Feministische Bilder

Feminismus in der Krise? Oder Feministinnen in der Krise? Was ist das überhaupt, Feminismus? Und was bedeutet Gender-Mainstreaming? - Ein Stimmungsbild, entworfen von den Frauen der an.schläge-Redaktion, gezeichnet von 40 Beteiligten, interpretiert von Verena Fabris unter Mitarbeit von Claudia Saller

Tausende Frauen sind heute auf der Straße. Einige auf Motorrädern, viele auf ihren Fahrrädern, die meisten zu Fuß. "Es lebe die feministische Revolution" singen sie. "Nieder mit dem Patriarchat" steht in großen roten Lettern auf einem Plakat. "Meine Gene gehören mir" auf einem anderen. - Der Internationale Frauentag jährt sich heuer zum 101sten mal. Wie in den letzten Jahren werden es aber auch heuer nicht Tausende sein, die ihn gemeinsam lautstark feiern. Wenn das Wetter schön ist, werden vielleicht ein paar hundert auf die Straße gehen. Ist Feminismus "out" oder nur kurzfristig in der Krise? Lässt sich aus dem feministischen Mediensterben (in Österreich, aber auch anderswo, gibt es immer weniger feministische Zeitschriften)1 ein mangelndes Interesse am Feminismus an und für sich ablesen? Braucht es überhaupt noch feministische Zeitschriften?

Die Skizze. Diese Fragen waren Ausgangspunkt für eine Diskussion in der an.schläge-Redaktionssitzung und in der Folge für die Idee, ein Stimmungsbild zum Thema "Feminismus" zu entwerfen, das über unsere eigenen Vorstellungen hinausgehen sollte. An mehr als 1.200 e-mail-Adressen ergingen folgende Fragen:

Was verbindest du/verbinden Sie mit dem Begriff Feminismus?
Was hat der Feminismus erreicht bzw. nicht erreicht?
Leben wir in postfeministischen Zeiten?
Was bewirkt Gender-Mainstreaming?
Ist Feminismus die Theorie und Lesbianismus die Praxis?

Darüber hinaus sprachen einige von uns in ihrem persönlichen Umfeld Frauen auf die Thematik an. Während via e-mail - wie erwartet - in erster Linie Frauen (und zwei Männer und eine Transgender-Frau) antworteten, die sich mit dem Begriff "Feminismus" schon eingehender auseinandergesetzt hatten, befassten sich einige der persönlich befragten Frauen das erste Mal bewusst damit. Vorausgeschickt werden soll noch, dass sich die Antworten durchwegs auf ein "westliches" Verständnis von Feminismus beziehen und auch die Frage, was Feminismus erreicht oder nicht erreicht hat, in diesem Sinn beantwortet wurde. Aus den knapp vierzig, nicht repräsentativen, Antworten ergibt sich folgendes - von jeder Leserin selbst zu vervollständigende - Bild.

Feminismus ist rot. Nehmen wir an, Gleichberechtigung ist weinrot. Dann hat unser Bild in der linken oberen Ecke zahlreiche weinrote Farbkleckse. Denn für viele hat der Feminismus die Gleichberechtigung zum Ziel. Einige nennen explizit die "Gleichstellung für Frauen und Männer in allen Lebensbereichen", andere stellen die "Gleichberechtigung für Frauen" in den Mittelpunkt.
Mehrere beschreiben eine feministische Haltung als weibliche Sichtweise auf die Welt, ein "Parteilich Sein" für Frauen: "Feminismus ist die politische Bewegung, in der Frauen und ihre Bedürfnisse wichtig genommen werden".
Eine Übereinstimmung gibt es auch darüber, dass Feminismus die herrschenden Machtverhältnisse kritisiert bzw. permanent kritisieren soll und in diesem Sinn "Patriarchatskritik" ist: "Feminismus ist Patriarchatskritik. Innerhalb der Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit hat sich der Feminismus als Kritik an den vorherrschenden Machtverhältnissen entwickelt." Nur selten wird jedoch "der Kapitalismus" als Herrschaftssystem benannt.
Relativ häufig wird das Wort "Kampf für" Frauenrechte, Emanzipation etc. verwendet. Von Revolution möchte hingegen nur eine sprechen. Mit Feminismus verbindet sie "den Sturz der Männerherrschaft global und die Beseitigung von Rassismus, Sexismus, Kapitalismus, Nationalismus und Krieg sowie die Beseitigung einer Klassengesellschaft, die von Ausbeutung lebt. Motto: Ohne uns Frauen gibt es keine Revolution (war 1978 noch auf Transparenten zu lesen)".
Manche beklagen, dass der Begriff Feminismus negativ besetzt sei: "Feministische Politik und Praxis (...) steckt eigentlich noch immer/schon wieder in den Kinderschuhen, wird vor allem von einzelnen Frauen getragen, ist immer gefährdet, bleibt marginalisiert; Feminismus - nach wie vor ein negatives Reizwort, leider auch für sehr viele Frauen." Seine eigene negative Einstellung vermittelte uns nur ein Mann: für ihn ist Feminismus ein rotes Tuch: "ideologisch, autistisch und unpolitisch".

Das Erreichte ist grün. Wenn das Bewusstsein dafür, dass wir in patriarchalen Strukturen leben, die Farbe hellgrün hat, dann ist der größte Teil auf der rechten oberen Seite des Bildes in Hellgrün gehalten. Klar ist für die meisten: Durch den Feminismus wurde sehr viel erreicht - vor allem im Bewusstsein. Frauen leben heute selbstbestimmter: "Frauen lassen sich nicht mehr auf den Schädl scheißen. Sie sind keine Armutschgerln oder Untertanen mehr. (...) Frauen heute trauen sich auch ,nein' zu sagen und wegzugehen, wenn der Mann deppad ist." Junge Frauen können aufbauen auf dem, was bereits erreicht wurde: "Sehr viel an Sensibilisierung, sozialen Einrichtungen, Räumen für Frauen, Aufdecken von Machtstrukturen und Widerstandspotential, politisches Durchhaltevermögen und theoretische Ansätze - ganz generell eine Basis, auf der heutige junge Frauen ein völlig neues Selbstverständnis entwickeln konnten."
Deutlich ist auch, dass formale Rechte erkämpft wurden: Das Wahlrecht, der Zugang zu besserer Bildung, bessere Möglichkeiten, Karriere zu machen. Für zwei Frauen war das Recht auf Schwangerschaftsabbruch eine wesentliche Errungenschaft, die sie als solche benennen wollten.

Das Nicht-Erreichte ist schwarz. Die Antworten auf diese Frage nehmen den gesamten mittleren Raum ein auf unserem Stimmungsbild. Die Farben haben viele Nuancen und reichen von hellbraun bis tiefschwarz. Viele sehen zwar, dass sich etwas auf der Bewusstseinsebene verändert habe, doch bis zu einer tatsächlichen Gleichberechtigung, bis zu einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft sei es noch ein weiter Weg. "Gebracht haben die Frauenbewegungen hierzulande, dass es ein Bewusstsein darüber gibt, dass Frauen beschissen werden. Dass es sich lohnt, für die Befreiung als Frau/Lesbe lebenslang und weltweit zu kämpfen, ist aber nicht an der Tagesordnung." Die Analyse der Herrschaftsverhältnisse führt eben nicht automatisch zu deren Veränderung: "Auch die ca. drei Jahrzehnte ,wissenschaftlicher' Auseinandersetzung mit Sozialisation, Alltagspraxis, struktureller Benachteiligung usw. haben praktisch keine Folgen gehabt. Wer will, der weiß heute, wie - von wem - wodurch ... Frauen gefördert und weniger benachteiligt werden könnten. Bloß: es interessiert kaum jemanden wirklich. Institutionen verschanzen sich hinter ihren ,Sachzwängen', Politik betreibt plakative Alibiregelungen (...)."
Auch in den Rollenbildern und Vorstellungen über Frauen habe sich nicht sehr viel getan. Damit in Verbindung steht, dass Frauen noch immer in erster Linie für die Kinderbetreuung und die "emotionale Versorgung" zuständig sind.
Frauen verdienen noch immer nicht dasselbe wie Männer und stoßen in ihren Berufskarrieren immer noch an eine "gläserne Decke". "Ausser einer gewissen Sensibilität sind die tatsächlichen Errungenschaften nicht supergroß. (...) Im Gegenteil, die Schere zwischen ungleichen Löhnen klafft immer weiter auseinander."
Relativ viel Platz wird dem "back-lash" eingeräumt: "In Österreich haben wir einen back-lash, sodass wir es beim nächsten mal besser angehen müssen". Oder: "Unter der derzeitigen Regierung geht sowieso alles im Rückwärtsgang. Das heißt, Errungenschaften werden abgebaut."
Mit kräftiger dunkelbrauner Farbe wird bei der Kritik an den Frauen selbst nicht gespart: Es gebe zuwenig Solidarität unter Frauen, keine Sensibilität im Umgang miteinander, zu wenig Netzwerke für Frauen. Eine Frau drückt es plakativ aus: "Schwer zu erreichen wird Solidarität unter Frauen sein, weil die meisten ganz blöde Weiber sind und kein Problem damit haben, dass sie wie der letzte Dreck behandelt werden." Manchmal unterscheide sich der Umgang der Frauen in nichts von "patriarchalischen Vorbildern" erkennt eine andere, und Frauen verlören sich in "Grabenkämpfen".
Nur farblos grau gestaltet sich hingegen das Bedauern darüber, dass das Bewusstsein "um die Situation von Migrantinnen, Lesben und behinderten Frauen noch hinterherhinkt."

Der Postfeminismus ist blau. Sagen wir, Postfeminismus in dem Sinn, dass die Ziele des Feminismus überholt seien, weil schon alles erreicht sei, hat die Farbe blau. Blau gibt es dann auf unserem Stimmungsbild nicht. Blau sind höchstens jene, die "fälschlicher weise glauben und behaupten, dass Feminismus sich überlebt habe und nicht mehr nötig sei". "Da gibt es doch den Satz von irgendeiner berühmten Feministin, ungefähr folgendermaßen: ,Im Postpatriarchat werde ich Postfeministin sein'."
Allerdings meinen viele, der Feminismus sei in der Öffentlichkeit "unsichtbarer" geworden. Feminismus ist auch nicht "modern", nicht "hip". "Die Akzeptanz ist zurückgegangen und gleichzeitig setzt eine Individualisierung auf allen Ebenen ein - wenns frau nicht schafft, hat sie eben versagt. Punkt. Die Aktionsfelder und die Notwendigkeit feministischen Handelns sehe ich gerade deshalb dringender denn je: Die Plafonds sind nicht mehr aus Glas, sondern aus Gummi oder, besser, Jelly. Sobald du anrennst, geben sie nach. Hier muss der Feminismus einhaken, sonst geht vieles vom bereits Erreichten wieder vor die Hunde." Das liege auch daran, dass sich die Zeiten geändert haben, die Frauenbewegung sich in viele Einzelbewegungen aufgesplittert habe. "Wir leben in einer Zeit, wo unsere Träume von (großen) gesellschaftlichen Veränderungen, von einem politischen Einfluss von Bewegungen oder gar einer ,Revolution' praktisch kaum mehr existieren. Individuell oder in kleinen Gruppen stehen wir für unsere Wünsche, Ideale, politischen Utopien ein. Das hat wenig Sprengkraft nach aussen und ermüdet die einzelnen." Die Hoffnung wird dennoch nicht aufgegeben: "Die FrauenLesbenbewegung ist zwar am Sand, aber es wird sich schon wieder mehr formieren."
Eine Frau wünscht sich eine neue Frauenbewegung, die "im Grunde nicht unweigerlich mit Feminismus in Verbindung" steht: "Eine Frauenbewegung, die sich der Jahreszahl 2002 bewusst ist, die ihre Opferrolle abgelegt hat, die auf der erreichten sexuellen Freiheit aufbaut und sie nicht bekämpft. Eine Frauenbewegung, die sich ihrer Zeitgenossinnen annimmt und die mit Frauen in Diskurs tritt, denen beim Wort Feminismus die Haare zu Berge stehen."

Gender-Mainstreaming ist pastellfarben. Am unteren rechten Rand unseres Bildes finden sich die unterschiedlichsten Pastelltöne, viele davon ziemlich verschwommen. Einige können mit dem Begriff Gender-Mainstreaming gar nichts anfangen, manche entdecken darin "im besten Fall" ein Betätigungsfeld für feministische Wissenschafterinnen.
Ziemlich einheitlich gesehen wird, dass Gender-Mainstreaming in der Theorie eine "gute Sache" wäre, nämlich, wenn es "wirklich bedeutete, überall die Gender-Komponente mitzudenken". Wenige glauben aber, dass Gender-Mainstreaming tatsächlich eine Methode zur Gleichstellung von Männern und Frauen sein kann "weg vom ewig beklagten ,Defizit' und der Opferrolle der Frauen, hin zu mehr Lebensqualität für alle mit mehr Eigenverantwortung."
Für viele ist es ein Begriff, der reale Ungleichheiten eher verschleiert, denn aufdeckt, ein "Marketinggag, der dann solche Dinge wie eine Männerabteilung nach sich zieht". Und "im schlimmsten Fall bringt es Feminismus als Begriff und ideologische Haltung zum Verschwinden". Gesehen wird auch die Gefahr, dass feministische Theorien einverleibt und nivelliert werden. "Darüber hinaus soll damit offenbar eine "Systemanpassung" erfolgen, radikale Ansätze entschärft bzw. verdrängt und die Frauenfrage auf den St. Nimmerleins-Tag verschoben werden." Gender-Mainstreaming als Taktik, feministische Forderungen kalt zu stellen: "Politik signalisiert mit Übernahme des Gender-Mainstreaming Handlungen und sogleich weht uns ein eisiger Wind entgegen, wenn wir behaupten, dass mit Gender-Mainstreaming unsere Forderungen weder erfüllt noch umgesetzt sind. Welche lange genug und laut genug geschrien haben, um nicht ganz dem Vergessen anheim fallen zu können, die dürfen erleben, wie Konzepte bis zur Unkenntlichkeit verändert, perspektivisch verzerrt und ohne Benennung von Ursachen und Zielen ins herrschende System eingepasst werden, um dort zum völlig reibungslosen Verwaltungsakt zu verkommen."

Lesbianismus ist lila. Ist Lesbianismus die Praxis? - Für die überwiegende Mehrheit lautet die Antwort: Nein. Das orange "Nein" am linken unteren Bildrand hat nur wenige lila Farbsprenkeln, die ein "Ja" oder "Ja. Vielleicht" bedeuten. Nein, weil "frau auch als Feministin guten Sex und gute Partnerschaft mit Männern haben kann." Nein, weil das hieße, dass "Heterosexuelle nur theoretisch Feministinnen sein könnten". Nein, weil "Lesbisch-Sein nicht per se eine politische Kategorie" ist. Eine Frau erklärt ihr "Nein" näher: "Es gibt Frauen, die sind lesbisch, es gibt welche, die sind bisexuell, solche die heterosexuell sind oder aber auch asexuell. Manche leben es, manche verdrängen es. Mit dem Streben nach Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau hat das absolut nichts zu tun. Dass manche lesbische Feministinnen diese Meinung vertreten, hat eher damit zu tun, in jedem männlichen Wesen einen potentiellen Vergewaltiger und Unterdrücker zu sehen und da wären wir wieder bei der Opferrolle, die ich für kontraproduktiv halte. Ich selbst bin lesbisch."
Manche aber sagen für sich: "Eindeutig: Ja". Oder "vermutlich ja". Oder: "In bestimmter Hinsicht schon: Lesben sind Frauen, die Frauen lieben und das auch in ihrem alltäglichen Leben zeigen (einige Lesben zumindest...). Das trägt wiederum zu einer veränderten Sichtweise von Frauen bei, die dadurch viel mehr in den Mittelpunkt rücken - was eine Basis dafür ist, sich für andere (und sich selbst) einzusetzen."

Das Bild. Feministische Theorien und Praxen sind bunt und vielfältig. Das Bild hat klare Rottöne in der linken oberen Ecke. Feminismus hat vor allem Bewusstseinsarbeit geleistet. In der oberen rechten Hälfte überwiegt Hellgrün. Das Erreichte ist noch zu wenig; vor allem wurden formale Rechte durchgesetzt. In der Mitte ist das Bild ziemlich dunkel. Noch viel gilt es zu erkämpfen. Links unten gibt es ein paar große orange und ein paar kleinere lila Sprenkeln. Rechts davon zahlreiche helle, beinahe ins farblose übergehende Pastelltöne. Gender-Mainstreaming verdeckt Ungleichheiten eher, als sie aufzudecken.
Wir betrachten das Bild und wir haben einen Traum. Wir schreiben den 8. März 2002: Tausende Frauen sind in ganz Österreich auf der Straße. Der Bundeskanzler verwandelt sich in einen Gartenzwerg, die Vizekanzlerin wird zu einem kriechenden Tier, das einfache Parteimitglied fällt in die Bärengrube, der Männerminister nimmt seinen Hut - und alles wird gut.

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