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Habemus Beelzebub
Von Karin EckertEigentlich könnte es mir als Atheistin völlig egal sein, dass dieser verbohrte alte Mann gestorben ist, wären nicht sämtliche Zeitungen zugepflastert mit seinem Konterfei: Karol Wojtyla. Sein Leben in Bildern, sein Sterben in detailreichen Worten. Fotos weinender Schäfchen. Kein Entkommen dieser letzten Show des Patriarchen. Salbungsvoll formulierte (aber recht simpel gestrickte) Nachrufe à la "der gute Mensch vom Vatikan" diverser Staatsoberhäupter (war eigentlich eine Frau darunter?) lassen in mir die Frage wachsen: Warum in Teufels Namen soll frau über Verstorbene eigentlich nichts schlechtes sagen? Dabei gäbe es jede Menge über Wojtyla zu berichten. Gefeiert wurde Karol Wojtyla unter anderem für seinen Beitrag am Fall des bösen, bösen Kommunismus. Der allerdings ließ Schwangerschaftsabbrüche zu, während im postkommunistischen, erzkatholischen Polen Abtreibungen mittlerweile verboten sind. Wojtylas Aversion gegen alles, was nach Kommunismus riecht, hatte auch weitreichende Folgen für die Menschen in Lateinamerika.
Der in den 1980er-Jahren erstarkten Theologie der Befreiung, die sich nicht nur für ein seliges Leben im Jenseits einsetzte, sondern einen engagierten Kampf gegen Armut im Diesseits führte, schaufelte er ein Grab: Unliebsame Priester sollten dem Irrglauben Befreiungstheologie abschwören. Er versetzte sie und bedrohte sie mit Ausschluss. An ihre Stelle setzte er erzkonservative Hüter des Glaubens, die Waffen segneten und mit dem CIA gemeinsame Sache gegen revolutionäre Befreiungsbewegungen machten. 1988 besuchte er Diktator Pinochet und spendete ihm höchstpersönlich die Kommunion. Der Marienanbeter erhob den umstrittenen Opus-Dei-Begründer Josémaria Escriva de Balaguer in den Rang eines Heiligen, während er dem wegen seines Einsatzes gegen Ausbeutung und Armut ermordeten Oscar Romero diese Ehre nicht erwiesen. Die Doppelbödigkeit des Wojtylas war unerträglich: nach außen trat er eisig lächelnd für Menschlichkeit und Demokratie ein. Hinter den Kulissen und innerkirchlich hingegen agierte er völlig konträr. Insofern wäre ich auch der Wahl eines außereuropäischen Kardinals zum neuen Papst skeptisch gegenüber gestanden: Der Kolumbianer Dario Castrillon Hoyos, der Inder Ivan Dias oder der Peruaner Juan Luis Cipriano sind Kinder der Politik Karol Wojtylas und konservativ bis in die Knochen. Und auch die Wahl eines liberaleren Kandidaten wie Francis Arinze aus Nigeria hätte nur verschleiert, was die katholische Kirche im Grunde ist: eine sexistische, politische und wirtschaftliche Macht, geleitet von einer handvoll alter Männer, deren Oberzampano als unfehlbar angesehen wird. Vielleicht wären wir vom 16. ins 17. Jahrhundert katapultiert worden. Dem modrigen Geruch des Mittelalters wären wir auch durch sogenannte Reformer kaum entkommen. Das zeigten auch die Diskussionen rund um die Wahl des Neuen: Nicht über Priesterinnen, Homosexualität und Zölibat wurde ernsthaft debattiert, sondern ob Pille und Kondom erlaubt werden sollen. Welch ein Fortschritt! Letztlich wurde nicht der Teufel gewählt, sondern der Beelzebub Joseph Ratzinger, der euphemistisch meinte, die "Einheit der Christen" forcieren zu wollen, was wohl nichts anderes heißt, als die Ausschaltung jeglicher unliebsamer Strömungen. Zu dieser Annahme verleitet zumindest sein bisheriges Demokratieverständnis als Leiter der Glaubenskongregation (die sich bis 1965 noch "Heilige Inquisition" nannte): So verdonnerte er 1985 den Befreiungstheologen Leonardo Boff zu einjährigem Schweigen. Den Willen von 2,3 Millionen Deutschen und ÖsterreicherInnen, die in den 1990ern das Kirchenvolksbegehren unterzeichneten, wies er als "unannehmbares, demokratisches Kirchen-modell" scharf zurück. Er sprach sich 1999 vehement gegen Schwangerschaftsberatung durch deutsche Bischöfe aus, und unter seiner Ägide wurden im selben Jahr die US-Ordensleute Jeannine Gramick und Robert Nugent von allen Ämtern ausgeschlossen, weil sie für eine positive Einstellung gegenüber Homosexualität eintraten. Nicht zu vergessen auch Ratzingers Reaktion auf die Priesterinnenweihe: wie so oft zückte er auch in diesem Fall die gelbe Karte mit der Aufschrift "Exkommunizierung". Maledikt XVI. bringt verschüttetes prä-atheistischen Wissen in mir an die Oberfläche: Ohh Maria (Magdalena?) hilf!