Foto: Hermann Richter

 

Festivalbüro:
T. 02572/342 34-0
e-mail:
office@weinviertelfestival.at
http://www.weinviertelfestival.at

Wanderausstellung
"Bewegte(s) Leben"


3.-12.4.: Museum Hohenau
an der March

16.-23.4.: Kulturzentrum
Korneuburg

30.4.-5.5.:
Veranstaltungszentrum
Sinnvoll, Aderklaa

7.-14.5.: Stadt Café
Schneider, Hollabrunn

15.-23.5.: Schloss Thürnthal,
Fels am Wagram

7.-15.8.:
forumschlosswolkersdorf,
Wolkersdorf

17.-26.9.: Bürgerspital,
Laa/Thaya

Infos: Gabriele Lempradl,

T. 0664/93 66 498,
e-mail:
gabse@aon.at

 

Das Buch "Bewegte(s) Leben"
ist im Verlag Bibliothek der
Provinz erschienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bewegt durchs Leben
Einen kulturellen Höhepunkt nach dem anderen hat das niederösterreichische Weinviertel ab April zu bieten. Einige davon hat Gabi Horak gesammelt.

Was haben eine 81-jährige Hebamme, eine sozial engagierte Leiterin eines Hilfsprojektes und eine lehrende Ethnologin gemeinsam? Sie alle leben im Weinviertel und wurden für das Buchprojekt "Bewegte(s) Leben" von Gabriele Lempradl porträtiert und von Hermann Richter fotografiert. In oft mehrstündigen Gesprächen erzählten insgesamt 14 Frauen über ihre Kindheit, ihre Familien, ihre Arbeit und schwelgten in schönen wie auch unliebsamen Erinnerungen. Das Buch vereint ihre Lebensgeschichten, gleichzeitig werden die unterschied- lichen Seiten weiblicher Existenzen durch die Fokussierung auf bestimmte Themen sichtbar gemacht - beispielsweise "Frauen und Krieg" oder "Frauen und Weinbau".
"Allen Frauen war gemeinsam, dass sie sehr bewegt durchs Leben gingen", erinnert sich Gabriele Lempradl, "sie setzen ihre Kraft, ihren Mut und ihre Stärke ein, um all das zu verwirklichen, was sie sich unter einem erfüllten Leben vorstellen. Das Motto der Frauen scheint zu sein: In Bewegung bleiben."

Frauen und Arbeit. Im Themenschwerpunkt "Frauen und Arbeit" wird stellenweise sichtbar, was Statistiken bereits wissen: Die Arbeitsmarktsituation ist auch in Niederösterreich gespannt - gerade für Frauen, noch mehr in den Grenz- regionen. "Viele Frauen sind im Dienstleistungsbereich beschäftigt und vielfach unter ihrer eigentlichen Qualifikation eingestellt und eingestuft. Teilzeitarbeit ist gerade bei Frauen stark im Zunehmen begriffen", weiß Christa Bogath, Frauenreferentin der Niederösterreichischen ArbeiterInnenkammer und Vorsitzende der ÖGB-Frauen in Niederösterreich. Im Jahr 2002 betrug das mittlere weibliche Einkommen in Niederösterreich 1.200 Euro, knapp sechzig Prozent der berufstätigen Frauen können selbst kaum einen eigenen Haushalt finanzieren.
Diese Zahlen hat Gabriele Lempradl bei der Vorbereitung zur Wanderausstellung, basierend auf dem Buchprojekt, gesammelt und damit die biografischen Inhalte ergänzt. Ihr Ziel ist es, sichtbar zu machen, dass viele Handlungen, die Frauen setzen, meist als selbstverständlich hingenommen werden. "Dass Frauen sich aber als wahre Meisterinnen im Zeitmanagement, in der Organisation oft alltäglicher Dinge, im Konfliktmanagement etc. entpuppen, bleibt in der Öffentlichkeit all zu oft verborgen."

Festival-Tourismus. Sichtbar machen von vermeintlich Verborgenem - so könnte das Motto des gesamten Weinviertel-Festivals lauten. Die Ausstellung "Bewegte(s) Leben", die ein Stück der Lücke zu füllen versucht, die durch das Ignorieren weiblicher Lebensrealitäten und dem daraus resultierenden Fehlen zeitgenössischer Quellen entstanden ist, ist ein Beispiel für zahlreiche ambitionierte Projekte im Rahmen des Festivals.
Das Weinviertel-Festival ist Teil des Niederösterreichischen Viertelfestivals, das auf Anregung des Landes Niederösterreich aus der Taufe gehoben wurde. 2001 wurde mit dem Waldviertel-Festival begonnen, 2002 folgte das Mostviertel und im vergangenen Jahr stand das Industrieviertel ganz im Zeichen kultureller Höhepunkte. "Über zweihundert Veranstaltungen an etwa hundert Festspiel-Orten verwandeln das gesamte Weinviertel und Teile des angrenzenden Südmährens und der Westslowakei in die größte und vielfältigste Kulturbühne Österreichs", freut sich Stephan Gartner, Geschäftsführer des Vereins Weinviertel-Festival 2004. Klingt nach Marketing, ist es auch.
Dass das Kulturfestival in erster Linie als "touristisches Zusatzangebot" entwickelt wurde, um mehr Gäste ins hügelige Land zu holen, wird gar nicht erst verheimlicht. Die Weinviertel Tourismus GmbH jubelt über "unmittelbare touristische Wertschöpfung" und eine "unschätzbare Marketingaktivität".
Den örtlichen KünstlerInnen und Gruppen mit ihren vielfältigen Ideen ist es wohl zu verdanken, dass das Weinviertel-Festival weit mehr zu bieten hat, als nur gut gelungene Marketing-Strategie zu sein.

Grenzen überschreiten. Vom 1. April bis 31. Oktober werden 113 Einzelprojekte im nordöstlichen Niederösterreich gezeigt, gespielt, gefeiert. Dabei legt etwa ein Drittel der Projekte den Focus auf grenzüberschreitende Themen oder Aktionen.
Die gesamte Festspielzeit etwa laden rund siebzig bildende KünstlerInnen im Weinviertel, in Südmähren wie in der Westslowakei an den Wochenenden zu den Tagen der offenen Ateliers. Der dreisprachige Atelierführer, der den BesucherInnen bei der Orientierung helfen soll, wird zum Auftakt am 16. April in Mistelbach präsentiert.
Einen Tag vor dem Tag der Arbeit, am 30. April, findet am Grenzübergang Drasenhofen ein schwungvolles Begegnungsfest mit den NachbarInnen der Tschechischen Republik statt: MusikantInnen, SängerInnen und TänzerInnen überschreiten gemeinsam die Grenze, um sie gleichzeitig hinter sich zu lassen. "Der grenzüberschreitende Mai-Steig" versteht sich auch als Happening anläss- lich des EU-Beitritts der Tschechischen und Slowakischen Republik, deshalb wird am 1. Mai im Schloss Mikulov in Nikolsburg bei einem tschechisch-österreichischen Frühschoppen auch gleich weiter gefeiert.
Den "Roma in der Slowakei" widmet sich eine Fotoausstellung von Magdalena Frey und Tibor Huszár, die im September eröffnet wird. Sie haben den Alltag der an den Rand der slowakischen Gesellschaft gedrängten Roma porträtiert und stellen diesen Bilder aus dem Leben im Weinviertel gegenüber.
Kunstschaffende mit Behinderung aus Österreich und Tschechien sind die Zielgruppe von "Radost - Freude", initiiert von der Caritas-Einrichtung Turmhof in Retz. Die beim Kreativ-Workshop im Juli erstellten Arbeiten werden bei anschließenden Ausstellungen in Wolkersdorf und Znaim präsentiert und verkauft. Wie bei den meisten Veranstaltungen sind auch hier Eintritt und Teilnahme kostenlos.

Ladys und Weiber. Grenzüberschreitend ist auch die Aktion "Portrait of a Lady", eine "nachbarschaftliche Menschenerkundung nach Käthe Kunstmaler": Sechs Weinviertler Künstlerinnen treffen im Juni auf jeweils drei tschechische und slowakische Kolleginnen, sie bilden Paare und jede porträtiert ihr Gegenüber und erfährt die andere so über die eigene Arbeit. Interessierte können den Arbeitsprozess tagsüber verfolgen, abschließend werden die fertigen Arbeiten in einer Ausstellung im Juni präsentiert.
Wenn "Medea", "Die heilige Junfrau" Jeanne d'Arc, Hermia/Helena aus "Sommernachtstraum" und Martha aus "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" an einem Abend auf die Bühne gebracht werden, dann verspricht das einen außergewöhnlichen Theaterabend. Die Theatergruppe T.A.B.U. (Theater Als Bewusster Umgang) zeigt in ihrer Collage "Berauschte Weiblichkeit" vier Frauenfiguren der klassischen Dramaturgie, die unterschiedlichste "Rauschzustände" durchleben: Vom Blut- bis zum Alkoholrausch. "Zugleich ist der Rausch nicht nur ein zutiefst weinviertlerischer Begriff, sondern in seiner Bedeutung als Synonym für das Betrunken-Sein auch ein dominantes Thema in der Region", weiß die Theatergruppe.
Auf die mangelnde Präsenz von Frauen im Weinviertel aufmerksam machen möchte der Verein FRAULenzen mit dem Frauenkabarett "lauteR Weiber". Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Beate Leyer wird ein Stück erarbeitet, das diese Defizite aufzeigen will. Die insgesamt zehn Künstlerinnen planen im übrigen eine Weiterentwicklung des Projektes für die kommenden Jahre - ein sechs Monate langes Festival kann schließlich nicht aufholen, was Jahrzehnte lang versäumt wurde. Nicht zufällig hat Gabriele Lempradl im Leben der Weinviertlerinnen das Motto "In Bewegung bleiben" erkannt.

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