Foto: Pez Hejduk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 So argumentierte die
Studienkommission in der
Diskussion über den neuen
Studienplan Architektur,
der vor kurzem an der TU Wien
in Kraft getreten ist.
Ausschlaggebend für diese
Diskussion waren auch
Absprachen mit der
Kammervertretung der
ArchitektInnen, die
traditionellerweise mit
Männern besetzt ist.

2 Hélène Cixous beschreibt
eine "weibliche Schreibweise",
die nichts mit einer weiblichen
Form des Schreibens, aber mit
"Wirkungen von Weiblichkeit"
im Text zu tun habe.
In: Hélène Cixous. Die
unendliche Zirkulation des
Begehrens. Merve, Berlin
1977.

3 Die beste
Zusammenstellung
feministischer Utopien stammt
von Bettina Roß. Roß, Bettina:
Politische Utopien von Frauen.
Von Christine de Pizan bis
Karin Boye.
Ebersbach, Dortmund 1998.

4 Auf die Geschichte von
Christa Reinig machte mich
Ruth Becker anlässlich eines
2002 in Wien stattgefundenen
Symposiums über f
eministische Utopien
aufmerksam.

5 Eine gute
Zusammenstellung aller in
Deutschland realisierten und
projektierten
Frauenwohnprojekte hat
Sabine Rebe in ihrer
Forschungsarbeit "Aktuelle
Frauenwohnprojekte in
Deutschland - eine
Dokumentation" veröffentlicht.
Download unter
www.mi.niedersachsen.de.
Informationen über den Verein
"Arche Nora" findet man auch
auf der Homepage
www.archenora.de.

 

 

Sabine Pollak ist Architektin
und Architekturtheoretikerin in
Wien, Partnerin im
Architekturbüro Köb&Pollak
und der arge graubunt und
unterrichtet als
Universitätsdozentin am
Institut für Wohnbau der TU
Wien genderspezifische
Themen im Wohnen, Theorien
des privaten Wohnens und
Entwurf: "Ich bedanke mich
bei der Frauenhetz, die uns in
der Verbreitung des Projektes
unterstützt sowie bei Hertha
Horvath und der
Gebietsbetreuung
Karmeliterviertel, wo wir
unsere Workshops abhalten
können."

 

Die nächsten Workshops zu
verschiedenen Themen finden
am 9. April, am 7. Mai und am
4. Juni 2003 jeweils in der
Gebietsbetreuung
Karmeliterviertel, 1020 Wien,
Im Werd 17, von 18.00 bis
21.00 statt. Die Workshops
sind offen für alle Frauen, die
an einem Frauenwohnprojekt in
Wien interessiert sind.
Anmeldung per e-mail:
sabine.pollak@aon.at

 

Zusätzlich ist an jedem 2. und
4. Mittwoch im Monat ab
19.00 im Gasthaus Tachles,
Karmelitermarkt 1, 1020 Wien
ein Stammtisch "Rosa"
eingerichtet. Wir freuen uns
über alle interessierten
Frauen!

 

Infos:Diskussionsforum: www.graubunt.com/forum-rosa

 

Initiiert wird das
Frauenwohnprojekt "Rosa" von
der arge graubunt, einer
Planungsgruppe für integrative
Wohnprojekte.
Projektleiterinnen sind Sabine
Pollak (
sabine.pollak@ aon.at,
T.01/5817781 22,
0676/503 28 54)
und Melinda Roberts
(
melinda. roberts@aon.at)

 

 


Rosa Wohnutopie

Die Praxis der Architektur, feministische Praktiken, Utopien und ein konkretes Frauenwohnprojekt in Wien: Wohnen weiblich fordert Sabine Pollak

Architektur ist seit jeher eine männlich definierte Disziplin. Bis heute werden etwa Proportionssysteme herangezogen, die auf den Maßen des männlichen Körpers basieren. Bis heute wird Architektur, die "höchste aller Künste", bildlich mit viriler Männlichkeit gleichgesetzt. Die heldenhafte Verehrung einiger weniger, männlicher Architekten bestimmt ein Berufsbild, das sich nicht nur in diesem Punkt an tradierten Mustern orientiert.

Architektur und Gender. In Österreich wurden zwar in den 1920er Jahren die ersten Frauen zum Architekturstudium zugelassen, die meisten Studentinnen mussten jedoch aufgrund ihrer "Natur" jene Studienzweige belegen, die sich mit dem Ausgestalten von Interieurs begnügten. An der männlichen Dominanz innerhalb der Disziplin der Architektur hat sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn bereits mehr Frauen als Männer Architektur studieren. Dennoch werden diese Frauen während der gesamten Ausbildung und beruflichen Laufbahn mit fast ausschließlich männlichen Entscheidungsträgern konfrontiert. Auch Genderforschung bleibt daher nur eine marginale Vertiefung des Faches Architektur, die als irrelevant für die Ausbildung befunden wurde, da sie mit keinem direkten Berufsbild verbunden ist.1
Bis heute werden Architektinnen oft mit Skepsis betrachtet und als Innenarchitektinnen eingestuft. Aufgrund dieser Skepsis sind erfolgreiche Architektinnen ebenso selten wie Professorinnen oder Dekaninnen und ebenso selten wie Bauträgerinnen, Baufrauen oder Professionistinnen der Baubranche. In der Welt der Architektur werden Frauen nach wie vor wie eine seltene Spezies innerhalb der Normalität behandelt.

An den Rand gedrängt. Nicht ganz. Seit jeher bildete sich innerhalb der Praxis der Architektur auch ein Widerstandspotential gegen eben diese Praxis heran. Utopien etwa boten die Möglichkeit zu kritischen Gegenentwürfen. Sie erzählen von einer besseren Zukunft, ohne von einer Verwirklichung dieser Zukunft ausgehen zu müssen. Utopien existieren seit dem Beginn des bürgerlichen Wohnens. Und beinahe ebenso lange existiert auch ein weibliches Begehren nach möglichen Formen einer gebauten wie auch gelebten Praxis, nach feministischen Wohnutopien also, in denen Frauen selbstbestimmt planen und leben können.
Keine der von Frauen geschriebenen, gezeichneten oder gelebten Utopien fand allerdings Einzug in die Architekturgeschichte. Sie blieben unbeachtet oder wurden als romantische Fantasien an den Rand männlicher Theorien gedrängt. Jedoch auch von diesem Rand her veränderten feministische Wohnutopien die Disziplin, sie zersetzen ihn und reichern ihn an, bis in das Innere das einfließt, was bislang aus der Disziplin ausgeschlossen blieb: "Wirkungen von Weiblichkeit".
2

Väter aller Utopien. "Utopisch" ist griechischen Ursprungs, bedeutet "ohne Ort" und bezeichnet einen Raum, der nirgends ist und doch sehr konkret beschrieben werden kann. Die Funktion der Utopien liegt im Infragestellen gegenwärtiger Gesellschaftsordnungen. Wenn die bestehende Welt unzulänglich scheint, muss eine beispielhafte, in einem fernen Irgendwann angesiedelte Welt entworfen werden.
Die ersten Utopien waren literarische Utopien. Diese von Männern geschriebenen Utopien gehen von einem patriarchalischen Weltbild aus und beschreiben auch in der Utopie ein solches. Alle zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert geschriebenen Utopien sind mehr oder weniger von der bestehenden Gesellschaftsordnung bestimmt. Es gibt kaum Hinweise auf veränderte Rollenbilder und oft verschärfen sich die ohnehin restriktiven Einschränkungen von Frauen in den Uto- pien noch. Klassische Utopien widerspiegeln männliche Macht und verfestigen diese, indem sie einen Gegenentwurf anbieten, tatsächlich bestehende Gesetzmäßigkeiten manifestieren. In nahezu allen klassischen, von Männern verfassten Utopien bleibt die Frau als Gattin und Mutter eine unterworfene Frau.

Feministische Utopien. Seit Jahrhunderten existieren in unterschiedlichen Kulturen Gegenentwürfe sowohl zur jeweiligen Gesellschaft wie auch zu männlichen Utopien - Utopien der Utopien also. Die Kritik feministischer Utopien setzt nicht nur an der jeweiligen Gesellschaftsform an, sie entwickelt meist stärker als klassische Utopien einen konkreten Realitätsbezug. Wenn Frauen Utopien entwerfen, gehen sie davon aus, dass gegebene Machtstrukturen tatsächlich verändert werden könnten, so sehr sich Rollenbilder auch in der jeweilige Lebensform verfestigt haben.3
Die radikalsten feministischen Utopien entwerfen Gesellschaften, die nur aus Frauen bestehen. Sie üben die schärfste Kritik an gegenwärtigen Verhältnissen und brechen zur Gänze mit bestehenden Machtverhältnissen wie auch mit bestehenden Tabus. 1880 verfasste die Amerikanerin Mary Lane eine solche Utopie. In der Geschichte "Mizora" beschreibt sie eine Gesellschaft, die nur aus Frauen besteht, ein Ort ohne männliche Gewalt, an dem Frauen glücklich miteinander leben. Ein ganzes Jahrhundert später, 1979, skizziert die deutsche Schriftstellerin Christa Reinig in der utopischen Kurzgeschichte "Die Witwen" eine ähnliche Gesellschaft. Durch einen unbekannten Virus, der nur Männer befällt und Frauen nicht berührt, stirbt der gesamte männliche Teil der Gesellschaft, da es zu wenig weibliche Ärzte gibt. Die Folgen dieser männerlosen Gesellschaft sind im Weiteren katastrophal: Flugzeuge können nicht landen, da es keine weiblichen Fluglotsen gibt, die Elektrizität bricht zusammen und die Versorgung versagt, da alle Ingenieure und Lastwagenfahrer Männer gewesen sind. Schließlich beginnen die Frauen, die Situation selbst in die Hand zu nehmen und finden sie bald sehr angenehm. Sie übernehmen Aufgaben, die sie nie übernehmen durften und beginnen beispielsweise, nachts alleine in Parks herumzuspazieren, ohne sich fürchten zu müssen. Da die Stadt ohne Versorgung und Elektrizität nicht funktioniert, ziehen sie auf das Land, dorthin, wo das "Essen aus der Erde kommt".
4
Der Naturbezug feministischer Utopien ist vielfach und oft findet sich tatsächlich ein "Rückzug" in die Natur. Die Vorstellung von einem friedvollen und harmonischen Leben auf dem Land mag vor allem frühen Autorinnen plausibler erschienen sein als ein selbstbestimmtes Leben in der Stadt.

Realisierte Projekte. Auch wenn feministische Utopien von der Architekturgeschichte unbeachtet blieben, so bereicherte die kritische und subversive Kraft feministischer Planung sehr wohl die Praxis der Architektur. In den 70er Jahren bildeten sich vermehrt feministische Planungsgruppen, die begannen, die Rolle von Männern und Frauen in der Produktion und Benutzung von Architektur radikal in Frage zu stellten. Die Kritik setzte vor allem am Wohnungsbau an. Sie kritisierten, dass die meisten bestehenden Wohnsiedlungen auf männliche Benutzer zugeschnitten waren, während Frauen aus jeder Planungsphase ausgeschlossen blieben. Gemeinsam mit den betroffenen Frauen untersuchten sie, wie sich Siedlungen für oder gegen Frauen wandten, inwieweit öffentliche Räume Gefahren für Frauen darstellten, ob Kinder die Einrichtungen nutzen konnten und ob Wohnsiedlungen Kontakt und Kommunikation ermöglichten.

Weiberwirtschaften. Visionäre Lebensformen, wie sie in feministischen Utopien beschrieben werden, finden sich heute auch in Projekten, die sich konzeptionell nicht allzu sehr von den utopischen Vorbildern unterscheiden: von Frauen selbst initiierte und bestimmte Wohn- und Lebensformen, Frauenwohnprojekte. Allein in Deutschland existieren mehr als hundert solcher Wohn- und Lebensgemeinschaften von Frauen.
Ihre Beschreibungen lesen sich ebenso kraftvoll und subversiv wie die utopischen Vorlagen. Die meisten dieser Projekte wurden in Berlin und Hamburg realisiert. Im Gegensatz zu den frühen Utopistinnen siedeln sich selbstorganisierte Frauenwohnprojekte heute fast ausschließlich in Städten an. Heute erlaubt die Offenheit und kulturelle Vielfalt großer Städte Frauen eher, unabhängig und selbstbestimmt zu agieren. Einige der Projekte in Hamburg und Berlin entstanden in vormals besetzten Häusern und haben sichtlich auch mit der HausbesetzerInnenszene zu tun. Vor allem jedoch erhalten selbstinitiierte Frauenwohnprojekte in Hamburg besondere Förderungen. PolitikerInnen erkannten, dass solche Projekte meist wie Katalysatoren für neue kulturelle Schwerpunkte wirken und das gesamte Umfeld positiv verändern. Die Stadt stellt nun Frauen Grundstücke zur Verfügung, die diese etwa in Erbpacht nutzen können.
Die meisten Wohnprojekte sind ausschließlich für Frauen geplant und werden auch als solche gelebt: Wohnhäuser für alleinerziehende Frauen, für Frauen aus mehreren Generationen, für lesbische Frauen, für Frauen und Kinder unterschiedlicher Nationalitäten, für alleinlebende Frauen ab 40 Jahren etc.
In einigen Projekten leben auch Frauen mit Partnern, allerdings unter bestimmten Bedingungen. Eines der größten dieser Projekte wurde auf einem ehemaligen Industriegelände in Berlin realisiert. Eine Frauengenossenschaft hat dort Raum für Existenzgründerinnen geschaffen. Mittlerweile hat sich die "Weiberwirtschaft e.G." in der Anklamer Straße, die 1993 begonnen wurde, mit einem Wohnteil für alleinerziehende Frauen und Frauen mit Partnern, einem Gewerbepark, kulturellen Einrichtungen, einem Restaurant und einer Kindertagesstätte zu einem der größten Frauenprojekte Europas entwickelt.
Andere Gruppen initiieren nicht nur Wohnprojekte, sondern wollen insgesamt die Situation von Frauen verbessern. So etwa der 1991 gegründete Verein "Arche Nora" in Hamburg. "Arche Nora" will die Ansprüche vor allem von älteren Frauen in die öffentliche Diskussion bringen und die Vereinsfrauen engagieren sich auch abseits der Wohnprojekte. Sie erledigen Stadtteilarbeit, machen PolitikerInnen auf die Anliegen von Frauen aufmerksam, betreuen bestehende Wohnhäuser, in denen ältere Menschen wohnen, beraten andere Wohngruppen und bieten Austausch über das Internet.
Das erste "Nora Haus" in Hamburg wurde für 10 Frauen ab 40 Jahren gebaut. Rechtlich erstellte eine private Investorin das Gebäude für eine Hausgemeinschaft und vermietet es nun dem Verein. Mit Hilfe einer nun gegründeten Genossenschaft und Grundstücken der Stadt will "Arche Nora" nun weitere Wohnhäuser bauen.
5

"Rosa". Warum existiert in einer Großstadt wie Wien kein Frauenwohnprojekt? Gibt es keinen Bedarf? Es gibt ihn - auch in Wien. Die Bedingungen mögen nicht mit jenen in Hamburg oder Berlin vergleichbar sein, aber Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen provoziert ja Utopien.
Wie überall sind auch in Wien Frauen gegenüber Männern am Wohnungsmarkt mehrfach benachteiligt. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger und bezahlen oft mehr Miete als Männer. Sie haben so gut wie keinen Einfluss auf die Herstellung von Wohnungen und sind weder an der Standortdiskussion, an der Projektentwicklung noch an der Vermarktung von Wohnungen maßgeblich beteiligt. Der Wohnungsmarkt reagiert daher auch nicht auf die Bedürfnisse von Frauen. Wohnungen sind auf stereotype Kleinfamilien zugeschnitten, in denen die Frau Haushalt, Kinder und Mann versorgt. Die meisten Wohnungen sind zudem im Eigentum von Männern.
Dennoch ist die Zahl an alleinlebenden Frauen am stärksten im Steigen begriffen. In größeren Städten bestreiten bereits mehr als 50% aller Frauen alleine einen Haushalt. Dies sind alleinerziehende Frauen, berufs-tätige Frauen zwischen 30 und 55 Jahren, die aus verschiedenen Gründen allein leben und ältere Frauen ab 55 Jahren, die von PartnerInnen oder Familie getrennt oder aus freien Stücken alleine leben. Für alle Frauen gilt, dass die am Markt angebotenen Wohnungen nicht ihren Bedürfnissen entsprechen - weder das Raumangebot noch das Wohnumfeld: die Wohnungen sind zu groß oder zu klein, teuer und unflexibel, sie erlauben keine räumlichen Netzwerke. Die meisten Wohnungen sind zudem für ältere Frauen unbrauchbar und bieten keine Möglichkeiten für Betreuungen, obwohl erwiesen ist, dass insbesondere ältere Frauen ihr Leben in Zukunft vielmehr bestimmen werden als bisher und selbst definierte Wohngemeinschaften den traditionellen Heimformen vorziehen werden. Zudem sind herkömmliche Wohnprojekte unkommunikativ und isolierend, sie sind kinderfeindlich und schaffen Angsträume, sie bieten zu wenig Freiraum, folgen weder ökologischen noch nachhaltigen Aspekten und sind ohne jede Partizipationsmöglichkeit konzipiert.
Als ich vor einiger Zeit ersten Frauen von der Idee eines Frauenwohnprojektes in Wien erzählte, war die Begeisterung groß, zugleich tauchten viele Fragen auf - Fragen über die Eigentumsrechte, die Finanzierung, die Organisationsform und die Wohnform, über den Ort und die Lage und Fragen nach möglicher Gemeinsamkeit im Wohnen. Mittlerweile sind einige Fragen beantwortet, ebenso viele Fragen sind jedoch offen geblieben. Vieles kann auch nicht von der Planung, sondern soll von den Frauen selbst beantwortet werden. Im Vordergrund steht nicht die Architektur, sondern die Frauen, ihre Wünsche und ihr Begehren. Nur so kann die Kritik an Bestehendem formuliert und ein Gegenentwurf gedacht werden.

Wohnen weiblich. "Rosa" soll ein von Frauen für Frauen mit Frauen geplantes Wohnprojekt in urbanem Umfeld in Wien werden, in dem Frauen unter dem Aspekt des Gemeinsamen selbstbestimmt und qualitätsvoll wohnen können. "Rosa" steht unter folgenden Maximen: Es schafft Raum für Frauen, Frauen entscheiden und führen das Wort, die Macht- und Besitzverhältnisse liegen in Hand der Frauen, Frauen sollen die Planung mitbestimmen und das Projekt soll so rasch wie möglich realisiert werden. Um die verschiedenen Wünsche der Nutzerinnen ausloten zu können, erarbeiten Planerinnen gemeinsam mit interessierten Frauen und eingeladenen Expertinnen in moderierten Workshops die für "Rosa" relevanten Themen. Bisher fanden zwei Workshops statt, in denen "Gemeinsames und Privates", "Lage und Ort" sowie die Frage "Frauen oder Frauen und Männer" thematisiert wurden.
Die Workshops dienen der Ideenfindung und Problembearbeitung, es geht jedoch vor allem darum, interessierte Frauen kennen zu lernen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Wünsche in Bezug auf ein Frauenwohnprojekt formulieren zu können. Und Wünsche gibt es genug, sie reichen von gemeinsamen Gärten, Dachterrassen, einer Gemeinschaftsküche und Tauschbibliothek, einer Sauna bis zu einem Erdkeller, Gästewohnungen, Atelierräumen, einem Geschäft und gemeinschaftlich genutzten Büroräumlichkeiten.
In Bezug auf eine mögliche Abgrenzung zwischen "Privatheit" und "Gemeinsamkeit" erwiesen sich die Grenzen fließend. Beispielsweise wurde die Vorstellung einer Übergangszone zwischen der privaten Wohnung und dem gemeinsamen Vorraum gewünscht, die weder das eine noch das andere ist, komplexe Kommunikationsformen erlauben könnte und einer Isolation entgegenwirken soll. Vielfach besteht auch der Wunsch nach Wohnformen, die sich von tradierten Einheiten unterscheiden, also Wohngemeinschaften, die spezifische Rückzugsmöglichkeiten erlauben und Gemeinsamkeiten zulassen, aber nicht erzwingen. Als mögli-che Orte innerhalb Wiens und die Bedingungen der Lage diskutiert wurden, zeigte sich, dass Vorstellungen oft unvereinbar und konkrete Wünsche oft relativ sind. In jedem Fall soll der Ort eine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, genügend Licht, privates und öffentliches Grün sowie eine urbane Atmosphäre aufweisen. In Bezug auf die konkrete Nutzerinnengruppe gibt es viele Faktoren, die für ein reines Frauenwohnprojekt sprechen, es gibt aber ebenso viele Faktoren, die dafür sprechen, dass auch Männer darin wohnen können. Eine mögliche Weitergabe an männliche Kinder ist etwa einer dieser Faktoren. Das wichtigste ist, dass das Projekt von Frauen geplant und bestimmt wird und dass alle Entscheidungen jetzt und später von Frauen getragen werden. Alles Weitere wird im Laufe des Planungsprozesses gemeinsam entschieden werden.
Derzeit treffen sich zwischen zwölf und zwanzig Frauen mit verschiedenstem Hintergrund zu den regelmäßigen Workshops. Viele mehr meldeten prinzipielles Interesse an. So bald wie möglich soll ein konkretes Objekt oder Grundstück in Wien gefunden werden, eine konkrete Gruppe formiert und das Projekt so schnell wie möglich verwirklicht werden.

Zukunft. Da Gemeinschaftseinrichtungen erst ab einer bestimmten Größe finanzierbar sind, suchen wir noch möglichst viele Interessentinnen! Im nächsten Schritt soll ein Verein "Frauenwohnprojekt Rosa" gegründet werden, um gemeinsam besser auftreten und Förderungen in Anspruch nehmen zu können. Oder aber gleich eine "Frauengenossenschaft Rosa", um im Umfeld des männlich bestimmten Wohnungsmarktes besser konkurrieren zu können. So lange, bis das diffuse Feld der Bauproduktion von Weiblichkeit durchsetzt ist. Utopisch? Warum nicht. Frauen waren immer schon gute Utopistinnen. Wenn nicht Frauen, wer sonst.

 

inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns