Literaturquellen:

Bundesministerium für soziale
Sicherheit, Generationen und
Konsumentenschutz: Bericht
zur Sozialen Lage 2003-2004

Jarosch, Monika:
Frauenquoten in Österreich.
Studienverlag 2001

Mairhuber, Ingrid/Papouschek,
Ulrike: Was tut Not?
Anmerkungen zu einer
geschlechtersensiblen
Arbeitsforschung. In:
Kurswechsel 3/03, S.53-62

Neusüß, Christel: Die
Kopfgeburten der
Arbeiterbewegung oder Die
Genossin Luxemburg bringt
alles durcheinander. Rasch
und Röhring 1985

Notz, Gisela: Löcher im
sozialen Netz. Sozialpolitik
und Geschlecht. VAS 2003

 


72-Stunden-Woche

Die neue Schwerarbeiterregelung ist für Frauen uninteressant. Nicht weil sie keine Schwerstarbeit leisten, sondern weil die verhandelten Kategorien einmal mehr nicht auf sie zutreffen. Einen Überblick über Definition und Anerkennung von Frauenarbeit gibt Paula Bolyos

Am zweiten Februar kündigte Sozialministerin Ursula Haubner an, die neue Schwerarbeiterregelung rasch verwirklichen zu wollen. Sie soll spätestens 2010 wirksam werden und Schwerarbeitern ermöglichen, früher in Pension zu gehen. Tatsächlich nützt die Regelung nur Männern: Frühestens im Alter von sechzig Jahren kann ein Schwerstarbeiter in Pension gehen, das deckt sich mit dem Regelpensionsantrittsalter von Frauen.
Vorraussetzung für die Anwendung der Schwerarbeiterregelung sind außerdem 45 Versicherungsjahre, von denen 15 Schwerarbeitsjahre sein müssen. Weitere Details werden noch diskutiert. Die Regierung möchte jedenfalls die Anzahl der Betroffenen möglichst gering halten. Eine klare Definition von "Schwerarbeit" gibt es bisher nicht. Sie ist eines von vielen Beispielen, wie sich eine De-finition von Arbeit, wenn sie von der männlichen Normalbiografie abgelei-tet wird, negativ auf Frauen und deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt auswirkt.

"Gäbe es keine Fabriken, hätte Marx die Frauen ganz übersehen", konstatierte Christel Neusüß 1985 und wies damit auf die Marxsche Definition von Arbeit als Lohnarbeit hin. Doch auch aktuelle Arbeitstheorien sehen in der - hauptsächlich von Frauen geleisteten - sogenannten Reproduktionsarbeit "Nicht-Arbeit" im Gegensatz zur "gesellschaftlich wertvollen" Erwerbsarbeit. Arbeit ist nur, was bezahlt wird, Tätigkeiten im Haushalt fallen also nicht darunter. Die gesellschaftliche Notwendigkeit von Reproduktionsarbeit bleibt aber trotz dieser Minderbewertung bestehen.
Die geschlechtsspezifische Verteilung von Hausarbeit und Kindererziehung machte die Statistik Austria in einer Aussendung für das Jahr 2003 deutlich: Bei 57 Prozent aller in Österreich lebenden (heterosexuellen) Paare ist die Frau alleine für die Hausarbeit zuständig, bei 1,3 Prozent ist es der Mann. Für die Kinderbetreuung ist jede dritte Frau alleine zuständig, 54 Prozent aller Paare betreuen die Kinder gemeinsam. Im Durchschnitt wenden voll erwerbstätige Männer vier Stunden für Hausarbeit und drei Stunden für Kindererziehung auf, voll erwerbstätige Frauen hingegen 18 bzw. 11 Stunden. Männer haben so eine wöchentliche Gesamtbelastung (bezahlte und unbezahlte Arbeit) von 48 Stunden, Frauen arbeiten insgesamt 72 Stunden pro Woche.

Wertigkeiten. Die Wertschätzung von Arbeit zeigt sich in kapitalistischen Gesellschaften vor allem bei der Entlohnung, wobei nach wie vor massive geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede existieren. Zwar ist die Erwerbsquote von Frauen insgesamt angestiegen. Jedoch bedeutet das nicht, dass damit eine Vollbeschäftigung dieser Frauen erreicht wurde: Vielmehr weise die Erwerbsquote auf erhöhte Teilzeitarbeit und eine Umverteilung von Erwerbsarbeit zwischen Frauen hin, so Ingrid Mairhuber und Ulrike Papouschek in ihren "Anmerkungen zu einer geschlechtersensiblen Arbeitsforschung" in der Zeitschrift Kurswechsel.
An der Ungleichverteilung gesellschaftlichen Reichtums ändert sich dadurch nichts, wie auch der "Bericht über die soziale Lage" deutlich macht: Die Zahlen für das Jahr 2002 zeigen, dass das Durchschnittseinkommen von Frauen nur 67,2 Prozent von jenem der Männer beträgt. Der größte Einkommensunterschied besteht bei Beschäftigten in Niedrig- wie auch in Hochlohnbranchen: Bei Energie- und Wasserversorgung, in der Nahrungsmittelindustrie, im Handel, in der Kredit- und Versicherungswirtschaft und in der Textil- und Bekleidungsindustrie betragen die Löhne von Frauen nur 35-40 Prozent von denen ihrer männlichen Kollegen.
Gründe für die Einkommensunterschiede sind einerseits sowohl in der erhöhten Teilzeitarbeit von Frauen zu finden, andererseits in der mehrheitlichen Beschäftigung von Frauen in Niedriglohnbereichen. Frauen verdienen auch dann weniger, wenn sie gleich lange arbeiten wie Männer und vergleichbare Positionen innehaben.Ein Grund für die schlechtere Bezahlung von Frauen ist die generelle Minderbewertung von "typischen Frauenberufen". Die Arbeitspsychologin Gisela Notz beanstandet, dass jene Arbeiten im Durchschnitt niedriger bewertet werden, die mehrheitlich von Frauen ausgeführt werden. Als Beispiel nennt sie unter anderem Pflegeberufe. Lange Arbeitszeiten und hohe körperliche und psychische Belastung sind in diesem Bereich groß. Das müsste genügen, um hier Schwerarbeit zu attestieren (vgl. Artikel ab Seite 18 in diesen an.schlägen). Doch gerade in Pflegeberufen, wie auch im Bereich der Hausangestellten, sind Frauen - davon viele Migrantinnen - einem besonderen Lohndruck ausgesetzt.

Lohn für Hausarbeit? Eine Aufwertung kann Arbeit durch (höhere) Bezahlung erfahren. Das Konzept des Lohns für Hausarbeit ist jedoch insofern fragwürdig, als es das Grundproblem der ungleichen Verteilung von Haus-/Erziehungs- und Pflegearbeit nicht berücksichtigt. So bietet das österreichische Kinderbetreuungsgeld erwiesenermaßen Frauen vor allem den Anreiz, den Beruf (immer länger) aufzugeben. Das Konzept zur Aufwertung von Hausarbeit läuft so Gefahr, von konservativen Ideologien vereinnahmt zu werden. Daher muss parallel dazu die Verantwortlichkeit der Gemeinschaft für Haus-/Erziehungs- und Pflegearbeit aufgezeigt werden und geeignete Rahmenbedingungen, wie Betreuungseinrichtungen, geschaffen werden. Gisela Notz ist der Meinung, dass Kinder die Möglichkeit haben sollten, in der Gemeinschaft mit anderen Kindern soziales Verhalten zu lernen. Genauso müssten alte und pflegebedürftige Menschen das Recht haben sich auszusuchen, wo und wie sie leben möchten.

Individualisierung. Anstatt eine gesamtgesellschaftliche Sorge für das Wohlergehen aller ihrer Mitglieder zu propagieren, zieht sich der neoliberale Staat immer mehr zurück und weist die Verantwortung für die Existenzsicherung den einzelnen Individuen zu. Nicht nur Maßnahmen wie das Kindergeld und fehlende Betreuungseinrichtungen machen das deutlich.
"From welfare to workfare" ist ein Konzept, das soziale Leistungen bei Arbeitslosigkeit oder Bedürftigkeit zusehends an einen "Arbeitswillen" koppelt. Dadurch würden, so Papouschek und Mairhuber, einerseits "soziale und ökonomische Problemlagen" individualisiert, andererseits aber beschränke sich das Arbeitsangebot auf "Gemeinwesensarbeit", die keine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zur Folge hat.Auch die von Wirtschaft und Regierung propagierte "neue Selbständigkeit" zeigt die Tendenz der Individualisierung sehr deutlich. Mit der Gründung eigener Unternehmen fallen arbeitsrechtliche Schutzmaßnahmen weg und die Zahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse steigt, wovon wiederum Frauen vermehrt betroffen sind (vgl. Artikel ab Seite 28 in diesen an.schlägen).

Von Reich zu Arm. Eine gleichberechtigte Chance auf Existenzsicherung jeder/s Einzelnen kann nur über Umverteilung möglich werden. Erwerbsarbeit und Löhne müssen klassen-, ethnien- wie auch geschlechterübergreifend neu geordnet werden. Umverteilung ist auch im Bereich der Hausarbeit angesagt.
Die wichtigsten Forderungen in Richtung einer gerechten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik fasst Gisela Notz zusammen: Frauen und Männern müssten gleichermaßen Chancen zu Aus-bildung und existenzsichernder Erwerbsarbeit geboten werden. Unternehmen dürften nicht allein auf Profitstei- gerung ausgerichtet sein, sondern vielmehr "eine humane, demokratische Arbeitsorganisation" zum Ziel haben. Frauen dürften im Steuer- und Sozial-system nicht abhängig von einem "Fami-lienernährer" bleiben und für die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Menschen müsste sich die Gesamtgesellschaft verantwortlich zeigen. Als weitere Aspekte nennt sie Gleichstellungsgesetze in der Privatwirtschaft, Arbeitszeitverkürzung und eine "Um-verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und soziale Transfers in die Armutsregionen der Welt". Denn es genüge nicht "die Hälfte vom verschimmelten Kuchen zu fordern. Es wird ein anderer Kuchen gebacken werden müssen".

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