Räumen und GendernFrauen wachsen mit der Angst vor sexueller Gewalt in öffentlichen Räumen auf, die oft in (Selbst-)Beschränkungen mündet. Wohlgemeinte Maßnahmen und Ratschläge erweisen sich jedoch langfristig gesehen als Bumerang für die Betroffenen. Von Anika Susek
"Lass dich nicht anquatschen", "Pass auf dich auf" - Sätze, wie sie die meisten Mädchen und Frauen schon oft gehört haben. Frauen lernen oft bereits in der Kindheit den öffentlichen Raum als Gefahr und den eigenen Körper als permanent bedroht zu betrachten. Der öffentliche Raum wird somit nicht selten zum "Angst-Raum".
Was genau ist aber unter einem "Angst-Raum" zu verstehen? In der Fachliteratur hat sich der Begriff für Orte im öffentlichen Raum etabliert, an denen Frauen Angst haben, Opfer einer Gewalttat zu werden. Die Angst ist dabei meist an die Dunkelheit und das Alleinsein beim Aufenthalt in diesen Räumen gekoppelt. Typische Angst-Räume sind demnach zum Beispiel Parks, Tiefgaragen oder menschenleere Straßen und Plätze.Der kleine Unterschied. Natürlich haben auch Männer an solchen Orten Angst. Im Vergleich zu Frauen, die sich in erster Linie vor einer Vergewaltigung fürchten, haben Männer jedoch eher Angst vor Überfällen. Ein weiterer geschlechtsspezifischer Unterschied liegt im Umgang mit der Angst. Während Männer aus ihrer Angst nur selten die Konsequenz ziehen, sich in ihrem Verhalten einzuschränken, entwickeln Frauen oft Verhaltensweisen, die sie in ihrer Bewegungsfreiheit stark einschränken. Eine repräsentative Studie im Auftrag der Frauenzeitschrift Brigitte ergab: immerhin 53 Prozent aller Frauen gehen - im Gegensatz zu 10 Prozent der Männer - nachts nicht alleine aus dem Haus. Auch Verhaltensmuster wie "aus Sicherheitsgründen ein Taxi nach Hause nehmen" oder "Umwege in Kauf nehmen, um bedrohlich wirkende Orte zu meiden", sind bei Frauen wesentlich häufiger auftretende Strategien im Umgang mit der Angst. Diese Vermeidung von Angstsituationen wurzelt in der kindlichen Sozialisation von Mädchen und Frauen. Ausdruck findet das Erlernen der geschlechtsspezifischen Raumaneignung zum Beispiel im Spielverhalten. Von Buben bevorzugte Spiele, wie etwa das Fußballspielen, sind wesentlich raumgreifender als die räumlich eher begrenzten Spiele von Mädchen. So werden - ganz nebenbei - die Aneignung von Raum und die Entwicklung des räumlichen Vorstellungsvermögens in geschlechtsspezifisch unterschiedliche Bahnen gelenkt. Der bei Buben im Vergleich zu Mädchen auch insgesamt wesentlich größere Aktionsradius beruht auch auf der elterlichen Kontrolle, der Mädchen in höherem Maße unterstehen. Mädchen entfernen sich nur selten so weit von der elterlichen Wohnung wie Buben. Diesen Umstand ausschließlich negativ zu werten, würde jedoch bedeuten, Mädchen und Frauen wie so oft als defizitär und als Abweichung von der männlichen Norm zu betrachten. Vielmehr brachten Untersuchungen zu Tage, dass Mädchen trotz oder gerade wegen ihres engeren Aktionsradius wesentlich mehr soziale Kontakte knüpfen, als dies bei den meisten Buben der Fall ist.
Was bleibt, ist jedoch die Frage nach der Freiheitseinschränkung, die für viele Frauen mit der von ihnen verinnerlichten Raumaneignung einhergeht. Unabhängig von den natürlich auch real existierenden Gefahren, führen allzu oft phantasierte Gefahren zur (Selbst-)Einschränkung von Frauen. Hier finden neben dem medialen Diskurs vor allem die gut gemeinten Ratschläge der Eltern ihren Niederschlag. Die beständige Beschwörung des hinter der nächsten Ecke lauernden Vergewaltigers schreibt letztendlich in der Konsequenz einmal mehr den privaten Raum als den einzig sicheren und angemessenen Frauenraum fest. Der öffentliche Raum wird so für viele Frauen zum Angst erzeugenden Fremden, der private (Innen-)Raum zum vertrauten und Schutz gebenden Umfeld. Wer jedoch an die Häufigkeit von häuslicher Gewalt und Vergewaltigungen in Wohnungen denkt, wird schnell erkennen, dass es sich hier um einen Trugschluss handelt.Symptombekämpfung. Letztendlich beginnt das Problem bereits im Diskurs über Angst-Räume, der zumeist auf "Frauenangsträume" verkürzt wird. Angst gilt gesellschaftlich vor allem als "negatives Gefühl" und "psychisches Problem". Die Eingrenzung der Diskussion um Angst-Räume auf Frauen führt deshalb auch dazu, dass diesen ein "psychisches Problem" zugeschrieben wird. Die eigentliche Ursache, die der Angst zugrundeliegende Gewaltstruktur im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, wird damit verschleiert. Traditionelle Geschlechterrollen werden reproduziert: die zu beschützende Frau hat ein Problem und der beschützende Mann eilt mit Sicherheitskonzepten in der Tasche zur Hilfe.
Gerade die - oft auch von feministischen Stadtplanerinnen in guter Absicht durchgesetzten - Sicherheitskonzepte, beinhalten jedoch manchmal weitere Fallstricke. Die Diskussion über Angst-Räume hat in der Vergangenheit in vielen Städten zu einer ganzen Reihe von stadtplanerischen Maßnahmen wie etwa der Verbesserung der Beleuchtung in menschenleeren Straßen, der Errichtung von Haltestellen, Entfernung von Büschen und Hecken und ähnlichem geführt. Diese Maßnahmen zielen in erster Linie auf die Erhöhung des Sicherheitsgefühls und sind deshalb inzwischen als "kosmetische Oberflächenbehandlung" in die Kritik geraten. KritikerInnen bemängeln, die mit den Maßnahmen verbundene Benennung von "Gefahrenräumen", die die männliche Gewalt begünstigen, führe letztendlich zu dem Schein, die Gefahr ginge von der baulichen Substanz und nicht von Männern aus. Diskussionen erschöpften sich somit nicht selten in technizistischer Symptombekämpfung, anstatt sich mit der strukturellen sexistischen Gewalt auseinander zu setzen.Die Kehrseite. Nicht nur die in der Diskussion um Sicherheitskonzepte oft angelegte Verschleierung von Ursachen ist problematisch, auch die Auswirkungen der Konzepte sind nicht immer unbedenklich. Nicht selten werden vermeintliche "Frauenängste" von konservativer Seite instrumentalisiert, um an "sozialer Kontrolle" orientierte Sicherheitskonzepte zu legitimieren. So werden beispielsweise Rückzugsräume für Obdachlose oder Drogenkranke schnell zu "Frauenangsträumen" erklärt, die es durch Sicherheitsmaßnahmen zu beseitigen gelte. Auch die vermehrte Überwachung des öffentlichen Raums durch die Installation von Videoanlagen wird gerne "zum Wohle der Frau" vorangetrieben. Solche Maßnahmen zielen vor allem auf die Ausweitung von gesellschaftlicher Kontrolle und die Ausgrenzung von Obdachlosen und anderen Randgruppen. Gerade für Migrantinnen und ausländisch aussehende Frauen führen die vermehrte Überwachung und verstärkte Präsenz von PolizistInnen zu einer Zunahme von Unsicherheit, da sie sich vermehrt dem alltä-glichen Rassismus in Form von häufigen Kontrollen ausgesetzt sehen. Die erhöhte Polizeipräsenz produziert zudem abermals den Mythos vom gefährlichen Raum und verstärkt somit die Erzeugung von Angst.
Das Konzept der "sozialen Kontrolle" suggeriert außerdem, die sexuelle Belästigung von Frauen habe nichts mit dem "rechtschaffenden Bürger" zu tun, dem hier die Rolle des Beschützers zugewiesen wird. Einmal mehr wird damit verschleiert, dass Belästigung und Anmache keineswegs Ausnahmeerscheinungen, sondern Alltag sind. Die unhinterfragte Verknüpfung von berechtigten Frauenängsten mit dem Kriminalitätsdiskurs führt damit auch zu einer weiteren Manifestation der Geschlechterhierarchie. Es bleibt also stets abzuwägen, inwiefern es sich bei Sicherheitskonzepten um sinnvolle Maßnahmen handelt, die Frauen zu mehr Freiheit in der Raumaneignung verhelfen, oder ob mit diesen nicht letztendlich Verhältnisse reproduziert werden, die es eigentlich zu bekämpfen gilt.
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