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Lächerlicher Ärger
Von Petra Öllinger

"Wenn dich böse Buben locken, bleib zu Haus' und stopfe Socken!" hatte mir eine Freundin in der Volksschulzeit in mein Stammbuch geschrieben. Böse Buben haben mich eh nie gelockt - geschweige denn Buben überhaupt. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich viel zu uncool (welches sprachliche Pendant gab es eigentlich damals?) war in ihren Augen. Auch für die Mehrheit meiner Schulkolleginnen war ich ein Mauerblümchen (obwohl ich NICHT Socken gestopft habe) bis zu jenem Zeitpunkt, an dem ich die Sprüche der bösen Buben in meinen Wortschatz aufnahm, mich mit Vater oder Bruder auf das Fußballfeld quälte und einmal sogar einen Kontrahenten während einer Prügelei anfeuerte - gemeinsam mit anderen coolen Jugendlichen. Meine Mutter hielt ich für langweilig und bieder, weil sie neben ihrer Arbeit bloß den Haushalt schmiss. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen - Nähen - legte ich einige Zeit ad acta: zu uncool. Viel erfolgreicher im Ansehen meiner Mitmenschen war ich da schon beim Zusammenlöten von kuriosen Teilen zu noch kurioseren Dingen im Werkunterricht. Schulkollegen an der Nähmaschine habe ich hingegen nicht erlebt - eh schon wissen warum: zu uncool. Irgendwann jedoch waren mir Fußballfeld, dumme Sprüche, Anfeuern und Werkunterricht zu aufgesetzt - da wurde ich wütend auf die "bösen" Buben, dann auf mich, was mich schließlich zu einer vernünftigen Entscheidung ermutigte: ich pfiff auf männliche Anpassung und war wieder uncool.
Anpassung an Verhaltensweisen von Jungs/Männern und du bist akzeptiert, oder noch besser, du hast die Macht, lautete die Devise. Und sie gilt immer noch. Obwohl das Plus, das anscheinend diesem Verhalten anhaftet, sich auch ganz rasch in ein Minus verwandeln kann, sobald eine Frau es ausführt. Ein gar nicht so selten vernommenes Argument von Frauen: "Naja, seitdem die das Sagen hier hat, ist sie genauso schlimm wie ein Mann." Es geht hier nicht darum, wieder in alte Muster zu verfallen und überkommene Rollenbilder aufleben zu lassen nach dem Motto: Mädchen und Frauen stopft Socken und haltet still, Jungs und Männer tobt euch aus. Kurios ist für mich jedoch die nach wie vor höhere Wertigkeit männlicher Verhaltensweisen. Platt ausgedrückt: Mädchen am Fußballfeld sind geil - Jungs mit Häkelnadel doof. Dabei wird die Häkelnadel sträflich unterschätzt, schließlich kann auch sie zum Ärger-Machen herangezogen werden.
Eine "Jetzt-wird-aufgeräumt-Haltung" von Frauen scheint salonfähig zu werden, wenn frau einen Blick beispielsweise auf die Musikbranche wirft (Die "Riot Grrrls" sind jetzt nicht gemeint!). Kürzlich gastierte die Sängerin Pink in der Wiener Stadthalle, angekündigt mit einem Plakat, auf dem sie "kokett" mit einem Skateboard posiert. Soweit, so na ja, so skeptisch. Schließlich stieß ich auf einen interessanten Artikel von Brenda Strohmaier über "weiblichen Ärger" im Popgeschäft. In jedem Fall seien weibliche Wutanfälle ein guter Marketinggag, schreibt sie. Und hegt im nächsten Satz die Hoffnung, dass es die Emanzipation dennoch ein wenig vorantreibt, wenn "Frauen nun auch zur besten Sendezeit im Musik-Fernsehen ein bisschen brutal auftreten dürfen - obwohl MTV ihnen bereits ein niedliches Label verpasst hat". Also Handgreiflichkeiten für ein (neues) Image, wie die Autorin feststellt. Leider, und das verleitet MICH zu einem Wutanfall. Denn mit solchen Marketinggags werden "weiblicher" Ärger und Zorn schlichtweg lächerlich gemacht. Gitarre zertrümmern und die Emanzipation ist da - oder lieber doch nicht SO wild?
Wenige Sätze später erhalte ich bestätigt, was ich befürchtet hatte. Brenda Strohmaier enthüllt es gnadenlos: Verglichen mit den Männern der Band "Metallica" im Video "St. Anger" ist Pinks Trouble "dagegen niedlich und braucht einen herzigen Grund". Und dann die grauenvolle Tatsache: ein Pferd mit blutigen Fesseln huscht durchs Video. "Das ist die Rage für Mädchen mit Pony-Postern an der Wand." Womit sich der Kreis zur Häkelnadel schließt - ich stelle mir vor: Metallica und Pony! Auch dass Motherfucker nun zu Fatherfucker wird ändert nichts daran, dass es hier um ANPASSUNG und nicht um EIGENSTÄNDIGKEIT geht. Das Perfide an diesen Musik-Marketing-Späßchen: Sie sind cool aufbereitet und vermit-teln das Gefühl: "Hey Mädels, jetzt wird aufgeholt!" Subtil schwingt immer die Mahnung mit, es jedoch nicht ganz so böse anzugehen und: Bitte haltet euch doch an das Pony-Image. Auch wenn ich deswegen als konservativ, prüde oder zimperlich geschimpft werde: auf dieser Art aufgesetzte weibliche Wildheit und lächerlich gemachten Ärger, nicht nur in der Musikbranche, verzichte ich gerne - brutal gesagt.

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