Dein Kommentar

 


Schluss mit lustig
Von Helga Pankratz

Vor dem Hintergrund des neoliberalen Umbaus hat ein Ausspruch der Bildungsministerin eine "Wertedebatte" ausgelöst, in deren Verlauf fast alle mehr oder weniger zur Zeit bedeutenden Männer der Republik - und teils auch ihre Ehefrauen - ein Füllhorn bedenklicher Ansichten und Rezepte über uns ausgeschüttet haben. Ich weiss nicht, was mich an der Debatte am meisten ärgert: Das einlullende Hinweglabern über brisante, nicht mehr rückgängig zu machende Eingriffe in Staats- und Wirtschaftsgefüge mit dem "weichen" Thema Ehe und Familie. Oder die brisante Kombination von Gebärdruck und Nationalismus/Rassismus. Oder der propagierte erzkonservative Familienbegriff. Deregulierung, Privatisierungen, Abbau von ArbeitnehmerInnenrechten und sozialer Absicherung, die Individualisierung von Verantwortung (und vor allem von Risiko) stehen beinhart auf dem Programm. Kindergartenplätze? Ganztagsschulen? Schwarz und Blau sind sich einig, dass es dafür kein Geld gibt. Die schon erwähnte Bildungsministerin zieht stattdessen zu Schulbeginn eine "Stundenplan-Entrümpelung" durch, die der Einsparung von LehrerInnen-Posten dient.
Dann nimmt mir der Katholik und Familienvater NR-Präsident Khol überraschend fast das Wort aus dem Mund: Dass wir Österreich eben als Einwanderungsland attraktiv machen müssen, wenn hier zu wenige Kinder geboren werden. "Genau!" denk ich mir in meiner unendlichen Naivität und möchte höchstens noch ergänzen: und sofort ein anderer Umgang mit all jenen, die schon da sind und offensichtlich menschenrechtswidrig behandelt werden. Der Tod von Cheibane Wague, der Ausbruch von Gewalttätigkeiten unter den im Lager Traiskirchen zusammengepferchten Menschen, die schweren Verletzungen, die ein 14-Jähriger davontrug, der wegen eines Bagatelldelikts wochenlang mit knapp älteren Burschen zusammen gesperrt war - das alles ist nur eine winzige Spitze des Eisbergs an Folgewirkung einer nationalistisch-chauvinistischen Eiszeit im Land. Der Gipfel aber war, dass der - ebenfalls katholische - Innenminister besser als ich erkannt hat, wie Khols Aussage gemeint war: als "Drohung" für die altösterreichische, sich als homogenes Traditionen- und Genpool verstehende Bevölkerung.
Kein Wunder, dass ich - kinderlose lesbische Frau - mit meinem Begriff von Generativität in dieser Wertedebatte abseits stehe: Generativität als eine Verantwortung der Menschen für einander, der solidarischen Unterstützung zwischen den Generationen, ganz unabhängig von biologischer Verwandtschaft. Über Generativität in diesem Sinn erschien vor einem Jahr in der Lesbenzeitschrift "Ihrsinn" ein schöner Artikel. Eine evangelische Theologiestudentin (Jahrgang 1976) schlug darin einen Bogen zwischen Schöpfungsgeschichte, der alttestamentarischen Liebe zwischen Naomi und Ruth und neuesten Ansätzen schwuler Theologie aus Europa - Gedankenwelten, von denen die ÖVP Lichtjahre entfernt ist. Sie ist ja den Besitzenden verpflichtet, für die Dynastiedenken und die Bedeutung von Blut und Boden existen-zielle Bedeutung haben.
Im Standard vom 2.9. bekennt sich Kanzler Schüssel folgerichtig zu einer "Familienpolitik, Kinderpolitik (...) und Generationenpolitik (...)", die bisher "eine Spielwiese für einige wenige Politiker, meistens für Frauen (...)" gewesen sei. - Aber jetzt ist "Schluss mit lustig"! Keine Spielwiese mehr. Der Kanzler macht "Kinderpolitik" und hat "Rahmenbedingungen geschaffen (...), die (...) zu einer Begünstigung der Familien geführt haben". Kein Zweifel, für welche Familienform konkret: "Man sollte nicht ständig versuchen, die Familie abzuwerten und zur Beliebigkeit zurückzustufen, wo jedes andere Verhältnis gleich gewertet wird."
Der Doppelsinn des Satzes: "Schüssel macht ,Kinderpolitik'" kann mich über den realen Zustand höchstens für eine kurze Grins-Sekunde hinweg trösten. Und doch: Wenn ich im Schüler-Standard vom 10.9. die Bildungsministerin als "Österreichs bekannteste Volksschullehrerin" tituliert finde, oder Marlene Streeruwitz sie im Falter 37/03 einen "Maria-Theresia Verschnitt" nennt, ist ein Lächeln meine Antwort, das bedeutet: Ich bin mit meiner Einschätzung der Österreichischen Tragikomödie und ihrer handelnden Personen ja doch nicht ganz allein.

 

inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns