Foto: Magdalena Blaszczuk
Die Bielefelder Dozentin Dr.
Rita Stein-Redent war
2001/2002 Gast an der
Staatlichen Universität von
Rostov/Don in Russland. Zur
Zeit ist sie
Projektmitarbeiterin am
Interdisziplinären
Frauenforschungszentrum der
Universität Bielefeld.
In ihrer Habilitationsschrift
beschäftigte sie sich mit dem
"Wandel der Familie in
Russland".
Vorlesung "Familie und
Lebensalltag von Frauen in
Russland zwischen Tradition
und Moderne"
Ort: Universität
Hauptgebäude, HS 24
Zeit: jeden Dienstag, 16.00 -
18.00Nähere Informationen und
Literaturtipps unter:
http://www.univie.ac.at/gende
r-kolleg/lehre/sose2004.htm
"Die Frau des neuen Russen"
Osteuropa-Expertin Rita Stein-Redent ist derzeit Gastprofessorin am Gender Kolleg der Universität Wien. Mit Martina Madner spricht sie über Frauen in Russland und die russische Frauenbewegung.an.schläge: Mit dem Ende des Kommunismus 1989 hat sich die Situation der Menschen in Russland grundlegend verändert. Wie sieht das Leben der russischen Frauen heute aus?
Rita Stein-Redent: Mit 1989 sind neue Chancen für die Frauen in Russland entstanden, gleichzeitig gibt es aber auch das Problem, sich neu positionieren zu müssen. Chancen für Frauen sehe ich in neuen Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten, die ihnen die neue russische Gesellschaft bietet.
Welches Frauenbild herrscht heute vor?
Es gibt zwei konträre Frauenbilder - einerseits ein feministisch orientiertes und andererseits ein traditionelles Hausfrauenmodell. Das traditionelle wird als "Die Frau des neuen Russen" in den Medien zu einem Symbol für Russland hochstilisiert: Die Ehefrau oder Freundin eines neureichen Mannes, die gleichzeitig schön und jung, aber auch Mutter und Hausfrau ist. Dieses Frauenbild gibt es in dieser Form nur in Russland.
Wie ist das russische Geschlechterverhältnis arrangiert? Wie sind die Rollen verteilt?
Es gibt immer noch sehr traditionelle Rollenbilder. Selbst bei Frauen, die in der Frauenforschung tätig sind, ist eine Mutterzentriertheit zu finden. Auch wenn das Heiratsalter mittlerweile steigt und der Kinderwunsch etwas zurückgeht, hat die "glückliche Familie" immer noch einen sehr hohen Stellenwert. Es gibt kaum Alternativen. Eine kleine Episode dazu: Im vergangenen Jahr habe ich die Wahlen von Walentina Matwienko zur Gouverneurin in St.Petersburg miterlebt. Viele - selbst Frauen im universitären Umfeld - haben mir gesagt, dass sie diese Politikerin nicht wählen können, weil sie ihren Ehemann und ihr Kind in Moskau gelassen hat. Politik wird mit Männlichkeit assoziiert. Eine Frau darf bestimmte Höhen von Politik nicht erreichen, sonst erscheint sie unweiblich.
Wie würden Sie den typischen Alltag einer durchschnittlichen russischen Frau beschreiben?
Das Alltagsleben der Durchschnittsrussin hat sich wenig geändert, im Vergleich zu sowjetischen Zeiten. Es besteht immer noch aus Sorge um die Familie, die Kinder, und nun auch aus Unsicherheit wegen der sozialen Verhältnisse. Es müssen sich langsam auch die Männer neu positionieren, die innerfamiliäre Verantwortung, die Erziehung der Kinder, liegt aber immer noch bei den Frauen. Nicht nur bei der Mutter, sondern auch der Oma, der Babuschka. In Zeiten sozialer und ökonomischer Depression wächst der Familienverband wieder enger zusammen. Die Armut wird so durch Selbstversorgung vieler Familien, durch familiale Solidarität aufgefangen. Die Datscha, eine Art Schrebergarten, wird nicht zum Ausruhen genutzt, sondern um Kartoffeln, Möhren usw. anzubauen. Das Gemüse bietet eine zusätzliche Einkommens- und Versorgungsquelle.
Kommen wir zur Frauenbewegung in Russland. In welcher Hinsicht unterscheidet sich ein russischer von einem mitteleuropäischen oder US-amerikanischen Feminismus?
Es gab die Zeit, als der Bedarf bestand, westliche Literatur und westliche Erfahrungen aufzugreifen. Und wir waren ja auch sehr großzügig mit der Vergabe von Ratschlägen. (Lacht.) Das war sicher ein Problem, denn in Russland fehlt es meiner Ansicht nach an eigenen feministischen Konzepten. Die Phase der Adaption westlicher Literatur, Theorien und Modelle scheint aber beendet. Im Moment befindet sich die russische Frauenbewegung auf dem Weg zu einer eigenständigen Positionierung. Ein weiteres Problem ist, dass es starke Konkurrenz unter den Organisationen gibt. Der Grund ist ein ständiger ökonomischer Druck im Wettbewerb um Fördermittel und Projektgelder. Frauen, die ein Leben außerhalb der traditionellen Geschlechterarrangements wählen, wie beispielsweise lesbische Frauen, haben in der Frauenbewegung kaum eine Stimme.
Inwiefern kann die Frauenbewegung auf sowjetische Zeiten zurückgreifen? Sind Strukturen, die es damals gab, heute als "Staatsfeminismus" diskreditiert?
Ein wichtiges Merkmal der heutigen Frauenbewegung - die Netzwerkbildung - hat es bereits zu sowjetischen Zeiten gegeben. Frauengruppen, die sich heute positionieren, haben ihre Wurzeln häufig in der sowjetischen Zeit. Schon in den 20er Jahren wurden sogenannte Zenotdels - Frauenabteilungen - geschaffen, eine Art von staatlich verordnentem Feminismus, aber gleichzeitig auch ein Ort, an dem sich Gleichgesinnte fanden. Ende der 80er wurden die Zenotdels wieder ins Leben gerufen - dieses Mal zur Demokratisierung Russlands, denn die Basisarbeit haben Frauen gemacht. Eine Vielzahl der Frauen, die sich heute in der Frauenbewegung tummeln, kommen aus dieser Bewegung. Geblieben ist das Gleichberechtigungpostulat. Der sowjetischen Gesellschaft ist es gelungen, Gleichberechtigung so in den Köpfen der Menschen festzusetzten, dass sie nicht mehr in Frage gestellt wird. Allerdings wird nicht gefragt, wie es mit der Gleichstellung in der Praxis aussieht. Es gibt in der Frauenforschung in Russland ein strukturelles Problem. Sie findet oft nur auf einer beschreibenden Ebene statt, die Strukturen werden noch nicht hinterfragt. Das ist auch eine "Leistung" des Sozialismus, dass zu hinterfragen nicht gelernt wurde.
Was sind denn die Themen der heutigen russischen Frauenbewegung?
In osteuropäischen Gesellschaften gibt es zur Zeit einen Transformationsprozess, nichts desto trotz müssen sich heutige Frauen mit den historisch praktizierten Geschlechterarrangements auseinandersetzen. Es ist z.B. ein strukturelles Problem, dass sexuelle Aufklärung immer noch als etwas unmoralisches angesehen wird. Die offizielle Statistik weist zwar einen Rückgang der Abtreibungen auf, das Problem ist aber, dass Abtreibung immer noch zur Geburtenregelung verwendet wird und Familienplanung oft beim Gynäkologen stattfindet. Die Zahl der Junggebärenden hat auch zugenommen: Mädchen, die sehr früh - schon mit 13 oder 14 - schwanger werden. Das sind oft die Kinder, die in Waisenhäusern landen. Ein offener Umgang mit Sexualität und Aufklärung fehlt hier ebenso wie Beratungsstellen.
Den sozialen Bereich haben sich Frauen erobert: Es gibt ganz viele Einrichtungen, in denen Frauen sozialarbeiterisch tätig sind. Sobald es um höhere Positionen geht und mehr Geld zu verdienen ist, kommen wieder Männer zum Zug. In der Basisarbeit sind aber viele Frauen zu finden. Die heutige Frauenbewegung hat mit dem Problem zu kämpfen, dass sie - ähnlich wie Demokratie - nicht positiv wahrgenommen wird. Feminismus gilt als Schimpfwort. Es möchte keine Frau, die emanzipatorisch tätig ist, als Feministin bezeichnet werden. Neue Definitionen sind notwendig: Was ist Zivilgesellschaft? Was ist Frauenbewegung? Was ist Demokratie? Was bedeutet das heute?Im März waren in Russland Wahlen. Präsident Putin wurde mit 70 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Was bedeutet das für Russlands Frauen?
Es ist sehr schwer, Putin einzuschätzen. Ich denke, er will zwar Neues zulassen, auch im Bereich der Frauenbewegung, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, um dann einzugreifen - eine Art gelenkte Demokratie. Es sind einige Gesetzesprojekte in Vorbereitung, die sich mit einer Neuformulierung der Familienpolitik beschäftigen. Diese werden auch von Putin unterstützt, weil ihm klar ist, dass er heiße Eisen wie Sozial- und Familienpolitik angehen muss. Die Stellung der Familie soll dabei verbessert und das Kindergeld erhöht werden. Derzeit liegt es bei 70 oder 80 Rubel. Darum kann beinahe gar nichts gekauft werden, nicht einmal eine Packung Pampers. Ich denke, das ist eine nötige soziale Unterstützung für Frauen. Diese materielle Zuwendung hat aber auch eine demografische Intention, denn in Russland geht die Bevölkerung zurück. Ob allerdings mit finanzieller Unterstützung die Anzahl der Kinder erhöht werden kann, sei in Frage gestellt.
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