Mansah Prah ist
Professorin für
Frauenforschung im Department of
Sociology an der
University of
Cape Coast, Ghana
1 Frauenforschung wird
auch an den
Universitäten in
Nigeria, Uganda,
Senegal, Tansania,
Simbabwe, Südafrika,
Sudan, Kenia und
Kamerun betrieben.
Im Süden viel NeuesWenn wir davon ausgehen, dass Feminismen alle Gedanken und Aktivitäten umfassen, mit denen Frauen zu ihren Rechten kommen, dann sind sie in Afrika sehr lebendig, erzählt Mansah Prah
Vor etwa zehn Tagen fuhr ich zu einem Treffen an der Universität Ghana wegen eines Buchprojekts über Gewalt gegen Frauen und Kinder in Ghana. Anfang dieser Woche war ich auf einem panafrikanischen Workshop über sexuelle Gewalt. Ebenfalls diese Woche erhielt ich einen Entwurf zu einem Gesetz gegen Gewalt an Frauen in Ghana. Und erst gestern erfuhr ich vom "Netzwerk feministischer Studien" im südafrikanischen Kapstadt. Wer also denkt, dass es in Afrika keine feministische Bewegung gibt, irrt gewaltig.
In Afrika existieren mehrere Strömungen von Feminismen nebeneinander: jene Richtung, die in Aktionismus mündet, ein akademischer Feminismus und ein Feminismus, der nicht als Feminismus bezeichnet werden will. Doch das Bedürfnis, einen "afrikanischen Feminismus" zu entwickeln, steigt.Ghana. Die Beschäftigung mit den Rechten der Frau in Afrika war immer aktuell, aber sie hat sich besonders nach dem internationalen Jahr der Frau 1975 verstärkt. Vor dieser Zeit waren es oft europäische und amerikanische Frauen (und Männer), die über Frauen in Afrika berichtet hatten. Nachdem die Diskussion auf eine internationale Ebene gehoben worden war, errichteten in den 70er Jahren fast alle Länder in Afrika entweder Ministerien für Frauen oder Frauenbüros.
In Ghana wurde 1975 der "Nationale Rat für Frauen und Entwicklung" (National Council for Women and Development) eingerichtet. Der Rat begann die Lebensrealitäten von Frauen in Ghana zu erforschen und bald widmeten auch Zeitungen einzelne Spalten oder ganze Seiten aktuellen, soziopolitischen Themen über die Lage der Frau. Ab 1975 wurden auch "women's desks" in einigen Ministerien wie dem Landwirtschafts- oder dem Erziehungsministerium errichtet. Die Universitäten wurden zunehmend sensibler, schließlich wurde 1984 ein Frauenforschungsprogramm an der University of Ghana gestartet. Trotzdem haben die Universitäten des Landes noch einiges aufzuholen in Sachen Frauen- und Genderangelegenheiten: In den fünf staatlichen Universitäten gibt es nur dieses eine umfassende Frauenforschungsprogramm.1Frauennetzwerke. Mitte der 80er Jahre gründete die Ehefrau des damaligen Staatsoberhauptes, Nana Konadu Agyeman Rawlings, die Frauengruppe "31st December Women's Movement". Mit über einer Million Mitglieder dominierte diese konservative Gruppe die öffentliche Diskussion in Ghana für etwa fünfzehn Jahre und verdrängte den "National Council". Seit im Jahr 2000 eine neue Regierung an die Macht gekommen ist, hat das "Women's Movement" an Einfluss verloren. Frauengruppen und Netzwerke in Afrika südlich der Sahara haben eine lange Tradition, und es gibt eine Menge von ihnen: professionelle Frauen, Marktfrauen und Händlerinnen, christliche und islamische Frauen - alle organisieren sich. Natürlich sind nicht alle feministisch orientiert, aber sie besitzen ein Bewusstsein, dass sie als Frauen andere Interessen haben als Männer.
Besonders Rechtsanwältinnen sind gut organisiert. Auf Gesetzesebene können sie einige Erfolge für sich verbuchen. In den 80er Jahren haben sie sehr viel zur Verbesserung des Erbrechtes für Frauen beigetragen. Die "International Federation of Women Lawyers" organisiert kostenlose Sprechstunden für Frauen, die Hilfe brauchen, weil sie ihre Männer vor Gericht bringen, oder sich scheiden lassen wollen. Es gibt professionelle Frauenorganisationen, die in ganz Afrika vertreten sind, wie zum Beispiel AWLA (Association of Women Lawyers in Afrika), oder FAWE (Federation of African Women Educationists). FAWE hat in ganz Afrika viel Medienarbeit geleistet, um auf die Notwendigkeit, Mädchen zur Schule zu schicken, aufmerksam zu machen. Frauen von AWLA haben in Ghana gerade ein landesweites Forschungsprojekt initiiert, in dem sie die Verbreitung von sexueller Gewalt untersuchen.Pseudofeminismen. Seit Ende der 70er Jahre sind auch entwicklungspolitische Organisationen des Westens "genderbewusster" geworden. Heutzutage fordern sie, dass in Projektanträgen "gender issues" berücksichtigt und benannt werden. An sich keine schlechte Strategie, aber manche NGO's (Nichtregierungsorganisationen) geben bestenfalls Lippenbekenntnisse von sich, nur um zu Projektgeldern zu kommen. In der Praxis haben sie mit Frauenangelegenheiten wenig am Hut.
Wissenschaftlerinnen wie Amina Mama aus Nigeria und Dzodzi Tsikata aus Ghana haben sich kritisch gegenüber dem sogenannten "First Lady Syndrome" geäußert: Immer wieder geben sich Frauen von Staatsoberhäuptern als Frauenführerinnen aus. Sie organisierten jedoch lediglich Frauen für die Parteien ihrer Männer, so die beiden Wissenschaftlerinnen. Die Gruppen seien keine echten Basis-Organisationen und vertreten auch keine. Bezeichnenderweise haben sowohl in Ghana als auch in Nigeria jene Gruppen, die von First Ladies organisiert wurden, nicht länger überlebt, als die Regierungen ihrer Männer.
Ein anderes Problem ist die Haltung des Staates gegenüber der Frauenpolitik. Eine Studie der NGO "Third World Network" über Frauenministerien und -büros in Afrika zeigt auf, dass der Staat in Frauenfragen überwiegend in die entwicklungspolitische Richtung tendiert. VertreterInnen dieser Strömung gehen davon aus, dass Frauen, da sie nicht in entwicklungspolitische Bemühungen mit einbezogen sind, jetzt integriert werden sollten. Ein anderes typisches Merkmal dieser Richtung ist die Vorstellung, Frauen könnten sich durch den Zugang zu Krediten besser emanzipieren. Leider konzentrieren die Staaten sich fast ausschließlich auf diesen Ansatz, und meinen, finanzielle Hilfe und entwicklungspolitische Integration wären die einzigen Prioritäten. Ansätze, die zu weiterreichenden gesellschaftlichen Veränderungen führen, werden gleichzeitig verdrängt.Widerstände. Noch ein Problem der Feminismen in Afrika ist die Haltung von Afrikanern und besonders Afrikanerinnen dem Konzept gegenüber. Wie oft habe ich mich über Frauen gewundert, die sich sehr stark für die Rechte der Frauen einsetzen und sich dennoch weigern, als Feministinnen bezeichnet zu werden! Ich glaube das Wort Feminismus wird häufig mit Radikalität verknüpft, und wer will schon als Extremistin gelten...
Viele Menschen (meistens Männer) meinen, der Feminismus sei eine Exportware aus dem Westen, in Afrika gebe es keine Probleme. Solche Argumente können nur durch Tatsachen und Fakten z.B. aus unseren Forschungsergebnissen widerlegt werden.
Inzwischen wollen viele Feministinnen eigene afrikanische Konzepte entwickeln. Wir wollen nicht nur Theorien aus dem Westen rezipieren, wir wollen unsere Realität selbst theoretisieren! Aicha Diawara von AAWORD meint dazu: "The question raised today is whether we should continue to use the gender concept according to the Western paradigm, or appropriate and ,Africanize' it on the basis of historic and ethno-linguistic referents?"
Interessante theoretische Ansätze kommen vor allem aus Nigeria: Ife Amadiume beispielsweise entwickelte eine interessante These über das Matriachat. Eine andere Nigerianerin, Oyeronke Oyewumi, kritisiert das westliche Gender-Konzept als einschränkend. Auf Yoruba gebe es eine ganze Reihe von Wörtern, aber auch Rollen und verschiedene gesellschaftliche Positionen, die geschlechtsneutral sind. Statt einer binären Geschlechtlichkeit weisen die Yoruba ein viel lockereres Verhältnis zu Geschlechterrollen auf.
Das "Feminist Studies Network" aus Kapstadt setzt sich nun verstärkt dafür ein, dass afrikanische Feministinnen Studien durchführen, die unseren Kontinent verändern können, auf dem Weg in eine Gesellschaft, die mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit aufweist. Ich glaube, wir Frauen sind schon auf dem Weg.inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns