Die Zentrale von Saheli in
Hyderabad

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Frauenliebe

Seit Deepa Metha's Film "Fire" wurden in Indiens Ballungszentren einige Helplines für lesbische Frauen gegründet. Sabina Lankisch betreut eine davon. Über Visionen und die Realität. Von Daniela Fohn

Nach der Volkszählung 2001 rangiert Indien mit einer EinwohnerInnenzahl von über einer Milliarde hinter China auf Platz zwei. Erschreckend vor allem das Missverhältnis zwischen männlicher und weiblicher Bevölkerung. Nach einer Studie der Berliner Humboldt Universität kommen weltweit auf 1000 Männer 1060 Frauen, in Indien sind es gerade einmal 933. Gründe dafür sind vor allem die schlechtere medizinische Versorgung von Töchtern, sowie Abtreibungen weiblicher Föten und Tötungen neugeborener Mädchen. Indiens Frauen sind nach wie vor Menschen zweiter Klasse. Andererseits war Indien einer der ersten Staaten mit einer Premierministerin an seiner Spitze.
Die Stellung der Frau ist in kaum einem anderen Land so sehr von der sozialen Schicht abhängig. Während in den obersten Kasten Ärztinnen und Juristinnen das Alltagsbild prägen, gilt in weiten Teilen der unteren Kasten Sati, die rituelle Witwenverbrennung, nach wie vor als größte weibliche Heldentat, die der Familie den wiedergeburtlichen Aufstieg in eine höhere Kaste sichern soll. Die Frau sei dem Manne treu ergeben und in tiefer Liebe verbunden bis in alle Ewigkeit. Was aber, wenn sie diese Liebe einer Frau schenkt?

Tabuthema. Die Österreicherin Sabina Lankisch hat vor sieben Jahren begonnen, dieser Frage nachzugehen. Nachdem sie in Delhi Kontakt zu der dort ansässigen Schwulen- und Lesben-Help- line "Sangini" geknüpft hatte, wollte sie selbst initiativ werden. Auf ihren Reisen quer durch das Land, bei denen sie sich immer in den letzten Wagon der Zuges, in das sogenannte "Ladies Compartment" setzte, begann sie zahlreiche Interviews mit Frauen aus verschiedenen Kasten zu führen und sie "ganz diplomatisch auf ihre sexuelle Orientierung und ihre Sexualität anzusprechen." Im Zuge dieser Befragungen fand sie heraus, "dass es sehr viele bisexuelle Frauen in Indien gibt. Dass viele Frauen sexuelle Kontakte zu ihren Schwiegermüttern, Schwägerinnen oder Cousinen haben, es sich also häufig um inzestuöse Beziehungen handelt."
Sexualität im allgemeinen und Homosexualität im speziellen sind in Indiens Gesellschaft ein absolutes Tabuthema. Zwar haben sich nach Deepa Methas Kinofilm "Fire" über die lesbische Liebe zweier Schwägerinnen - in Indien 1998 erstmals gezeigt - einige Schwulen- und Lesbeninitiativen in den größeren Städten gebildet. Bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz ist es aber noch ein langer Weg. Der Paragraf 377 des indischen Strafgesetzbuches, einem Erbe englischer Kolonialtage, setzt Homosexualität nach wie vor mit Sodomie gleich und empfiehlt Freiheitsentzug von bis zu zehn Jahren oder darüber hinaus.

Saheli. In Hyderabad befindet sich heute die Zentrale von Saheli (Hindi für Frauenfreundschaft/ -liebe), der telefoni-schen Helpline für lesbische Frauen, die Sabina Lankisch, anfangs mit privaten Mitteln, aufgebaut hat. "Der Prozent- satz von ehrlichen Telefonaten liegt bei 5-10% maximal" schätzt Lankisch und meint damit Frauen, die anrufen, "weil sie in eine organisierte Ehe gedrängt wurden, oder weil sie sich unabhängig machen wollen. Ein Großteil der AnruferInnen aber sind Frauen oder Bisexuelle, die eine Partnerin suchen, oder Männer, die für ihre Ehefrau eine Freundin suchen." Die Mitarbeiterinnen von Saheli sind Inderinnen. Die Beratungsgespräche werden hauptsächlich auf Englisch geführt, auch Zeitungsinserate und Flugblätter sind in englischer Sprache gehalten. In erster Linie sollen Frauen aus der unteren Mittelschicht angesprochen werden: "Diese Frauen werden oft in Ehen hineingedrängt und sind zwar gebildet, aber nicht so gut ausgebildet wie die Ober- oder die Mittelschicht.
Die oberste Priorität liegt darin, dass sie einen Job finden und von ihren Eltern wegziehen können. Aber das wichtigste für die meisten indischen Lesben ist es eigentlich, eine Partnerin zu finden."
Viele Frauen ziehen in die großen Städte oder wollen überhaupt ins Ausland. Das kommunistische Calcutta ist Indiens liberalste Stadt für Lesben. Dennoch glauben "die meisten Frauen in Indien, sie sind psychisch völlig abnormal, weil sie eine Frau lieben. Das ist grundsätzlich der Standpunkt von fast allen Lesben", greift Lankisch ein Hauptproblem auf und sieht die Gründe vor allem darin, dass es in Indien so gut wie keine sexuelle Aufklärung gibt. Mit allgemeinen Workshops zu Sexualität und Verhütung versucht sie daher, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen und ganz nebenbei die Gespräche auch auf gleichgeschlechtliche Liebe zu lenken. Die relativ hohe Selbstmordrate unter Indiens Lesben macht die Verzweiflung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft sichtbar. "Immer wieder irren lesbische Paare ohne Bleibe, Geld und Arbeit durch die Gegend und sehen als letzten Ausweg nur noch den gemeinsamen Tod."

Un.benannt. Am Land und in den Dörfern mit hoher AnalfabetInnenrate wissen Frauen oft gar nicht, was eine Lesbe ist. In keiner indischen Sprache findet sich ein Wort dafür. Lesbische Liebe wächst, wenn überhaupt, im Verborgenen. Trotzdem gibt es auch erfreuliche Geschichten, wie die zweier Frauen aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Hyderabad: Das Paar lebt seit über zwanzig Jahren in einem gemeinsamen Haushalt. Auch wenn es keine Bezeichnung für seine Liebe gibt existiert sie. Den Platz in der Dorfgemeinschaft haben sie sich hart erkämpft.
Erschwert durch die Tatsache, dass es in den meisten ländlichen Haushalten kein Telefon gibt, leben in kleinen Städten und Dörfern viele Lesben isoliert, selbst wenn sie aus der gebildeteren Mittelschicht stammen. Ziel von Saheli ist es, auch diese Frauen zu erreichen, indem "englische Artikel und Geschichten in Lokalsprachen übersetzt und als Newsletter unauffällig in Schulen oder auf Gemeinden verteilt werden."

Zukunft. Viele Lesben in Indien fühlen sich verfolgt und beobachtet. Lankisch wünscht sich daher "Zentren, wie die HOSI in Wien oder Linz, wo lesbische Frauen in einem geschützten Raum miteinander kommunizieren können." Überhaupt wäre "mehr Öffentlichkeitsarbeit wichtig für die Situation indischer Lesben: Berichte in internationalen Zeitungen und Radiostationen, in Ländern wie Kanada, Europa, den USA über die gesetzliche und politische Situation." Für Saheli plant sie Räumlichkeiten anzumieten, um mehr Seminare abhalten zu können. Auch möchte Lankisch die Lesben in Hyderabad, so sie das wollen, miteinander vernetzen, sodass sie die Möglichkeit haben, sich auszutauschen. Ebenfalls geplant ist eine Lesbengruppe. "Aber es dauert sehr lange, bis Frauen bereit sind, in eine Gruppe zu kommen und offiziell über sich zu sprechen." Die Anmietung von geeigneten Räumlichkeiten erschwert das Projekt noch zusätzlich, denn nur in besseren und somit teuren Wohngegenden sind die Frauen vor Vorurteilen weitgehend geschützt.
Die Österreichische HochschülerInnenschaft Wien unterstützt die Help-line, den Großteil hat Sabina Lankisch aber privat finanziert. Um Saheli richtig zu etablieren und weitere Projekte in Angriff zu nehmen, fehlt freilich noch Geld. Die politische Zielsetzung ist klar: Indiens Lesben sollen sichtbar werden und einen Platz in der Öffentlichkeit finden.

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