"Sex Is Comedy" kommt
demnächst in die
österreichischen Kinos,
Informationen unter
http://www.filmladen.at
RollenspieleDie französische Filmemacherin Catherine Breillat stellte im Frühjahr ihren neuen Film in Wien vor, der nun in die Kinos kommt. Zum Gespräch getroffen hat sie Sandra Altendorfer
Wer die Arbeiten der Regisseurin Catherine Breillat kennt, für den ist es nicht verwunderlich, dass sich auch ihr neuester Film mit der scheinbar unerschöpflichen Thematik "Sex und Macht" auseinandersetzt. Gleichzeitig ist "Sex Is Comedy" aber auch ein selbstreflexiver Film übers Filmemachen.
Wenngleich Catherine Breillat mit ihrer ersten Novelle "L'home facile" in ihrer Heimat schon mit 17 Jahren für Schlagzeilen sorgte - aufgrund der gewagten Handlung und der expliziten Sprache wurde sie als für Minderjährige ungeeignet erachtet -, so wurde Breillat im deutschsprachigen Raum erst mit ihrem skandalumwitterten Film "Romance" (2000) bekannt. Weil sie ungestellte Sexszenen ins (französische) Mainstream-Kino einführte, wurde der Film unter dem Vorwurf der Pornografie auf die rote Liste gesetzt. Im Gegensatz zu Australien durfte "Romance" in Frankreich und Amerika letztlich doch zumindest in sogenannten Pornokinos vorgeführt werden.Schön und brutal. Seit der Publikation ihres ersten Buches verfolgte die 55-jährige Französin gleichzeitig drei verschiedene Karrieren: Sie arbeitet als Schriftstellerin, Regisseurin und Drehbuchautorin. Breillat veröffentlichte bisher sieben Bücher und acht Filme. Als Basis für ihre Geschichten verwendet sie ihr eigenes Leben und die nähere Umgebung. Immer erzählt sie von der Liebe und deren Kehrseite, der Grausamkeit und der Macht des Begehrens. Dabei bricht sie mit der Erwartungshaltung und den Sehgewohnheiten des Publikums: Um die ZuschauerInnen im Kino aus der Lethargie des passiven Rezipierens herauszuholen, wählt sie stets eine sehr explizite Darstellungsweise, selbst auf die Gefahr hin, als pornografisch bezeichnet zu werden. Mit ihrer unprätenziösen, direkten Art der Inszenierung, ihre ProtagonistInnen auf sehr physische Weise filmend, will sie beide Seiten der Sexualität offenlegen: deren Schönheit und deren Brutalität. Sie konfrontiert damit sowohl die ZuseherInnen vor der Leinwand als auch die eigenen DarstellerInnen vor der Kamera.
Marionettenspielerin. In "Sex Is Comedy" (2002) richtet die Regisseurin die Kamera auf sich selbst. Sie arbeitet die Erfahrungen auf, die sie mit den DarstellerInnen bei den Dreharbeiten zu ihren Filmen machte. Vor allem das Geschehen am Set während ihres letzten Filmes dient ihr als Grundlage. In "Fat Girl" stand die Entjungferung einer 15-Jährigen, dargestellt von Roxane Mesquida, im Mittelpunkt. Um die thematische Verknüpfung zu unterstreichen, engagierte Breillat auch für ihren neuesten Film die selbe Hauptdarstellerin.
Im Zentrum der Handlung von "Sex Is Comedy" steht eine Bettszene, die die Regisseurin Jeanne alias Anne Parillaud so authentisch wie möglich abdrehen möchte. Das Problem dabei ist, dass sich die beiden SchauspielerInnen (Roxane Mesquida, Gregoire Colin) hassen, das Filmprojekt wegen der allzu offensichtlichen Aversion zu scheitern droht. Die Regisseurin aber ist eine sehr starke und bestimmende Persönlichkeit. Wie eine Marionettenspielerin zieht sie geschickt die Fäden, betört abwechselnd ihre beiden ProtagonistInnen und bleibt so Frau der Lage.
Ähnlichkeiten mit der realen Regisseurin Catherine Breillat sind nicht ganz zufällig, wie sie selbst im Interview bestätigt: "Ja, es stimmt schon, dass ich so bin, aber ich hatte überhaupt kein Interesse daran, autobiografische Dinge in dem Film zu verarbeiten. Ich habe die Schauspielerin auch gebeten, mich nicht zu kopieren. Aber es ist zu einer Verschmelzung der Charaktere gekommen. Da wir den Film gemeinsam gemacht haben, hat sie angefangen, mir ähnlich zu schauen. Selbst mein Sohn hat die Schauspielerin für mich gehalten, als er die ersten Fotos zum Film gesehen hat. Im wirklichen Leben sehen wir uns aber überhaupt nicht ähnlich. Diese Ähnlichkeit ist während des Drehs entstanden - auch dadurch, dass sich eine Regisseurin in ihre SchauspielerInnen hineinversetzt und sie für sich vereinnahmt."Geschlechtertausch. Die Enthüllung wenig vorhersehbarer technischer und emotionaler Probleme am Filmset, die häufig hinter einem ausgeklügelten szenischen Konzept stecken, die Beziehung zwischen Regisseurin und DarstellerInnen, ist ein Thema in "Sex Is Comedy". Catherine Breillat will dies auch als Kritik an den üblichen making-of-Dokumentationen verstanden wissen, die nur vorgeben, das Geschehen am Drehort zu zeigen.
Das zweite Thema des Filmes ist die Positionierung von Frau und Mann im gesellschaftlichen und filmischen Diskurs, der Kampf der Geschlechter. In Breillats neuem Film kommt es zu einer doppelten Umkehrung der Geschlechterrollen: Auf der einen Seite steht die Hauptdarstellerin Jeanne, die Regisseurin, die eine sehr dominante Frau ist. Sie tritt aus der konventionellen weiblichen Position heraus. Das Bild, das Breillat von ihr zeichnet, entspricht nicht den dualistischen patriarchalischen Rollenklischees, die sich in männlicher Aktivität und weiblicher Passivität ausdrücken. Jeanne delegiert "ihre" Männer, bestimmt das Geschehen und führt (auch über den Kamerablick) die ZuschauerInnen durch die Handlung. Die Männer am Set haben das zu befolgen, was sie sagt und wünscht. Ihr Hauptdarsteller wird im Gegensatz dazu als übersensibler, leicht hysterischer und eitler Pfau gezeichnet.
Eine nochmalige Umkehrung der Geschlechterrollen findet sich im "Film im Film": Der männliche Darsteller übernimmt den aktiven Part, bestimmt das Geschehen, die Frau lässt sich - nach anfänglichem Zögern und Sinnen über ihr Image - verführen. Da der Film aber als fiktives Medium, als Produkt der Fantasie entlarvt wird, ist die Zurückweisung von Mann und Frau in ihre "traditionellen" Rollen gleichfalls virtuell.Keine Politik. Catherine Breillat trifft in ihren Arbeiten keine fixen Zuweisungen geschlechtsspezifischer Attribute oder Rollen. Sie spielt mit ihnen. "Beide Situationen können in der Realität vorkommen. Und man kann auch zwischen beiden Rollen wechseln."
Ihr unkonventioneller Umgang mit Sexualität ist oft Gegenstand von Kritik. Häufig werden ihre Filme als pornografisch postuliert. Auch und insbesondere von Frauen. Die Regisseurin aber distanziert sich von feministischen Ansprüchen an ihre Arbeit: "Porno heißt Frau. Ich habe ein Buch geschrieben mit dem Titel Pornogratie - ein Wortspiel mit dem griechischen Demokratie: Demokratie sozusagen als Machtspiel der Männer unter Ausschluss der Frauen, mit Ausnahme der Kurtisanen, die keine Prostituierten waren. Dadurch war die Macht der Frauen immer durch die Verführung gegeben. Im Leben bin ich Feministin, wenn ich am Dreh bin, bin ich Cineastin. Wollte ich Feministin in meinem Beruf sein, würde ich in die Politik gehen. Aber es kann von mir niemand verlangen, dass ich politisch korrekt bin, während ich drehe. Ich finde, es sollte ein Recht der Frauen sein, dass sie nicht feministisch sein müssen, wenn sie Filme machen. Kino ist Kino. Wenn ich Kino mache, dann nicht, um politische Ideen zu propagieren, sondern um Kunst zu machen." Dass es an der Zeit ist - sowohl für Frauen als auch Männer - sich vom Joch der falschen MoralistInnen, der Unterdrückung von Gefühl und Sexualität zu befreien, transportiert Catherine Breillat auch in ihrem neuesten Film. "Emotionen sind weder schmutzig noch obszön", stellt Jeanne fest. In dieser Aussage verschmelzen die fiktive und die reale Regisseurin zur gefühlvollen und menschlichen Einheit.inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns