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Gewaltige Phantasien
Von Karin Eckert

Marie Trintignant ist tot - von ihrem Freund im Streit zu Tode geprügelt. Er - ein engagierter Globalisierungsgegner, der sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus ins Zeug legt.
Eine Freundin trennte sich kürzlich von ihrem langjährigen Partner. Am Ende der Beziehung war sie ein psychisches Wrack. Er - ein glühender Antirassist und Kommunist, der die Frauenfrage als Nebenwiderspruch verharmlost.
Während viele "linke" Männer (zu Recht) gegen Rassismus auf die Barrikaden gehen, weigert sich mancher von ihnen konstant, die eigenen blinden Flecken zu sehen. Sexismus ist kein Thema für sie. Mann steht über diesen Dingen, Mann ist ohnehin political correct, Mann liebt wahrscheinlich auch noch die Frauen... Unterdrückungsformen zu hierarchisieren hat in der linken männlichen Szene System.
Auch die Wiener Stadtzeitung "Falter" versteht sich als gesellschaftskritisch, progressiv und links. Seit Jahren schreibt sie sich die Finger wund gegen Schwarz-Blau, gegen Rassismus und Antisemitismus. Frauenthemen hingegen finden nur selten Eingang in die geheiligten Seiten des Falter. Herr Chefredakteur himself soll so uninteressante, unwichtige Themen wie Gleichberechtigung mit einem Gähnen abschmettern. In diesem sich selbst als kritisch beweihräuchernden Medium hat auch geschlechtsneutrale Schreibweise keine Chance. Trotz oftmaliger Kritik weigert sich die Redaktion, Frauen sprachlich sichtbar zu machen.
Schweigen heißt, sich (mit)schuldig zu machen. Seit einigen Monaten schweigt der Falter nicht nur, er redet. Über Frauen! Der erste und bislang einzige fixe Platz, wo Frauen im Falter Thema sind, ist ... eine Sexkolumne! Herr Redakteur W.K. hat die Ehre, sich Woche um Woche seine Gedanken über Sex von der Seele zu schreiben. Untergriffig, aggressiv und zunehmend gewaltvoll schwelgt er in sexuellen Phantasien. Männliche Lust ist das dominante Thema, Frauen werden auf ihre Sexualität reduziert, zum Objekt degradiert, das die Funktion einer Gummipuppe zu erfüllen hat. Bisweilen empfindet W.K. weibliche Lust auch durchaus als erstrebenswert: damit kann er sich zum einen selbstgefällig auf die Schulter klopfen. Zum anderen kann weibliche Lust Männer ja durchaus auch anturnen - sie dient dann halt wieder nur männlichen Bedürfnissen.
W.K. breitet sich darüber aus, welche Frauen "gut im Bett sind" (wider Erwarten sind es nämlich nicht die schönen Frauen, sondern die unattraktiven. Model-Frauen bringen es hingegen gar nicht...). Welche Bedürfnisse Frauen haben ist dabei nicht nur irrelevant, sondern auch unerwünscht, denn: Männer "hören gerne: 1. Ja. 2. Jaaa!" und "nicht so gerne 1. Nein. 2. Nein heißt bei mir nein." Frauen sollen gefälligst Sperma schlucken - egal ob es schmeckt oder nicht - denn "manchmal geht's nicht anders" und "im G'rund g'nommen g'hört er in den Mund g'nommen".
Offenbar gefällt sich W.K. in der Rolle des Grand Provocateur. Tabubrüche will er aber nicht durch feministisches Engagement begehen (und er würde damit auffallen!). Er frönt lieber dem backlash und erheischt Aufsehen durch frauenverachtendes Geschreibsl. Wie mutig! Endlich ein Mann, der auf political correctness pfeift, und schreibt, was sich viele insgeheim schon lange denken. Willkommen am Stammtisch mit Wolf Martin, Jörg Haider und Staberl!
Ein Mann redet, die Redaktion schweigt. Empörte LeserInnenbriefe werden ab und an abgedruckt, Anrufe lapidar abgewimmelt. (Was wäre, wenn einE AfrikanerIn sich über rassistische Kommentare beschweren würde?) Der Vorwurf des Sexismus scheint niemanden zu kratzen. Doch inzwischen reagiert W.K. sogar auf Wünsche, er möge sich nicht ausschließlich mit männlichen Blow-Job-Phantasien befassen: Er widmet sich in den nächsten Kapiteln dem Cunnilingus, der "nicht ganz unpassend nach einer fleischfressenden Pflanze klingt" und dem er gleich mal den bezeichnenden Namen "Low Job" verpasst. Und er warnt die KritikerInnen, dass sie ihren Wunsch "vielleicht noch bereuen werden" Ist W.K. schon so selbstredend political correct, steht er schon so über den Dingen, dass er derartig selbstgefällig mit KritikerInnen umgehen kann?
Die Kolumne läuft weiter. W.K. würde mir wahrscheinlich raten, seine Ergüsse einfach zu überblättern. Aber ich bin genauso wenig gewillt, vor Rassismen in unserer Gesellschaft den Mund zu verschließen, wie vor frauenverachtendem Macho-Gekritzel. Denkt endlich mal nach, ihr Männer der "Linken", hört auf, so zu tun, als wärt ihr nicht Teil dieser sexistischen Welt, nur weil ihr euch selber so definiert. Kapiert endlich, dass harmloses Witzeln, augenzwinkerndes Schreiben und uninteressiertes Schweigen bereits gewalttätig sind und den Nährboden für körperliche Gewalt bilden - egal ob das Opfer nun Cheibane Wague oder Marie Trintignant heißt!

 

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