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Krieg ohne Ende
Von Gabi Horak"Am Ende steht nicht das Ende, sondern das, was eigentlich am Anfang stehen hätte sollen - das Nachdenken und Mitdenken", schrieb Elfriede Jelinek auf ihrer homepage, noch bevor der Krieg im Irak "zu Ende" war. So wie den "Anfang" der medial gehypten Schlacht Bilder im Fernsehen definierten, so wird auch sein "Ende" durch ein Bild markiert: Saddams Statue wird zu Boden gerissen. Die irakische Bevölkerung ist es längst.
Sprache definiert unsere Wirklichkeit, strukturiert, bewertet. Gerade in Zeiten, wo sich vermeintlich Sprachlosigkeit breit macht, spielt sie ihre ganze Macht aus; wenn Fernsehbilder und Zeitungsberichte die einzige Informationsquelle sind, so bedeutet dieses Medien-Monopol, dass der ganze Kriegsschauplatz in diese jeweiligen Wirklichkeiten schlüpft wie in einen Regenmantel, der keine Luft mehr durchlässt.
Der Kriegausbruch selbst ist in Wahrheit beliebig und nur definiert über sprachliche Zuschreibung. Rein militärisch beginnt der Krieg mit der Offensive. Aber das schließt nicht aus, dass er schon längere Zeit geführt wird. "Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg?" lässt Christa Wolf ihre Kassandra fragen. Ist nicht ein Embargo, das vielen Teilen der irakischen Bevölkerung über Jahre kaum das Nötigste zum Überleben zugesteht, schon ein kriegerischer Akt? Oder war nicht der Tag, an dem erstmals die Nahrungsmittel aus dem "oil for food"-Programm plötzlich ausblieben die Kriegserklärung? "Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden." (Ingeborg Bachmann: "alle Tage" ,1964)
Ich möchte nicht die neunundzwanzigste Kommentatorin sein, die die Frage diskutiert, ob es gerechtfertigt war, das irakische Volk auf diese Art von seinem Diktator zu befreien. Denn eine der möglichen Antworten findet sich in der Vergangenheit, am Ende von Irak-Krieg I, als das amerikanische Militär just dann das Feld räumte, als die Bevölkerung selbst - ermutigt durch die vermeintliche Rückendeckung - begann, sich aufzubäumen. Die Möglichkeit, dass ein Volk selbst imstande ist, genug Stärke zu entwickeln, um den Machthaber vom vergoldeten Thron zu stürzen, dass dieses Volk es eventuell sogar verdient, diese Chance, sich selbst zu befreien, zu bekommen - diese Möglichkeit der Partizipation wurde dieses Mal nicht einmal in Betracht gezogen. "Es gibt eine Art, das Töten zu betrachten, die nicht so sehr dem Wunsch entspringt, den anderen tot zu machen, als dem Verspüren des Bedürfnisses, die Macht über den anderen in sich selbst zu übernehmen", schrieb die US-Amerikanerin Karen Malpede vor zehn Jahren in der Anthologie "Frauen über den Krieg".
So wenig fassbar der "Anfang" dieses Krieges war, so wenig ist es sein vermeintliches "Ende". Und hier ist doch die entscheidende Frage, nicht wo die vorm TV-Bildschirm sitzenden KonsumentInnen dieses Zu-Ende-Gehen ansetzen, sondern wo es die irakische Bevölkerung kann. Deshalb hält sich mein Entsetzen über die Berichte von Chaos und Plünderungen in Grenzen. "Wir sind nur arme Leute", höre ich einen alten Mann sagen. Richtig - auch wenn es unverständlich erscheint, dass Schwerverletzten die letzten Medikamente geklaut werden. Was sonst kann Menschen zu diesen Dingen treiben, wenn nicht der Zustand kriegerischen Gehetztseins?
Schon lange vor dem "Anfang" des Krieges muss klar gewesen sein, dass es viele Opfer und Verletzte unter der Zivilbevölkerung geben würde - nicht nur durch Bomben und Raketen, sondern auch durch Stromausfall und Wasserknappheit. Warum haben sich die StrategInnen in den Ministerien nicht schon längst ihre klugen Köpfe darüber zerbrochen, wie dem Zusammenbruch der "Ordnung" vorzubeugen wäre, und die Menschen mit dem Nötigsten versorgt werden können? Mir fällt nur eine Antwort ein: Es war ihnen egal.
Die SoldatInnen bewachen das Ölministerium mit Argusaugen, während der Rest der Stadt vor ihren Augen geplündert wird. (Ist das nicht schon wieder eine Kriegserklärung?)
Ein letztes Mal übergebe ich das Wort an eine kluge Frau. Simone Weil erkannte schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs: "Was ein Land seine vitalen wirtschaftlichen Interessen nennt, sind nicht die Dinge, die seine Bürger zu leben befähigen, sondern die Dinge, die das Land befähigen, Krieg zu führen; Öl wird viel wahrscheinlicher internationale Konflikte auslösen als Weizen."