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Soziale Kunst-Figur
Die aus Belgrad stammende Künstlerin Tanja Ostojic nimmt Juni und Juli an der Ausstellung „Interventionen gegen Rassismen“ in der IG Bildende Kunst teil.Ein Interview von Kerstin Kellermann
Tanja Ostojic
wurde durch ihre provokanten Aktionen bekannt. So wusch sie einem berühmten Kurator der Biennale von Venedig die Füße und heiratete live im Internet, um einen EU-Pass zu erhalten. an.schläge: Mit Deiner Arbeit „Looking for a husband with EU-passport“, die sich mit dem Heiratsmarkt für MigrantInnen beschäftigt, hast du Verbindungen zwischen Rassismus und Sexismus aufgezeigt. Kannst du mehr über deine Intentionen und die Reaktionen auf deine Arbeit erzählen? Tanja Ostojic: Jahrelang lebte ich ständig eingeschränkt und gedemütigt durch die Tatsache, einen unpopulären Pass zu besitzen. Mein Recht auf Bewegungsfreiheit, in den Städten zu leben und zu arbeiten, in denen ich wollte, blieb eine Abstraktion, also musste ich immer Wege finden, um dieses Ziel zu erreichen. Im Jahr 2000 gestaltete ich drei Arbeiten, in denen ich verschiedene – MigrantInnen wohl bekannte und oft benutzte – Strategien anwandte: „Illegal border crossing/Illegaler Grenzübertritt“ von Slowenien und Österreich aus, sechs Stunden „Waiting for a visa/Warten auf ein Visum“ vor dem Konsulat in Belgrad – ohne Resultate und „Looking for a husband with EU passport/Suche nach einem Ehegatten mit EU-Pass“. Meine Intention war es, den Elitismus der Europäischen Union und die hochproblematischen Schengen-Bestimmungen zu unterstreichen und eine Plattform für diese Diskussion zu kreieren. Mit der Kunstaktion wollte ich aber auch etwas überbrücken, was ich im wirklichen Leben nicht konnte. Für mein „Looking for a husband with EU-passport“ benutzte ich ein Foto von mir selbst, komplett rasiert und nackt, mit Blick auf den Betrachter ohne ein Lächeln oder einen verführerischen Blick. Wichtig war mir, einen Eindruck zu erzeugen, der sich ohne Zweifel von der Ästhetik von Hochzeitsfotos abhob. Mit dem klaren Statement „Suche nach einem Ehegatten mit EU-Pass“ und „Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung an hottanja@hotmail.com“. Ursprünglich war es nicht meine Absicht zu heiraten, aber als ein paar interessante Vorschläge kamen, nämlich jemanden „for real“ (also echt) zu heiraten, der das Projekt verstand und meinen Mobilitätswunsch unterstützen wollte, entschied ich mich, den nächsten Schritt zu tun und nahm die Identität einer „Verheiratet für Papiere-Migrantin“ an – eine Position, in der ich bis heute lebe. Da das Projekt sehr lange lief, gab es viele verschiedene Reaktionen. Ich erhielt über 500 Briefe von Leuten aus der ganzen Welt. Es gab Kommentare völlig unterschiedlicher Art. Einige fragten, was mit meinem Haar passiert sei, andere drückten Bewunderung für meinen Mut aus. Auch perverse sexuelle Kommentare ließen sich nicht vermeiden – also lernte ich einiges über falsche Identität im Internet. Um eine Ahnung von der Spannbreite der Reaktionen zu bekommen, muss man wissen, dass einige der Kunstbetrachter meiner Aktion NATO-Soldaten im Shopping-Zentrum von Skopje in Mazedonien (im Rahmen der Ausstellung „Kapital und Gender“) waren und andere Schulkinder in Österreich, die die „Never Stop The Action“-Schau in der Galerie von Rotor in Graz sahen. an.schläge: Feministische Kunst konzentrierte sich in den letzten dreißig Jahren sehr auf den weiblichen Körper. Warum ist der Körper für eine Künstlerin so wichtig? Tanja Ostojic: In den 70er Jahren standen die Grenzen des Körpers im Fokus der künstlerischen Interessen, genauso wie die Überwindung bestimmter Rollen. Ich finde es höchst problematisch, wenn die Arbeit von Künstlerinnen strikt über die Benutzung des eigenen Körpers interpretiert und auf weibliche Körper-Erfahrung beschränkt wird. Das ist speziell der Blick männlicher Kuratoren und jener, die dieses Modell übernehmen. Ich möchte unterstreichen, dass ich meine soziale Figur als Material mit allen unterschiedlichen Aspekten der sozialen Erfahrung und Definitionen benutze – eben nicht meinen Körper. Der Körper ist für mich Material, sowohl als Text, als auch als Dialog und als Dokumentarvideo – nicht mehr und nicht weniger. Die Tatsache, dass ich so oft innerhalb meiner Arbeit präsent bin, liegt in meinem Bedürfnis nach direkter Kommunikation. Und wenn jemand diese Rede als Rede in der ersten Person interpretiert und die direkte Kommunikation nur als Körper begreift, dann haben wir ein Problem. Weil ich sicher mehr mein Hirn als meinen Körper benutze. an.schläge: Muss Kunst im Kontext des Schaffens gesehen werden? Sollten die Lebensumstände der Künstlerin miteinbezogen werden? Tanja Ostojic: Was ich tue, ist nur dann Kunst, wenn ich es in einem Kunstkontext mache und zeige. Ansonsten ist es kultureller Aktivismus. Langzeitforschungen, in die ich eingebunden bin, sind sicherlich etwas, das sich mit meiner Lebenserfahrung überlappt. Ohne diese tiefe persönliche Einbindung und das Risiko, das ich damit immer eingehe, würde ich nicht fähig sein, ein besseres Verständnis für bestimmte Themen, über die ich arbeite, zu erreichen. Ich bin nicht am simplen Schaffen von Bildern interessiert – der Produktion von Kunstwerken, die für Unterhaltung und Verkauf benutzt werden. Der Großteil meiner Arbeit ist interaktiv. Ich habe es nicht gern, die Leute in der Rolle der BetrachterInnen zu lassen. Ich versuche sie zu involvieren, ihre Meinungen zu hören, sie an meinen Projekten mitarbeiten zu lassen. an.schläge: Es gibt viel sexuelle Gewalt gegen Frauen. Einige feministische Künstlerinnen beschäftigen sich mit diesem Thema. Interessierst du dich für diesen Bereich? Tanja Ostojic: Das ist ein sehr sensibles Thema. Als ich beispielsweise vor kurzem Interviews in der Schubhaft in Berlin Köpenick machte, konnte ich im Nachhinein keine der Stellungnahmen der Frauen für meinen Dokumentarfilm benutzen, weil deren Fälle äußerst sensibel sind und wenn man das öffentlich gezeigt hätte, wären ihr Ansehen und ihre Würde verletzt worden. Das große Problem ist, dass die EU-Staaten genderbezogene Gewalt nicht als Asylgrund oder als Grund für ein humanitäres Visum ansehen. Die „Personal Space Performance“ 1996 und „Looking for a husband with EU passport“ sind Projekte, die Bewusstsein für dieses Thema hervorrufen sollen. Die dabei verwendete Konzentrationslager-Ästhetik ähnelt Erfahrungen von Gewalt in einer unterbewussten und subtilen Art. Seit ein paar Jahren plane ich ein Projekt zum Frauenhandel in den Balkanstaaten.
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