Foto: Helene Trauner
Träume vom gleichen MeerEva Jantschitsch, besser bekannt als GUSTAV, sprach mit Hemma Geitzenauer und Saskya Rudigier über Selbstverständlichkeit, Ladypower und die kleinen Unterschiede...
an.schläge: Gustav ist dein erstes Solomusikprojekt. In welchem Abschnitt der Emanzipation befindest du dich gerade?
Eva: Ich glaube, die stärkste emanzipatorische Phase war zur Zeit des Produzierens: Bei der CD Produktion in meinem Wohnzimmer, wo ich meine eigene Chefin war und ich die Produktion in der Hand hatte. Sobald ich mich auf die Labelsuche begeben hatte, sobald andere Leute mitarbeiteten, die wirtschaftlich denken und handeln müssen, konnte ich nicht mehr in dem Grade selbstbestimmt arbeiten, wie ich es mir gedacht habe. Ab dem Zeitpunkt kannst du entweder nein sagen oder wenigstens schauen, dass du deine Meinung vertrittst. Aber es ist nicht mehr möglich, emanzipatorisch zu arbeiten.
Kann man diese Explosion von Aufmerksamkeit mit einem Datum, einer Person in Zusammenhang bringen?
Mit mir, würde ich sagen. Ich habe vorher schon zwei Jahre immer wieder Konzerte gehabt und das Interesse - auch von JournalistInnen - gemerkt, die mich ständig nach dem Erscheinen meiner CD gefragt haben. Und deshalb führe ich es auf mich selber und meine Arbeit zurück und schreibe es nicht einer Journalistin, einem Journalisten zu, die/der dies generiert hat. So mächtig sind sie dann auch wieder nicht. Sie ändern ja nichts an dem, was du selber schaffst, bevor sie über dich schreiben. Die Qualität wird nicht durch jene definiert, die drüber schreiben, sondern durch diejenigen, die es produzieren.
Gibt es Unterschiede zu männlichen Musikmachenden?
Ich glaube, es gibt einen Unterschied in der Sozialisation, aber einen Unterschied im Moment des Schaffens streite ich ab. Ich glaube, das hat mit Bildern zu tun, die beschreiben, was konstruiert ist. Ich tu' mir mit der Beantwortung schwer, weil ich nicht versuche, es auf einen Geschlechtsunterschied zurückzuführen.
Einerseits ist es ein Thema, dass ich die Elektronik anders verwende, aber ich mache es nicht um zu zeigen, dass Frauen einen ganz anderen Zugang dazu haben. Deshalb tue ich mir schwer, das als Gegenbeweis anzuführen.Aber es gibt wenig andere Kompositionsformen, die nicht mit einem Höhepunkt enden.
Ich verstehe schon, dieses Abrackern an einem Ding, um des Abrackern willens. Und für mich ist es eher ein Mittel zum Zweck, etwas zu transportieren, Vorschläge, Visionen oder Fragen. Es ist vielleicht bei mir eher ein kommunikativer Zugang zu Musik, als mich brüsten zu wollen, mit dem, was ich geschaffen habe. Vielleicht könnte man hier einen Unterschied raus lesen.
Wirst du als Frau auf der Bühne als Konzept wahrgenommen?
Ich glaube, die Umwandlung passiert erst. Also, ich bin noch ein Konzept. Die meisten Frauen auf Bühnen sind noch Konzepte und haben diesen Konzeptstatus noch nicht überwunden. Vielleicht kann ich mit dem nächsten Programm einen neuen Schritt andenken und es wieder brechen. Indem ich es in den Liedern artikuliere, in der Performance. Die Leute bei den Konzerten, die es mitkriegen wollen, kriegen es mit, die anderen nicht. Die denken sich vielleicht, es ist ein Liebeslied.
Was bedeutet Feminismus für dich und welcher Strategien bedienst du dich?
Für mich war das immer ein Versuch, an diesen sozialisierten, diesen anerzogenen Unterschieden zu arbeiten und zu sagen: "Das ist alles konst-ruiert, was ich als Frau bin, oder er als Mann" und dass man an diesen Zuschreibungen arbeiten muss, als postfeministische Strategie. Also die Behauptung Mann und Frau nicht zulässt. Ein Versuch ist, auf poppiger Ebene einen männlichen Namen für eine weibliche Produzentin zu verwenden. Andere Strategien manifestieren sich eher im Privatleben, durch Diskussionen im Freundeskreis. Aber ich kann nicht genau sagen, wie ich Feminismus politisch lebe. Vereinzelt passieren immer wieder Sachen, die dann in der Vermarktung, in der medialen Vermittlung, arg umgedeutet werden. Das ist das Problem. Die Leute, die den Stift in der Hand haben und darüber schreiben. Da kommt wieder die Definitionsmacht ins Spiel, als die Verwertung des Bildes. Wo setzten wir dieses Image ein und wo und wie wird es im gesellschaftlichen Kontext umgedeutet? Von mir aus gesehen, kann ich nur diffizil arbeiten. Ich bin kein Mensch, der mit dem Knüppel arbeitet, der stark genug ist, um eine offensichtliche Provokation zu setzen. Das entspricht meinem Wesen nicht, deshalb kann ich es nicht in meiner Arbeit machen. Ich kann es aber textlich versuchen und ich kann es über die Art zu produzieren versuchen. Und überhaupt, dass ich die Produzentin bin und nicht die Sängerin. Mir fällt in diesem Zusammenhang nur Electric Indigo ein, die eine Produzentin ist, es gibt sicher noch viele andere. Aber es gibt wenige, die bekannt sind, die kommuniziert werden. Geben tut es sie sicher.
Wie schätzt du heute das Netzwerk aus Musikerinnen, Journalistinnen, Bands und Veranstalterinnen ein, das es seit dem Frauenbandenfest 2002 gibt? Wie siehst du die Entwicklung in dieser Community?
Beim Frauenbandenfest habe ich damals mit einem Kinderkassettenrecorder gesungen und meinen ersten Soloauftritt hingelegt. Es war spannend, wie sich jede von uns Frauen weiterentwickelt hat. Das Ladyfest hat 2000 seinen Ursprung in Amerika gehabt und dieser Gedanke, diese Idee, ist nach Europa transportiert worden. Diese Idee war so wichtig und neu und notwendig nach der Riot Grrrl Phase, den Schlampen-T-shirts und Miniröcken, die von den Medien sehr vereinnahmt wurden. Diese Girls haben sich dann Ladys genannt. SV Damenkraft haben mich nach Hamburg zum Ladyfest mitgenommen. Und sobald man weiß, wo überall Ladyfeste veranstaltet werden, weiß man, wie notwendig und wichtig dieses Fest für Frauen ist. Die Weiterentwicklung ist, dass überall Netzwerke durch Ladyfeste entstanden sind, die jetzt da sind und dass die Bedeutung logischerweise abnehmen wird. In Wien ist aber gut zu beobachten, dass es kontinuierlich gewecktes Interesse an feministischen Symposien gibt. Zumindest bei mir. Ich bin dadurch wach geworden und habe plötzlich gemerkt, wie viel sich tut, wie viele interessante Veranstaltungen es zum Thema Feminismus gibt. Und vielleicht wird das feministische Bewusstsein dadurch wieder gestärkt, weil es viel genauer diskutiert wird, die verschiedenen Zugänge, von dem was es bedeuten kann, wie man arbeiten kann, wie man Statements setzen kann.
Gibt es ein neues Projekt?
Weiß ich noch nicht genau. Ich kann nicht auf Druck produzieren. Wenn es eine zweite Gustav-Platte gibt, dauert es sicher wieder Jahre, bis sie erscheint. Für eine Auftragsarbeit im Rahmen der Wiener Festwochen, zu einem Stück von Kathrin Röggla, "Draußen tobt die Dunkelziffer", wo es um den Mittelstand geht, der in die Verarmung abgleitet, mache ich Teile der Musik. Theaterarbeit ist eine angenehme Arbeit und für mich spannender, als Konzerte zu spielen oder für CD-Produktionen zu arbeiten.
Wie wirkt sich der Erfolg auf deine erlebte Nähe zum Publikum aus?
Der Kontakt ist manchmal unangenehm geworden. In Berlin waren ein paar Gigs, wo ich mir wie ein Zirkuspferd vorgekommen bin, das angeschaut und geprüft wird. Was vorher eine totale Lust war und wo das Interesse von den anderen da war, das hat sich mit steigendem Bekanntheitsgrad in ein Überprüfen gewandelt. Ob ich live halte, was die CD verspricht. Die Konzerte, wo mich die Leute nicht kennen, sind die schöneren Konzerte, weil ich noch überraschen kann.
Während sich die Typen sagen: Es ist schon klar, dass wir jetzt überprüft werden, aber ich bin der (Musik-)Priester!
Ich möchte keine Priesterin sein, ich möchte eine unter vielen sein, weil ich dieses Gehabe verabscheue. Ich probiere was aus, das manchmal funktioniert, und manchmal nicht. Und der Fehler muss integriert sein, finde ich. Ich möchte nicht so tun, als wäre der Akt auf der Bühne zu stehen, etwas besonderes. Mein Ansatz war immer, diese Bühnenmagie zu brechen. Das einzige was mich vom Publikum unterscheidet, ist das Mikro, dass ich lauter bin durch die Boxen. Ich möchte nicht so tun, als wäre das was Unüberbietbares.
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