Rollenspiele

Vom Kongress "frauen macht sichtbar - Globalisierung feministisch hinterfragt", der von 11. bis 14. September in Graz stattfand, schrieb Margit Jansensberger einen Brief mit ihren ganz persönlichen Eindrücken.

Ich kam fünf vor zwölf in Graz an. Und obwohl ich hungrig war, wusste ich, dass ich auf diese Suppe verzichte. Denn aus Ruth Bartusseks Einladung ging hervor, was die Ingredienzen sind: GATS, TRIPS, AoA, MAI und dann noch WTO-Minister als Köche... "Da braut sich was zusammen", dachte ich und tatsächlich stand es auch so auf der Einladung zur Aktion anlässlich der WTO-Konferenz: Symbolisches Suppenbrauen am Grazer Hauptplatz. "Schlagworte und Abkürzungen kursieren, keine weiß, was dahinter steckt - ein Merkmal von patriarchialen Strukturen", so die Begrüßungsworte meiner Gastgeberinnen feministATTAC Graz und Wien. Sie betreiben bereits wirtschaftliche Alphabetisierung von Passantinnen. Ich wusste nun, dass mich vier Kongresstage erwarten, in denen sich alles um das eine dreht: frauen macht sichtbar - Globalisierung feministisch hinterfragt. Ruth Bartussek, die diesen internationalen feministischen Kongress von 11. bis 14.September in Graz initiiert hatte, erklärt mir ihre Motivation: "Der Wohlstand für alle durch Neoliberalismus ist ein Mythos, denn die soziale und ökonomische Realität spricht eine andere Sprache." Und Schwester, hattest du bislang nur eine Ahnung, dann versichere ich dir nun: Besonders für Frauen, bedeutet Globalisierung zunehmende Belastung und Einschränkung der persönlichen Freiheit. Das System funktioniert ja auch nur, weil die Reproduktionsarbeit der Frauen als Ware kalkulierbar bleibt oder erst gar nicht sichtbar wird. Aspekte und Fragen, die du vielleicht in dir trägst, wurden als Thema für Freitag und Samstag ausformuliert: "Internationale Wirtschaftsordnung feministisch hinterfragt" und "Neoliberale Wirtschaftsordnung und Gewalt - patriarchale Gewalt entfesselt?". Ich habe durch Statements von Aktivistinnen, Referaten von Wissenschafterinnen und Workshops viel über die ökonomischen Zusammenhänge und Verbindungen zum alltäglichen Leben und Handeln von Frauen erfahren. Die abstracts der Referentinnen findest du übrigens unter http://www.attac-austria.org/gruppen/feministattac. Ich habe mich gefragt, was hat GATS mit uns zu tun? In welchem Zusammenhang stehen Frauenhandel und Neoliberalismus? Welche Rolle habe ich als Konsumentin? Ich habe Antworten erhalten, denn neben dem Plenum am Vormittag gab es nachmittags insgesamt 22 vertiefende Workshops. Die Auswahl fiel schwer, aber glücklicherweise gab es als Tagesabschluss das "Workshopping" im Foyer, bei dem die Workshopinhalte gezeigt wurden. Ich konnte also flanieren, sehen was andere Frauen thematisiert hatten und auch gleich mit ihnen darüber sprechen - so entging mir kaum etwas. Was für ein Treiben: vierzig Referentinnen aus 15 Ländern und rund 300 Teilnehmerinnen! Gekleidet teilweise in ihren traditionellen Kleidern, vertieft in Gespräche, ein bunter Sprachenmix, dazwischen auch lautes Lachen, vielfältige Zugänge zu vielschichtigen Themen - von wissenschaftlichem Diskurs bis zu Gesang(!). Ich höre Susanne Schunter-Kleemann vom herrschenden "Maskulinismus des Marktes" sprechen. Marie Mies sieht uns ohne "soziale Erfindungen, statt technischer Symptombekämpfung" dem "moralischen und ökonomischen Bankrott" entgegen steuern.
Berichte zum Alltag von Frauen aus der sogenannten Dritten Welt machen mich betroffen. Die Inderin Asha Kahru: "Global players betreiben ihre denaturierte Landwirtschaft. Sie entziehen Frauen - achtzig Prozent der traditionellen Landwirtschaft ist in Frauenhänden - die Existenzgrundlage. Sie verlieren Dank WTO-Politik ihr Land und ihre Jobs.
Liebe Schwester, wenn du mich nun fragst, wie das funktionieren kann, dann antworte ich dir mit den Worten einer Kongressteilnehmerin: Es ist diese "secret culture"- und "green romm"-Verheimlichungspolitik der WTO. "Neoliberale Globalisierung und Geschlechterverhältnisse gehören zusammen: Formale staatliche Strukturen verlieren zugunsten informeller Strukturen an Einfluss - mit eigenen Spielregeln. Diese Männerbastionen sind die neuen Zentren der Macht", erklärt mir Elisabeth Klatzer von feministATTAC.
Später sehe ich Ruth Bartussek im Foyer des RESOWI der Uni Graz, dem Veranstaltungsort, im Gespräch mit der Brasilianerin Dilma Feliziardo, Claudia von Werlhof, Mirjana Dokmanovis, Heide Göttner Abendroth, Jutta Ried und Bettina Mesiolek. Ich treffe auf Bernadette Karner von LEFÖ. "Globalisierte Wirtschaft löst Migrationsbewegungen aus und das heißt oft Frauenhandel. Die Frau als Ware ist ein gutes Beispiel für strukturelle männliche Gewalt der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Zuerst wird Frauen in ihren Heimatländern die Existenzgrundlage zerstört, dann finden sie sich in wohlhabenden Teilen der Welt als Prostituierte oder Billiglohnsklavinnen wieder. Aus der Feminisierung der Armut resultiert die Feminisierung der Migration", meint sie und ich denke an Asha Kahru und ihrer Landsfrau Bhanumathi Natarajan, Biologin und Biodiversitätsexpertin. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen des sogenannten TRIPS-Abkommens auf Landwirtschaften in der "Dritten Welt". Kurz gesagt erlaubt TRIPS eine Art Copyright auf Pflanzen und Tiere. Sobald ein großer Konzern sich solch ein Patent gesichert hat, kann er in quasi kolonialer Manier landwirtschaftliche Strukturen in ökonomisch schwächeren Ländern diktieren. Und nun rate mal, liebe Schwester, wer den Gewinn macht? Nur ein Prozent des Vermögens weltweit ist in den Händen von Frauen, 99 Prozent in denen der Männer. Und deren moderne Form der Bruderschaft traf sich als WTO-Ministerkonferenz in Cancun.
Da ging`s auch um das GATS, das Abkommen über die Liberalisierung von öffentlichen Dienstleistungen - etwa Gesundheitsversorgung, Bildung, öffentliche Verwaltung. Eine Privatisierung dieser Dienstleistungen trifft Frauen besonders stark: Sie sind die ersten, die ihre Arbeitsplätze verlieren, sie ersetzen mit unbezahlten Dienstleistungen den öffentlichen Systemausfall. Aber ein Abbau traditioneller Geschlechterstereotypen ist nicht im Interesse eines Wirtschaftssystems, das von der Ausbeutung billiger Arbeitskraft lebt. Und das ist mehrheitlich Frauenarbeitskraft. Die Grazer Gemeinderätin Elke Edlinger sprach diesbezüglich von der "Reservearmee der Frauen". Schwester, sie spricht auch davon, dass "jahrelange Gehirnwäsche von ,Mehr Privat - Weniger Staat' die neoliberale Wirtschaft zum Mainstream machte". Ada Pellert, Vizerektorin der Uni Graz, sieht eine "kritische Reflexion gesellschaftlicher Vorgänge als Hauptaufgabe einer Universität" und die "feministische Perspektive ist prädestiniert, diese aufzuzeigen."
Ach ja Schwester, Programmänderung am Samstag: Eine speaker`s corner für Referentinnen und Teilnehmerinnen! Stell dir vor: eine dunkle Bühne, mit Spot auf die jeweilige Sprecherin, der Publikumsraum dunkel mit Kerzen und Rotwein auf den Tischen und Frauen haben Freiraum zu sagen was sie wollen...
Am letzten Tag ging es zum Frauenfrühstück am Grazer Schloßberg, bei dem sich alle über Visonen, Strategien und Aktionen austauschen konnten. Ohne Zweckdruck und Ergebniszwang - was ja auch ein patriarchales Muster ist, wie meine Tischkollegin anmerkte. So passierte viel Netzwerkarbeit und Informationsaustausch. Ein
Protestbrief an Minister Bartenstein zu seinen Cancunaussagen wurde verfasst.
"Squitsch" wurde gegründet, eine österreichweite Aktion zu "Stopp Trafficking" - näheres beim Gründungstreffen des
Österreichischen Frauenrates am 4. Oktober in Linz. Mit den Worten der beiden Moderatorinnen Daniela Jauk (Frauenbeauftrage der Stadt Graz) und Sabine Schebrack (cultureworks) grüße ich dich, liebe Schwester: "Eine feministische Welt ist möglich."

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