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Falsch abgebogen
Von Gabi HorakEs war schon absurd, welche Schwerpunkte diverse Veranstaltungen von institutionalisierten Stellen, die eigentlich für Frauenförderung zuständig sind, zum heurigen internationalen Frauentag hatten. Da ging es um Männergesundheit, Männer als Väter oder Täter, Gendermainstreaming-Strategien, die leider des öfteren zur Männerförderung mutieren und immer mehr Frauenförderungs-Strategien ersetzen. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es ist prinzipiell nichts gegen die Förderung von Männergesundheit oder Täterarbeit zu sagen - das alles ist selbstver- ständlich notwendig. Aber nicht, wenn diese Maßnahmen anstelle von Frauenförderung gesetzt werden. Nicht, wenn die ohnehin mageren Ressourcen für Fraueninitiativen, Empowerment, Beratung und Förderung von Frauen zugunsten der Stärkung von Männern gekürzt werden. Genau das passiert immer wieder, immer öfter - Diskussionen über Männerprobleme zum 8. März sind nur die sichtbare Spitze eines Eisberges.
Jüngstes Beispiel ist die von Justizminister Böhmdorfer initiierte, finanzierte und von der Rechtsanwaltskammer eingerichtete Gratis-Hotline für Opfer von Gewaltverbrechen. Etwa ein Dutzend Rechtsanwälte (und -anwältinnen?) werden gegen einen Stundenlohn von dreißig Euro Gewaltopfer juristisch beraten. Keine Frage: Eine notwendige Einrichtung. Aber rund um den scheinbar heroischen Einsatz von Minister Böhmdorfer für Gewaltopfer gibt es einiges zu beachten: Opfer von Gewaltverbrechen, die nicht sofort zur nächsten Polizeistelle gehen, um Anzeige zu erstatten, sondern sich zunächst an eine anonyme Hotline wenden, sind in den meisten Fällen Frauen, die von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen sind. Für genau diese Zielgruppe gibt es jedoch bereits mehrere Angebote: die autonomen österreichischen Frauennotrufe sowie die Frauenhelpline gegen Männergewalt. Die Frauenhelpline ist seit fünf Jahren täglich und rund um die Uhr österreichweit erreichbar, bietet kostenlose und anonyme Beratung für Opfer häuslicher Gewalt. Am Telefon sitzen ausnahmslos Frauen - keine Juristinnen, sondern diplomierte Psychologinnen, die sofort zur akuten Stabilisierung der Frauen beitragen können, sowie Sozialarbeiterinnen, die auch juristisch geschult sind und vor allem jede Menge Erfahrungen genau im Bereich häuslicher Gewalt mitbringen. "Wir wurden nicht informiert und haben zufällig von der neuen Hotline erfahren", empört sich Maria Rösslhumer, Koordinatorin der Frauenhelpline, in einer Aussendung. Ihr Ärger ist verständlich: Die bestehenden Helplines ringen jedes Jahr wieder um Förderungen, um irgendwie über die Runden zu kommen - von langfristiger vertraglicher finanzieller Absicherung können sie nur träumen. Vom Justizministerium bekommt die Frauenhelpline keinen Cent, weil sie nur die spezielle Gruppe Frauen und Kinder berät, so die Begründung. Anstatt also bestehende und gut funktionierende Angebote zu fördern, werden lieber Gelder frei gemacht zum Aufbau neuer Infrastrukturen.
Die neue Hotline für Gewaltopfer, deren NutzerInnen wohl auch in erster Linie Frauen sein werden, lässt sich Böhmdorfer jährlich etwa 500.000 Euro kosten. Währenddessen kämpft die Frauenhelpline seit Monaten darum, dass die KÜRZUNGEN der Förderungen vom Frauenministerium nicht so massiv sind wie ursprünglich angekündigt. Auf der einen Seite werden neue, wenig durchdachte Angebote finanziert und auf der anderen Seite werden stark genutzte Angebote gekürzt. Den Helplines wird ein neues Projekt vor die Nase gesetzt und den Expertinnen damit unverholen die Kompetenz abgesprochen. Es ist unmöglich, diese Vorgehensweise nicht als Teil einer Strategie zu identifizieren, zumal sie ins größere Bild passt: Frauenministerin Rauch-Kallat diskutiert am Frauentag über Männerprobleme und vertröstet seit einem Jahr bei Anfragen zu konkreten Anforderungskatalogen für Frauenprojektförderung auf unbestimmte Zeit. Seit langem geförderte Frauenprojekte werden auf Null gekürzt, um Ressourcen frei zu machen für "Neues" wie etwa Rauch-Kallats jüngste Erfindung, das Frauen-Business-Mentoring-Projekt, das mit viel Aufwand präsentiert wird, während seit Jahren bestehende Frauenberatungen - mühsame Errungenschaften der Frauenbewegung - zu Grunde gehen. Das einzige Frauenhaus in Innsbruck, das kurz vor dem Aus steht, ist nur ein Beispiel.
Politischer Wille kann Berge versetzen - dafür gibt es unzählige Beispiele - aber auf den kurvigen Straßen zwischen Gendermainstreaming und Männerförderung ist die "Frauenpolitik" hierzulande irgendwo falsch abgebogen.