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Heiratsschwindler
Von Renate Billeth

Anfang August erreichte uns die sensationelle Nachricht: Ein ÖVP-Politiker hatte auf seinen Kalender gesehen und bemerkt, welches Jahr wir schreiben. Genau, 2004 - nach Christi Geburt. Was hatte Christopher Drexler zu diesem Schritt in Richtung Zukunft bewogen? Hatte er bei unseren deutschen Nachbarn oder in Skandinavien Urlaub gemacht, oder in Santiago di Compostella? Wo er auch immer gewesen sein mag, er hatte wohl eine göttliche Eingebung. Oder auch nur seinen Blick ein wenig schweifen lassen und gesehen, wie anderswo verliebte Frauen- und Männerpaare aus den fremdländischen Standesämtern springen und sich von Omi, Opi und Schwiegermutter mit Reis überschütten lassen. Warum auch immer, plötzlich ging Drexlers Ruf nach der rechtlichen Gleichstellung österreichischer Homosexueller über den Äther. Kaum war der Vorstoß in Sachen Homorechte publik geworden, mussten zahlreiche PressesprecherInnen dieses Landes ihren Urlaub beenden. Beinahe im Stundentakt folgte Stellungnahme auf Stellungnahme, forderten die einen mehr, entrüsteten sich die anderen über das Wenige und mussten die dritten die peinliche Schweigsamkeit ihres Chefs kommentieren - worin sie zum Glück schon Übung hatten. Und in einigen Homosexuelleninitiativen wurde vermutlich der Sekt kaltgestellt. Sollte die christlich-konservative Hürde auf dem lesbischwulen Weg zu rechtlicher Gleichstellung nun endlich überwindbar sein? Konnten wir unsere Hochzeitslisten zusammenstellen, die alte Steuererklärung wegwerfen, oder einen Termin mit der Samenbank vereinbaren? Weit gefehlt! Denn der Vorstoß in Sachen Homoehe mutierte rasch zu einem Fallrückzieher in Richtung Erb- und Mietrechtsreform. Ja, das könne man sich schon vorstellen, dass PartnerInnen nicht mehr den Spitzensteuersatz zahlen müssen, wenn die/der andere stirbt. In Gottes Namen, sollen sie auch gemeinsam einen Mietvertrag abschließen, wenn das den ein oder anderen Prozentpunkt bei der nächsten Wahl bringt. Die Standesämter aber bleiben weiterhin homofreie Zone, dafür wird ihre Arbeitsgruppe schon sorgen. Da können die Grünen und Roten fordern was sie wollen! Tja, was wollen sie eigentlich? Zivilpakt nennen es die einen, von eingetragener PartnerInnenschaft sprechen die anderen. Das Wort Ehe geht allen politischen AkteurInnen nur schwer über die Lippen, schließlich verbinden die ÖsterreicherInnen vieles mit dem Heiligen Bund der Ehe - knutschende Lesben vor dem Traualtar passen da nicht ins Bild. Mutter-Vater-Kind sind im kollektiven katholisch-konservativen Bewusstsein fest verankert und müssen gegen Angriffe von außen geschützt werden. Die schwarzblauen RitterInnen des Anstandes achten auf solche Dinge, wenn sie nicht gerade hinter der Alterssicherung für Frauen her sind. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Forderung nach rechtlicher Gleichstellung einer Minderheit rasch das Bedürfnis nach dem erweiterten Schutz der privilegierten Mehrheit folgte. Nicht die lesbischwule Gemeinde brauche mehr Rechte, sondern die Ehe, denn wer die Ehe schützt, schützt die Familie - ja genau, Mutter-Vater-Kind! Die Fürsorge für einen geliebten Menschen sei zwar sehr ehrenhaft, aber mit den Leistungen der Familie, mit der aufopfernden Liebe einer Mutter könne man das nicht gleichsetzen. Dass auch die heterosexuelle Kleinstfamilie, der - sei es Gottes Wille oder Scherings Wirkung - keine lachenden Kinderaugen beschieden sind, staatlichen Schutz genießt, spielt dabei keine Rolle. Es ist die Möglichkeit, die zählt. Mann und Frau können mit ihrer Vereinigung eben Nachwuchs zeugen, wenn sie das wollen und gesund sind. Gleichgeschlechtliche Paare haben da die schlechteren Karten und nur einen schwachen Trost darin, dass sie von machen Mitmenschen ohnehin nicht als gesund betrachtet werden. Und dieses Land braucht Kinder. "Pro Life"-AktivistInnen kämpfen täglich unermüdlich und ungestört um jedes Leben, und der lesbischwulen Lobby soll da die Tür zur Anerkennung potenziell kinderloser Lebensgemeinschaften geöffnet werden? Nicht abzusehen, was dies für die Sicherung der hiesigen Population bedeuten würde. Das unmoralische Angebot, dem Bevölkerungseinbruch Mittels Zugang zu Fortpflanzungsmedizin und Adoptionsstellen entgegenzuwirken, wird gar nicht erst gemacht. Verdächtig ruhig verhält sich da auch so manche Homosexuellenvereinigung. Das nennt man vermutlich Realpolitik. Warum auf die in greifbare Nähe gerückten Änderungen im Erb- und Mietrecht verzichten, nur um Unmögliches zu fordern? Wer kann sich Utopien noch leisten? Gehen wir lieber denen, die unsere Rechte fest in ihren Händen halten, ein wenig entgegen. Wir Braven haben uns der hegemonialen Ordnung schon auf Augenhöhe angenähert. Fordern bürgerlich-rechtliche Verträge für bürgerlich-monogame Zweierbeziehungen und planen vielleicht heimlich noch das eine oder andere Kind mit ein. Alternative Lebenskonzepte werden kaum noch angesprochen. Wenn unsere Gegenüber wüssten, wie ähnlich wir ihnen eigentlich schon sind, sie würden uns sogar noch über die Schwelle tragen. Vielleicht sollten wir auf diesen ganzen Heiratsschwindel einfach verzichten...

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