Foto: Pressefoto Votava

 

Das Buch zum Abschied:

Der eigene Blick. Das
Volkstheater Wien
1988-2005, hg. von Rainer
Moritz. Jung und Jung, 2005,
Euro 39,80

 

 


"Kochen werde ich nie"

Siebzehn Jahre als Volkstheaterdirektorin sind genug, befindet Emmy Werner und freut sich nun auf ihr Leben nach der schweren Arbeit. Mit Gabi Horak sprach sie über ihre ganz persönlichen Ansichten zu Theater, Politik und Frauenleben

Anfang Juli räumte Emmy Werner ihr Büro im Volkstheater aus und traf an ihrem vorletzten Tag die an.schläge zum allerletzten Interview in "ihrem" Haus. Zahlreiche Interviews und Abschiedsgesänge hat sie hinter sich gebracht: überschwängliches Lob wie auch kränkende Kritik. "Beides nehme ich relativ", sagt die scheidende Theaterprinzipalin und macht es sich im grünen Ledersessel gemütlich.

an.schläge: Sie wurden vor 17 Jahren als erste Frau mit der Leitung eines großen deutschsprachigen Sprechtheaters betraut. Wie waren damals die Reaktionen?

Emmy Werner: Natürlich ziemlich wirr. Da hat sich schon einiges verändert. Es ist gar nicht mehr erwähnenswert, dass mit Anna Badora eine Frau ein großes Schauspielhaus in Graz übernimmt, wo ich übrigens in der Jury war und mich sehr für sie eingesetzt habe. Das war überhaupt kein Thema, ob das eine Frau ist oder ein Mann. Vor 17 Jahren war das völlig anders. Es wurde als Absurdität, als Wahnsinn abgetan, aber dafür hab ich's ganz schön lange durchgehalten.

Sie wollten ursprünglich nur vier Jahre bleiben, warum wurden es 17?

Weil es so Spaß gemacht hat. Jetzt war es allerdings eine Spur zu lang. Im letzten Jahr war ich schon sehr erschöpft.

Sie haben sich jetzt auch nicht so wohl gefühlt im Rampenlicht.

Das hab ich nie gern gehabt. Aber es ist auch für den Nachfolger gut, wenn viel geredet wird über das Haus. Ich hab Kritik wie Lob immer sehr gelassen genommen. Mir wurde auch vorgeworfen, dass ich nach Aufführungen gesagt hab: Die Kritiker haben Recht: Das ist mir misslungen. Das darf man schon wieder nicht sagen, da muss man wie der Herr Peymann alles rasend loben.

Sie haben 1981 das "Theater in der Drachengasse" mitbegründet. Was war die Motivation, ein Frauentheater zu machen?

Es war zunächst nicht so sehr als Theater geplant, sondern als Kulturzentrum. Und da hat sich's schnell gespießt, weil jede etwas anderes machen wollte. Da gab es Frauen, die keine Männer da haben wollten, aber Theater ohne männliche Besucher erschien uns absurd. Es waren viele Kriege und die Theatergruppe hat dann gesiegt. Es hat sich das Theater mit vielen engagierten Frauen etabliert. Die Frauen haben bestimmt, aber gespielt, gearbeitet und inszeniert haben auch Männer, wobei wir Autorinnen, Regisseurinnen und Schauspielerinnen besonders gefördert haben. Wir waren alle Frauen, die mit Männern gelebt haben. Daher wollten wir Männer schon mit einschließen, denn wir konnten nicht das eine leben und das andere propagieren. Wir haben gespielt, was wir den Männern vorspielen wollten, und nicht den Frauen, die es eh wissen. Man hört immer: Heute ist schon alles in Ordnung. Aber das stimmt ja nicht. Mich fragte ein sehr intelligenter Kulturjournalist: Ist das nicht alles schon überholt? Da weiß ich nicht mehr, was ich darauf sagen soll. Ich bin zu alt und zu müde, um es ihm zu erklären. Da müssen die Jungen her.

Sie waren Schauspielerin, Regisseurin, Theaterleiterin: Was war die schönste Aufgabe?

Die Theaterleitung, wenn auch das anstrengendste und schwierigste. Ich hab Fremdbestimmung immer schon ganz schwer ertragen. Die Schauspielerei ist auch ziemlich fremdbestimmt. Ich wollte etwas Eigenes machen.

Sie haben für die Inszenierung von Jelineks "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder die Stützen der Gesellschaft" 1993 den Karl-Skraup-Preis bekommen und kürzlich das "Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien". Wie wichtig sind Ihnen solche Preise?

Immer weniger wichtig. Es ist wie ein Christbaum zu Weihnachten: Folklore, ein Ritual. Mir wurde auch ein Professorinnentitel angeboten, doch da hab ich abgelehnt. Das passt nicht zu mir.

Gibt's auch Preise, die Sie nicht annehmen würden?

Es könnte sein, dass mir die Überreicher nicht passen. Ich bin froh, dass ich meine Preise zu einer Zeit bekommen hab, wo ich eher umgehen konnte mit allem. Im Moment bin ich ein bisschen grantig darüber, was global und auch in Österreich gesellschaftspolitisch passiert. Es geht irgendwie alles den Bach hinunter. Zum Beispiel der Iran: Was da mit den Frauen passiert! Ich hab immer gesagt: Eine Gesellschaft hat daran gemessen zu werden, wie sie mit den Frauen umgeht. Wenn es ums Geschäft geht, ist es den anderen Ländern aber völlig egal. Der fundamentalistische Islam ist eine große Gefahr, da sickert etwas ein. Ich mag die Nackerten auf den Palmers-Plakaten nicht, aber ich fühl mich weniger von ihnen beleidigt als von bedeckten Frauen auf der Straße, wenn man Menschen das Gesicht nimmt. Ich will sie nicht sehen! Eine zweite große Gefahr sehe ich in Atomkraftwerken. Warum immer mehr Atomkraftwerke aufgemacht werden und nach Tschernobyl nicht alles geschlossen wurde? Dass soviel Unsinn regieren kann. Da sind wir bei meinem Lieblingsthema: das kapitalistische System, die unstillbare Gier nach mehr. Ich nehme natürlich auch daran teil, aber es wird immer perverser, wenn etwa Unternehmen 1.500 Leute entlassen, damit die Aktionäre mehr Geld kriegen.

Könnten Sie sich auch vorstellen, da politisch aktiv zu werden?

Das war eine ganz kurze Überlegung vor dreißig Jahren. Aber du bekommst nur über eine Partei die Möglichkeit etwas zu verändern. Und ich würde es in keiner aushalten. Da hab ich lieber ein Theater gegründet.

Können Theater und Kultur etwas bewirken?

Bei einzelnen Leuten. Noch mehr bewirken könnten wir im Hauptabendprogramm im Fernsehen, aber da spielen wir ja den Musikantenstadl.

Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat bei der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens über Sie gemeint, Sie wären eine "engagierte, mutige, unkonventionelle, streitlustige Person".

Das unterschreibe ich. Ich hab hier so wahnsinnig viel gearbeitet, für das Theater, für die Leute. Wir sind ein kleines Team gewesen und ich hab es unhierarchisch geführt. Das unterscheidet mich sehr von meinen Kollegen. Natürlich wurde meine Sachautorität anerkannt, dass ich viel weiß. Ich bin aus einer Theaterfamilie, bin mit Theater aufgewachsen.

Glauben Sie nicht, dass Ihnen der Trubel in einem Jahr abgehen wird?

Nein, ich bin sehr müde. Trubel hab ich, wenn ich mich wieder unter die Theaterleute mische, ich will nur nicht mehr arbeiten. Ich hatte jetzt einige Angebote zu inszenieren, die ich alle abgelehnt hab.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Leider nicht. Aus einem einzigen Grund: Weil jede etwas anderes unter dem Begriff versteht. Manchmal sagt man es justament, wenn der Begriff als Diskriminierung gemeint ist, dann sag ich: Natürlich. Es ist auch so, dass ich nur mit Männern gelebt habe. Ich hatte einen fantastischen Vater, der mich unterstützt hat, mir drei Jahre die Miete in der Bruchbude Drachengasse gezahlt hat. Ich hab in vier langen Beziehungen vier hinreißende Männer gehabt, die alle Freunde geblieben sind. Und ich hab einen wunderbaren Sohn. Ich kann nicht prinzipiell gegen Männer sein, auch wenn ich meine, dass eine weiblichere Gesellschaft notwendig ist. Aber ich meine auch, dass neue Männer das mittragen könnten und müssen. Ich bin schon als Mädchen sehr früh stutzig geworden. Meine Mutter hab ich nur am Herd stehen sehen. Da habe ich gesagt: Mama, kochen werde ich nie. Und ich hab bis heute nicht gekocht und sie sind mir alle nicht verhungert. Mein Sohn kocht leidenschaftlich gerne, wahrscheinlich aus der Not. Er ist toll, so müssten die Männer sein: Automatisch trägt er alles mit bei Kind und Haushalt. Wie ist die Frauenministerin Konrad ausgelacht worden wegen ihrer Halbe-Halbe Kampagne. Aber darin liegt der Schlüssel: In einer Gemeinschaft muss man teilen. In meiner Ehe als junge Frau hab ich anfangs noch versucht eine kleine Hausfrau zu werden, aber die Versuche, Palatschinken zu kochen müssen verheerend gewesen sein. Der Vater meines Kindes hat dann gesagt: Das ist kein Omelett, nennen wir es halt Emmylett.

inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns