Foto: Helene Trauner
Begeistert-Bewegt-BefreitDie "Befreiende Attacke der feministischen Infanterie" war in Wien und berichtete über Frauenbewegung, Politik und Rap im Senegal. Von Claudia Saller
Zu Beginn hatten sie vor allem gegen den Widerstand ihrer Eltern zu kämpfen: Rap sei eine aggressive Kultur und sicherlich nichts für Mädchen. Schon mit 17 Jahren aber wollten Miryame Diallo, Minar Sall und Oumy N´Diaye aus Dakar/Senegal aber genau das: Rappen! 1997 formierten sie sich zur ersten und bis heute einzigen rein weiblichen Rap-Crew des Senegal "Alif". 1999 erschien ihre erste Kassette mit dem Titel "Viktim", die großes Aufsehen erregte, weil das Trio auf provokante Weise Ausbeutung von weiblicher Arbeitskraft und Gewalt gegen Frauen thematisierte.
Heute sind sie 23 und haben gerade ihre erste gemeinsame Europa-Tournee hinter sich gebracht. Ihr The-ma ist immer noch der Kampf für die Gleichberechtigung, das Kürzel "Alif" bedeutet nicht umsonst übersetzt "Befreiende Attacke der feministischen Infanterie". Hip Hop ist für sie das richtige Medium, um ihre Anliegen zu vermitteln. Der Rap, also der Sprechgesang, ist für sie ein universales Konzept: Rap sei eine Bewegung der Revolution und der Befreiung. Zusätzlich zu diesem globalen Aspekt fließen in die Musik von Alif aber auch Elemente der traditionellen Mbalax-Musik ein.Rap rules. Hip Hop ist eine der beliebtesten und kommerziell bedeutendsten Musikrichtungen im Senegal, die Hauptstadt Dakar ist die Metropole des afrikanischen Rap. Der international wahrscheinlich bekannteste Vertreter des französischsprachigen Rap MC Solaar etwa hat seine Wurzeln in Dakar. Der Hip Hop hat sich seit den 80er Jahren im Senegal als Vehikel für sozialkritische Messages etabliert. Rap Crews wie Positive Black Soul oder Pee Frois leisten einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung, indem sie soziale Missstände anprangern und PolitikerInnen kritisieren. Der ehemalige senegalesische Präsident Abdou Diouf etwa hatte im Wahljahr 2000 versucht, junge Rapper zu bestechen, in ihren Texten seine politischen Gegner nieder zu machen - diese lehnten ab und brachten statt dessen umso mehr die Problematik der politischen Korruption im Land zur Sprache. Diouf wurde schließlich abgewählt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Alif mit ihren explizit feministischen Themen tatsächlich eine breite Masse erreichen können.
Sex Appeal. Natürlich stoßen sie mit ihrem rebellischen Feminismus auch auf Widerstände, zum Beispiel auf jenen der religiös dominierten Musikindustrie im Senegal: Weil sie nicht ihren Sex Appeal verkaufen, sondern bewusst durch Gesellschaftskritik provozieren wollen, riskierten sie bereits ihre musikalische Karriere. Ihr neues Album "Dakamerap" erscheint nun auf "Maison Yes", einem internationalen Label mit Sitz in Dakar und Bonn. Bei ihrem Auftritt im Wiener B72 bewiesen Alif, dass es keine tiefen Dekolletés und engen Röcke braucht, um sexy zu sein. Sie verstanden es, das Publikum mitzureißen, u.a. durch einen kurzen Tanzwettbewerb auf der Bühne mit Frauen aus dem Publikum. Unaufgefordert sprangen einige Männer vor lauter Begeisterung selbst auf die Bühne. Jene Fans, die der senegalesischen Sprache Wolof mächtig sind, hatten allerdings einen entschiedenen Vorteil: Alif rappen zum Großteil in Wolof, aber auch auf französisch, wobei die Sprachen innerhalb der Texte ineinander fließen. Das kann je nach Bedarf sehr hart, aber auch sehr melodiös und sanft klingen - genauso wie auch das Stimmrepertoire der drei Sängerinnen äußerst vielfältig ist. Auch zum Publikum sprechen Alif fast ausschließlich in diesen Sprachen. Dennoch hat man das Gefühl, alles zu verstehen.
Respekt. Das ist es auch, was sie bei ihren Auftritten erreichen wollen: Eine aktive Kommunikation mit dem Publikum aufzubauen, um Verständnis und Respekt für ihre Anliegen zu schaffen. Dabei sind sie sich der Sprachproblematik bewusst: "Wir versuchen in jedem Konzert, unsere Ideen zu verwirklichen, und weil man im Ausland kein Wolof versteht, versuchen wir, auch zu visualisieren, was wir sagen. Und durch das Feedback von unseren Fans nach den Konzerten merken wir, dass uns das auch gelingt", erklären sie stolz im Interview.
Bei ihren Konzerten wollen sie vor allem Bewegung ins Publikum bringen. Gerade für die Frauen sei es wichtig, sich zu bewegen, damit es eine gesellschaftliche Entwicklung gebe. Im Senegal gebe es zwar eine vielfältige Frauenbewegung, trotzdem sei noch viel zu tun, wie Myriame berichtet: "In unserer Gesellschaft heißt es, die Frau muss zu Hause bleiben, die Kinder erziehen und sich um den Haushalt kümmern, aber das bringt doch das Land nicht weiter! Frauen müssen sich in allen Bereichen beteiligen! Langsam beginnt sich das auch zu entwickeln, wir hatten sogar schon weibliche Ministerinnen, und das ist gut so."
Für ihre Rückkehr nach der Tour haben sie sich vorgenommen, verstärkt Kontakte zu den Frauenorganisationen in Dakar zu knüpfen, um ein Informationsnetzwerk aufzubauen und gemeinsam zu kämpfen. Yes Yo!Mitarbeit Susanne Angerler
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