Veranstaltungstip:
25. 6., 19.00
Präsentation des
Dossier 18 - Elfriede Gerstl
Mit Elfriede Gerstl, Christ
Gürtler, Konstanze Fliedl
Daniela Strigl u.v.a.
Literarisches Quartier
"Alte Schmiede",
Schönlaterngasse 9,
1010 Wien
Lesetips:
Elfriede Gerstl:
spielräume.
edition neue texte 1977Elfriede Gerstl: kleiderflug.
texte - texitilien - wohnen
Edition Splitter 1995Elfriede Gerstl: die
fliegende frieda.
sechsundzwanzig
geschichten
Edition Splitter 1998Elfriede Gerstl: alle tage
gedichte. schaustücke.
hörstücke.
Deuticke 1999Elfriede Gerstl: neue
wiener mischung.
Literaturverlag Droschl
2001
Luxus ohne Preis"Vor 20 Jahren hätt's mich mehr gefreut." Die Dichterin Elfriede Gerstl trägt den Jubel-Trubel anlässlich ihres 70. Geburtstags mit differenzierter Gelassenheit. Mit ihr gesprochen hat Helga Pankratz, Fotos von Michaela Bruckmüller (Cover: Petra Paul)
Fünf Minuten vor der verabredeten Zeit bin ich bei dem Café, in dem wir uns treffen wollen. Im Schanigarten sitzt Paulus Manker mit einer jungen Frau. Ich wähle drinnen einen Platz. Am Rand, um ungestört zu sein. Mit Blick zur Tür, um Elfriede Gerstl gleich zu sehen, wenn sie kommt.
Zwei Minuten vor der vereinbarten Zeit. Ich lege meinen Zettel mit den Fragen und das Aufnahmegerät auf den Tisch. Ich weiß nicht, wie das Gespräch wird. Fest steht nur, dass ich meine Gesprächspartnerin nicht mit jener Sorte Fragen quälen will, die sie ganz bestimmt nicht mag: Am 16. Juni 1932 in Wien als Tochter eine jüdischen Zahnarztes geboren. Mit der Mutter zusammen in Wien als U-Boot den Nationalsozialismus und Krieg überlebt. - Elfriede Gerstl hat sich ein ganzes Autorinnenleben lang standhaft geweigert, diesen Teil ihrer Biografie zu (Buch-) Markte zu tragen.Kein Interview. "Ich glaube nicht, dass man mit so etwas jemand zur Einsicht bewegt. Es stärkt nur die, die für die gute Sache schon gewonnen sind", sagt sie denn auch zu dem Thema, das ich aus Rücksicht gar nicht ansprechen wollte. Gleich nachdem wir uns geeinigt haben, dass ich den Recorder wegpacken soll: "Bitte, ich mag keine Interviews." Lieber will sie plaudern. "Machen Sie doch lieber ein Porträt von mir."
Auf dem Zettel mit meinen Fragen steht an erster Stelle etwas, das mich ganz persönlich zutiefst, fast schmerzhaft brennend, interessiert: Wie ist es ihr gelungen, gleichzeitig ökonomisch zu überleben und eine Dichterin zu sein? "In den 50er und 60er Jahren gab es wenig Auftrittsmöglichkeiten", erinnert sie sich. Doch sie war nicht der Typ, das resignierend hinzunehmen: Sie habe eben eine Lesung im Café Hawelka gemacht. "Das war damals überhaupt nicht üblich. Im Hawelka lesen, das habe ich damals eingeführt."Spielräume. 1964 nutzte die 32-Jährige die Chance, als Gast des Berliner Kolloquiums ins Ausland zu gehen. Wie viele ihrer Freunde aus der "Wiener Gruppe" auch, war sie auf der Suche nach mehr und besseren Publikations- und Auftrittsmöglichkeiten, wozu es eines kulturellen Umfelds bedarf, das es in Österreich zu dieser Zeit erst zu entwickeln galt. "Berlin hat von hier aus besser ausgeschaut, als es dort dann war", sagt sie heute.
1972, nach einer Phase des Hin und Her zwischen Berlin und Wien endgültig wieder nach Wien zurückgekehrt, wirkte sie an der Entwicklung eines österreichischen Umfelds, in dem KünstlerInnen existieren können, mit; und an dessen notwendiger Durchlüftung durch internationalen Austausch. Sie organisierte Lesungen und Veranstaltungsreihen im Literarischen Quartier "Alte Schmiede", pflegte Zusammenarbeit mit zahlreichen namhaften Kollegen und Kolleginnen wie Dorothea Zeemann, Friederike Mayröcker, Elfriede Jelinek oder Valie Export. Sie schrieb Essays und Rezensionen unter anderem für "Jüdisches Echo", "Neues Forum", "Emma", "Arbeiterzeitung" und "Falter" sowie Hörspiele für den ORF.
1977 erschien endlich in der Linzer "edition neue Texte" ihr Montageroman "Spielräume", der um das Jahr 1968 entstanden war und KritikerInnen zufolge "einer der wenigen politischen Romane unserer österreichischen Nachkriegszeit" ist.Ja, aber. Ist sie ein politischer Mensch? "Ja. Aber nicht im Sinn von Partei-Politik." Der Motor ihres Politischwerdens war und ist "Zorn über Unrecht". - Und wie der öffentlichen Ausbreitung der eigenen Geschichte zum Zweck der Verbesserung der Menschheit, steht sie auch dem aktuellen Widerstand mit einer pragmatischen Skepsis gegenüber: Die Donnerstagsdemos? "Jemand ändern, bessern, klüger machen wird das nicht", sagt sie, und setzt heiter nach: "Ich gehe auch manchmal. Das ist für die Psychohygiene."
Noch bevor ich auf den Feminismus zu sprechen komme, erzählt sie selbst davon. Sie sei immer schon Feministin gewesen. Bereits zu einer Zeit, als es diese Bezeichnung noch nicht gab. Als in Deutschland Alice Schwarzer bekannt wurde und sie in Wien den Aufbruch der Frauenbewegung mitbekam, stellte sie fest: "Aha. Feministin heißt das. Feministin. Ja, das bin ich." Als solche hat sie sich im Lauf der Jahre immer wieder betätigt. Im "Neuen Forum" hat sie "ein Frauen-Feature gemacht; schon vor 15 Jahren im Frauencafé gelesen Š und jetzt erst kürzlich wiederŠ" - Nüchtern bilanziert sie, "dass bis heute nicht einmal die Minimalforderungen des Feminismus realisiert worden sind, die zu Zeiten der Emma-Gründung gestellt wurden."Differenziert. Von der Wiener Gruppe bis zur Gründung der Grazer Autorenversammlung (GAV), Elfriede Gerstl war im Kultur- und Geistesleben Österreichs immer aktiv mit dabei. "Stimmt der Eindruck", frage ich vorsichtig, "dass Sie in vielen Gruppen und Vereinen stets die Rolle einer ,Rand-Figur' bevorzugt haben?" - "Stimmt", sagt sie, "Ich bin in öffentlichen Diskussionen sehr zurückhaltend. Das hat nichts mit Schüchternheit zu tun. Das öffentliche Sprechen liegt mir nicht." - Steht zu vermuten, dass das mit dem subtilen Gerstelschen Denken, Sprechen und Schreiben zusammenhängt. Immerhin hat sie, wie Andreas Okopenko es im Vorwort in "Spielräume" formuliert, "den ideologischen Holzhammer weit hinter sich geworfen" und nie mehr zurückgeblickt, um ihn wieder zu suchen. So etwas steht einer Karriere als Kultur-Funktionärin im Wege. Der Entfaltung und Erhaltung ihres unbestechlichen Kritikvermögens hingegen ist es bestens bekommen.
Nicht käuflich. Die mageren Jahre, die sie überstanden hat, sind nun vorbei. Sie hat keine Existenzsorgen, seit 1999 gleich alles auf einmal kam: Zwei große Literaturpreise - Georg Trakl- und Erich Fried-Preis - und die Anerkennung für ihren bislang vorletzten Band "alle tage gedichte". Doch für die grundlegende Lebensqualität, meint sie, "macht mehr Geld den Unterschied nicht aus." Sie habe immer bescheiden gelebt und den "Luxus, der keinen Preis hat" am meisten geschätzt. "Was wirklich wertvoll ist, kennt keinen Preis und Profit."
Die geballte Publicity, die nun damit zusammentrifft, dass sie 70 wird, quittiert die jetzt Viel-Geehrte mit der gebührenden Ambivalenz: Einen Rummel wie diesen hätte sie "vor 20 Jahren ökonomisch sehr gut brauchen können und auch physisch um vieles leichter bewältigt." - Fast wörtlich wie in "alle tage gedichte" nachzulesen, sagt sie: "Auftritte, Reisen, Interviews. Das kostet ja alles Kraft." Diese Kraft will sie nach Möglichkeit nicht mit Medienrummel vergeuden. Die investiert sie lieber ins Schreiben. "Wozu Interviews?" meint sie, "alles, was ich zu sagen habe, ist in meinen Büchern zu finden", und macht mich auf das frisch aus der Druckerei gekommene "Dossier 18" aufmerksam, das ich daraufhin zu ihrer Überraschung aus meiner Tasche ziehe: Darin haben die Literaturwissenschafterinnen Konstanze Fliedl und Christa Gürtler Laudationes, Vor- und Nachworte, Essays und Rezensionen zu Gerstls Werk versammelt. Und autobiografische Texte von Elfriede Gerstl geben sogar Auskunft auf Fragen, die eine aufdringlichere Interviewerin als ich ihr sicher gestellt hätte.
Der Ober kommt kassieren. Schichtwechsel. Ich drehe mich zur Kaffeehausuhr hinter mir um. Seit ich das Aufnahmegerät weggepackt habe, sind gute zwei Stunden vergangen.inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns