Foto: Magdalena Blaszczuk

 

Maria Lassnig:
body.fiction.nature,
Sammlung Essl,
An der Donau-Au 1,
3400 Klosterneuburg;
bis 28.8., 6,- Euro (erm. 3,5.-)
Di - So 10 - 19.00 ,
Mi 10-21.00 (ab 19:00 bei freiem Eintritt).

www.sammlung-essl.at

 

 


"Es ist die Kunst, ja, ja"

Maria Lassnig, die große, alte, spröde Malerin, untersucht derzeit in der Sammlung Essl in Klosterneuburg die Bruchstückhaftigkeit von Seinserfahrungen des ganzen eigenen Ichs. Von Kerstin Kellermann

Klein, zierlich und mit ihren 85 Jahren ein bisschen in sich versunken sitzt sie da, aber immer noch neugierig und ungebrochen. Ihr Gesichtsausdruck wechselt zwischen Erstaunen und Lachen.
Maria Lassnig, die große alte Malerin, ist in einen knallrosa Kaftan gehüllt, der Chef der Sammlung Essl trägt zur Laudatio eine farblich passende Krawatte.
Zur Eröffnung der Ausstellung "Maria Lassnig: body - fiction - nature" sind Unmengen an Fans nach Klosterneuburg gepilgert. Rosa dient laut Farbenlehre der Feindabwehr und Lassnig, die direkt von einer Erholungskur kommt, ist nach den Reden und dem Blitzlichtgewitter völlig erschöpft. Besonders Ursula Plassnig, die Außenministerin, hatte sich in einer interessanten Rede voller Mutmaßungen beinahe künstlerisch über die Malerin ausgelassen und auf ihre Herkunft Bezug genommen: "Aus dem Süden Kärntens kommen die Farbmaler her. Aber das luftig Leichte ist nicht Sache der Kärntner."
Noch vor fünf Jahren, bei der Pressekonferenz zur Ausstellung im 20er Haus beim Südbahnhof, war die spröde Künstlerin flott unterwegs und äußerst gesprächig gewesen: "Akzeptanz ist ein Wort, das ich erst jetzt kennen gelernt habe, früher war mir das wurscht und es kümmerte mich nicht, wer meine Bilder wie einschätzt. Denn sonst hätte ich ja aufhören müssen!", betonte Maria Lassnig und erzählte, dass sie in den 1950ern ein Gemälde eines nackten Mannes im Kärntner Landhaus wieder abhängen musste, nachdem es von einem katholischen Kritiker als "abgründiges Machwerk der Pornografie" bezeichnet worden war. Lassnig wurde erst mit sechzig Jahren mit ihrer Professur an der Akademie offiziell anerkannt, als sie "die gescheite und freundliche Frau Ministerin" (Lassnig) aus New York nach Wien zurückholte. 17 Jahre lang arbeitete sie intensiv mit ihren StudentInnen.

Körpergrenzen. Im 20er Haus handelten ihre aktuellen Bilder - "Die drastischen Bilder" - von Illusionen. In einem Bild behindert ein Kochtopf auf dem Kopf die Sicht der Frau, die äußerst ernsthaft guckt, ein anderes stellt unter dem Titel "Die Eingezwängte" den Anschlag einer Küchenschürze auf ihre Trägerin dar. Problemfragen zu Heirat, Ehe und Kinderkriegen stellte sich die Künstlerin erst ab siebzig - ein Zeichen für ein erfülltes Leben, das aber doch ab und zu an der Wirklichkeit anstößt und Wolken umzäunen muss (so ein Bildtitel)! "Ich stehe jetzt oben auf dem Berg der Reife und schaue in das lange Lebenstal. Man wird älter und die Füße langsamer, das Gemüt wird weicher und das Gesicht wird strenger", singt Lassnig in dem Trickfilm "Kantate". "Es ist die Kunst, die bringt mich nicht ins Grab. Es ist die Kunst, ja, ja, die macht mich immer jünger. Sie macht den Geist erst jünger und dann richtig satt."
2003 vertritt die Lassnig Österreich auf der Biennale von Peking, 1982 und 1997 nahm sie an der Documenta teil. "Ich komme ja eher aus einer Tradition des Schauens, also von einer visuellen Tradition, und dann war die Einkehr in mich selber - das war schon etwas an und für sich Radikales, das war damals eigentlich der Avantgardismus."
Der Körper, seine Rolle und seine Zukunft, war das beherrschende Thema des 20. Jahrhunderts. "Der postmoderne Körper definiert seine Einheit nicht mehr durch die anatomische Grenze zwischen Innen und Außen", schreibt Silke Andrea Schuemmer in dem Essay "Das bewohnte Körpergehäuse" im Katalog. Und vergleicht die Geschichte vom antiken Samson, der seine Kraft verlor, als Delila ihm die Haare abschnitt, mit Lassnigs Selbstporträts, in denen der Kopf häufig am Haaransatz endet - da sie ihre Haare nicht spürt, malt sie sie nicht. So entspricht sie der heutigen Körpergrenze. "Die Folge ist eine fließende Körpergrenze und damit eine fließende Konstituierung der Person", schreibt Schuemmer, eine Berliner Kunsthistorikerin. Lassnig grenzt sich von feministischen Körper-Performances ab, sie stellt "die Bruchstückhaftigkeit von Seinserfahrungen des ganzen eigenen Ichs dar". Während Künstlerinnen wie VALIE EXPORT, Gina Pane, Orlan oder Marina Abramovic in Performances ihren Körper als Instrument und Thema entdecken, verbindet Lassnig eher selten ein gesellschaftliches Anliegen mit der Zuschaustellung ihres eigenen Körpers. Der Körper ist bei ihr gleichermaßen privates Wahrnehmungsinstrument wie Forschungsgegenstand, aber kein sozialer Funktionsträger und keine gesellschaftliche Metapher.
Lassnig wendet sich in Selbstversuchen gegen die Ortlosigkeit und die fließenden Grenzen des Individuums und erforscht die Momente seiner Konstituierung. "Sie hat eine Brücke geschlagen zwischen dem mimetischen Porträt, das das Äußere einer Person sehr genau einfängt und dem inneren Empfinden. Damit ist das von ihr gezeigte Menschenbild weder inhuman noch posthuman, noch deformiert oder zerstückelt, sondern es ist sehr viel vollständiger, ganzheitlicher und transzendenter, als reine Äußerlichkeit es leisten könnte", schreibt Schuemmer. Es respektiert Grenzen.

Figuren in Weiß. "Die Ausstellung bei uns war schon vier Jahre lang geplant, dauerte aber noch, da die Künstlerin neue Bilder für uns erschaffen wollte", erzählt die Kunsthistorikerin Mela Maresch auf der Führung in der Sammlung Essl. Die neuen Bilder erhalten durch den weißen Hintergrund Kraft und Monumentalität. 2003 entstand "Der Insektenforscher" - ein kräftiger, sehr fleischiger Köper, der eine Art Insekten-Alien auf dem ausgestreckten Arm trägt. "Sie setzt die Figur ins freie Bild, in den weißen Hintergrund. Und nicht zu vergessen, es ist eine Frau von 85 Jahren, die diese sehr lebendigen Bilder in den Raum setzt!", freut sich Maresch.
Kuratorin Christine Humpl hängte luftig nach Themen und nicht chronologisch: "Innerhalb und außerhalb der Leinwand" vereinigt Bilder, in denen Hände oder Beine aus der Leinwand heraus ragen, aber im Bild bleiben. "Mit dem Kopf durch die Wand" entstand 1985. "Lassnig hat die figürliche Malerei nie verlassen - sie blieb immer an der Figur dran", erklärt Mela Maresch. "Die Farben, die sie verwendet, bezeichnet sie als ihre Wirklichkeitsfarben. Gelb kommt oft vor, weil das leicht übermalbar ist. Gelb ist gut für Perfektionismus, das kann man leicht löschen." Über das Bild "Zwei Mistkübel, die sich berühren" amüsiert sich Lassnig noch heute. "Es gibt Bilder, die sie sehr gerne hat. Da lächelt sie immer, wenn sie daran vorbei geht", sagt Maresch, die auch den Mut der Künstlerin betont: "Sie stellt sich ihren Monstern, sie läuft nicht davon, sie haut nicht ab. Es ist nie das Aufgeben, das Melancholische. Ihre Werke bleiben immer im Handeln, sie setzt sich auseinander." "Nachts, wenn die Mäuse schreien" ist so ein Bild.
Neu sind Bilder, die Themen umfassen, "zu denen man keine lustigen Bilder machen kann" (Maresch). "Die Trauer" (2003) zeigt drei dunkelgrüne Wesen mit Schlagstöcken und vorne - im Fallen - die nackte Figur (die Maria Lassnig äußerst ähnlich schaut ...) mit ausgeprägten Gesichtszügen und Brüsten, die warnend aus dem Bild heraus blickt. Auch "Die Abwehr" (2000) zeigt Aggressionen und Gewalt: Ein gesichtsloser Fußballer steigt mit einem Fuß, vor dem der Ball zum Tritt hängt, über die weibliche Figur im Vordergrund drüber, die eine Hand zur Abwehr erhoben hat. Berührend Mareschs Erklärung: "Sie verlässt langsam das Leben und will nicht bedrängt werden. Bitte lassts mich nur meine Arbeit machen, sagt sie. Sie gibt viel von sich her und bedarf eines Schutzes." Im Bild "Ideenfischer" (2001) liegt die weibliche Figur rückwärts auf dem Boden und wird von zwei Alien-ähnlichen Figuren abgesaugt bzw. mit Hilfe von Schläuchen, in denen bunte Flüssigkeiten fließen, ausgesaugt.

 

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