchsetzung der Abtreibung und des Rechts, die Anzahl der Kinder selbst zu bestimmen, brachte vielen Frauen öffentliche Beschimpfungen ein. Noch kämpfen die Frauen weiter für dieses Recht auf Selbstbestimmung. Zahlreiche Organisationen haben eine beachtliche Anzahl an Informationsmaterialien geschaffen, die gezeigt haben, dass sie sogar Männer emanzipatorisch aufklären können. Frauen aus verschiedenen Dörfern und Städten nehmen an staatlichen Programmen teil und sollen zukünftig als Multiplikatorinnen eingesetzt werden.
Auch im universitären Bereich ist noch viel zu tun. Zwar gibt es ein eigenes Zentrum für frauenspezifische Studien an der Zentraluniversität Venezuelas, jedoch hat die Genderperspektive noch nicht in allen Studienplänen ihren Platz gefunden. Integrative Maßnahmen zur Förderung technischer Karrieren unter Akademikerinnen fehlen. Auch die beiden Universitätsprofessorinnen Adicea Castillo und Ofelia Álvarez haben das Problem erkannt und sich zum Ziel gesetzt, gender studies an allen Fakultäten als Fachrichtung zu etablieren.INAMUJER. Reina Arratia ist Leiterin des Instituts für Internationale Beziehungen. 1995 war sie Delegierte Venezuelas zur Frauenweltkonferenz in Beijing, 1997 gründete sie die Vereinigung "Venezolanische Schwarze Frauen". Sie arbeitet eng mit Maria León zusammen, Direktorin des Nationalinstitutes der Frau (INAMUJER), Frauenrechtlerin und kommunistische Politikerin. Arratia berichtet über die Umstrukturierungen, die an ihrem Institut stattgefunden haben. Erstmals wurde landesweit ein kostenloser Frauennotruf eingerichtet, den Opfer häuslicher und außerhäuslicher Gewalt rund um die Uhr erreichen können. Arbeitsgruppen für Gleichbehandlungsfragen sowie Frauen- und Mädchenbildung wurden eingerichtet. Auch eine monatliche Zeitung gibt das Institut heraus: MULLIEREM MUJER MUJERES bietet Platz für frauenrelevante Themen aus Alltag, Politik, Kultur und Gesellschaft. INAMUJER bietet auch - in enger Zusammenarbeit mit dem Justizministerium - juristische Beratung an; gemeinsame Informationskampagnen sind entstanden. Vieles ist noch zu leisten, vor allem in den Bereichen gleichgeschlechtliche Beziehungen, Frauen- und Mädchenhandel sowie der Situation von Sexarbeiterinnen. Die Situation von Frauen und Mädchen in Gefängnissen und Jugendanstalten soll ein weiterer Arbeitsschwerpunkt werden.
Über rein juristische Visionen und Fragen aus der Genderperspektive sprach ich mit der Universitätsprofessorin Dilia Parra, Menschenrechtsexpertin und Direktorin am Institut für Höhere Studien des Justizministeriums. Vor allem im Bereich der Rechte von MigrantInnen und Flüchtlingen möchte sie feministische Perspektiven ausarbeiten.BANMUJER. Am 8. März 2001 wurde die erste Frauenbank - BANMUJER - gegründet. Diese soll Frauen die Gründung kleiner Betriebe und Kooperativen ermöglichen und vor allem Frauen aus unteren Schichten konkrete Finanzierungsmöglichkeiten bieten. Die Vereinten Nationen begrüßen und unterstützen die Initiativen von BANMUJER auch finanziell. Maria Elena Alva, Leiterin der Abteilung Planung und Administration, betont das Ziel der nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Frauenbetriebe und Geschäfte auf lokaler und regionaler Ebene. Sie erhofft sich davon mehr wirtschaftliche Vernetzung von Frauen und das Entstehen einer Eigendynamik in den verschiedenen Produktionssektoren. Das Interesse anderer Frauen, nicht nur an solchen Projekten teilzunehmen, sondern auch als Multiplikatorinnen von Genderthematiken mitzuwirken, ist Teil dieser Dynamik. Auch indigene Frauen werden bei diesem Prozess gefördert. Organisierte indigene Frauen aus Chiapas wollen nach einem Besuch bäuerlicher Frauenkooperativen in Venezuela eine eigene Frauenbank gründen.
All das, was in den letzten Jahren frauenpolitisch in Gang gesetzt wurde, wird auch in Zukunft weiterhin umzusetzen sein - auch ohne den jetzigen Präsidenten. Die Kämpfe und gezielt angestrebten Förderungen von Frauen der bolivarianischen Republik Venezuelas sind ein revolutionärer Prozess, der viele Menschen lernen ließ, dass die Zeiten sich geändert haben. Die Aufrechterhaltung eines Staates, der Frauen und Mädchen überall in einem rein biologistischen Zusammenhang sah, sind endgültig vorbei.
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