Erik(A). A 2005, Regie:
Kurt Mayer.
Mit Erik Schinegger, Karl
Schranz, Olga Scartezzini-
Pall, Traudl Hecher-Görgl, u.a.
Musik: Olga Neuwirth

www.firstchoicefilms.at


"Das erste Mal pissen"

Zur Premiere des Dokumentarfilms Erik(A) trafen Renate Billeth, Svenja Häfner und Martina Madner den Kärntner Schischulenbesitzer und die ehemalige Schiweltmeisterin Erik Schinegger

Wir treffen Erik Schinegger beim Frühstück in einem Hotel am Wiener Spittelberg und plaudern mit ihm über weibliche Sozialisation, die Entdeckung seiner Intersexualität und vieles andere mehr, das damals verdrängt wurde und durch Kurt Mayers Film nun endlich aufgearbeitet werden kann.

an.schläge: Im Film Erik(A) schildert Ihre ehemalige Teamkollegin und enge Freundin Olga Pall sehr emotional, wie traurig sie war, als ihre Freundin Erika plötzlich weg war. Wie schnell war Erika damals wirklich verschwunden?

Schinegger: Ich hab versucht diesen Neustart so schnell wie möglich zu machen, aber was prägt einen Menschen? Die Kindheit, die Erziehung - ich bin zwanzig Jahre als Erika durchs Leben gegangen. Deswegen wird dieses Leben, die Erika, nie wegzuleugnen sein. Bis zum vierzehnten Lebensjahr war ich mir sicher, dass ich ein ganz vollwertiges Mädchen bin. Ich hab jeden Tag auf das Wachsen der Brüste gewartet und war traurig, wenn die anderen über Monatsblutung sprachen. In der Pubertät hab ich Frauenkörper immer schöner gefunden als Männerkörper und ich hab gedacht, dass ich hundertprozentig lesbisch bin. Ich hab ja nicht gewusst, dass da was anderes vorgeht in meinem Körper. Ich habe mit siebzehn, achtzehn einfach gesehen, dass ich in Frauenkleidern Defizite habe. Ich war richtig unglücklich - glücklich war ich im Renndress. Da war alles salopp geschnitten, da war ich die Erika Schinegger, da war ich die Nummer eins. Zu Hause bin immer mehr in mich gegangen. Wenn das nicht gekommen wär, irgendwann wär's sicher zur Katastrophe gekommen.

Hatte Erik die gleiche Freundschaft mit Olga Pall wie Erika?

Nein, das hat mir ja so weh getan. Von heut auf morgen waren alle Freundinnen weg. Ich war sechs Monate in der Klinik, und die sind aus und ein gegangen, weil da auch das Sportmedizinische Institut ist, aber zu mir ist keine rein gekommen. Ich hab immer gedacht: Ich hab doch niemand was getan. Aber das hat Olga ja auch gesagt, für sie war Erika die beste Freundin, und sie hatte richtig Angst vor der ersten Begegnung mit Erik.

Wie wurde Erik Schinegger von der Familie wahrgenommen?

Ich hab mit knapp achtzehn Jahren, als Bauernmädel, mein eigenes Leben in die Hand genommen. Die Mutter hat gesagt: Bitte mach das nicht! Sie traute sich das dem Vater gar nicht sagen und auch den Geschwistern nicht. Vielleicht hat der Vater im letzten Monat irgendwas gemerkt, richtig erst dann, als die Mutter gesagt hat: So, jetzt kommt der Erik nach Hause! Der Film ist auch eine Aufarbeitung, für die Familie und für den engsten Kreis.

So richtig reden mit der Familie konnten Sie nicht?

Nein, wenn ich mit meiner Mutter gesprochen habe, hat sie sofort geweint. Dann habe ich mir gedacht, ich will andere nicht damit belasten. Ich muss mit meinem Schicksal selbst fertig werden. Das war ja die große Leistung: Hinaustreten und dann diesen Weg alleine gehen, ohne psychologische Betreuung. Dieses Getuschel und immer wieder dieses Kränken, dieses Anpöbeln: "Sag, wo hast denn deinen Kittel heute?"
Am schlimmsten war der Kirchgang. Bei uns war alles so konservativ: Frauen links, Männer rechts! Ich hab von einem auf den anderen Tag auf die andere Seite wechseln müssen. Alle haben sich umgedreht und richtig gegafft - wie die Leute da geschaut haben... Ich hab zwar immer Selbstsicherheit gezeigt, aber innerlich war ich nicht gefestigt. Daher war auch am Anfang
dieser Porsche so eine Stütze für mich. Aber wehgetan hat es.

Ihre Geschwister kamen im Film nicht zu Wort.

Wir sind jetzt viel zusammengesessen und haben stundenlang gesprochen. Es hat unsere Familie viel mehr zusammengeschweißt. Mein Bruder war ja damals erst sieben und meine Schwester vierzehn. Sie hat erzählt, wie schwer sie es in der Schule hatte, wie oft sie die anderen gehänselt haben. Bitte, auch meine erste Frau und meine eigene Tochter! Sie ist aus dem Kindergarten nach Hause gekommen und hat bitterlich geweint: "Papa, im Kindergarten haben sie gesagt, du bist ein Weibl". Sie haben nicht einmal Frau gesagt.

Gab's für Sie als junge Frau und dann als junger Mann Rollenvorbilder?

Als Frau war es bestimmt die Olga Pall, als Mann hab ich keinen gehabt, weil ich mit den Männern weniger zu tun hatte. Ich hab da meine Philosophie selber zusammengetragen. In der Klinik hab ich mir alles so schön vorgestellt: Erste Begegnung, erste Liebeserklärung, wenn ich so hinaustrete in die weite Welt. Aber es hat sich vieles anders ergeben, als ich es vorher gedacht habe...

Normalerweise wächst man ja ins "Mannsein" langsam rein.

Das war ja das. Ich hatte keine Vorlaufzeit. Und dann musst du hinaustreten und wirst beobachtet. Jeder weiß, was mit dir passiert ist. Ich war zum einen Supermacho, aber trotzdem auch oft genug wieder rückfällig geworden. Vom Rollenspiel her, dass ich wieder gemeint habe, ich bin eine Frau.

Wie lange hat es gedauert, bis die Umgebung Sie als Mann akzeptiert hat?

Ich muss sagen, dass ich geglaubt habe, ich könnte mich mit dem Skifahren bestätigen. Die Möglichkeit war dann nicht mehr. Und dann habe ich's doch versucht mit heiraten, weil ich gedacht hatte, dann hört das Gemunkel auf. Aber das hat nicht aufgehört. Als die Tochter zur Welt kam, war das dann der endgültige Beweis. Ab da hat mir das auch nicht mehr wehgetan. Es passiert immer noch, dass die Leute hinter mir mal tuscheln. Jetzt kann ich mich darauf einlassen und kläre sie auf.

Hat es Vorteile, wenn Mann schon mal als Frau gelebt hat?

Ich muss sagen, gerade in meinem Beruf, wo ich mit Kindern arbeite, gibt es nichts Besseres. Und ich bin auch froh, dass ich diese Ader habe. Ich bin überhaupt ein bisschen auf der sozialen Seite. Ich habe vor 13 oder 14 Jahren diesen großen Kampf gehabt, wo ich hier Flüchtlinge in meinem Gasthof aufgenommen habe. Ich hab mich durchgesetzt gegenüber der Gemeinde und dem Bürgermeister. Es prägt einen, dieses Beschützen. Mit 13 war ich das Christkind und nicht mehr meine Mutter. Das war mir das Schönste; ich hab selber die Packln eingekauft, die Mutter hat mir das Geld gegeben. Sie hat sich mehr um die Arbeit gekümmert. Mir war das eine Freude, anderen eine Freude zu bereiten. Und ich bin sicher, putzen kann ich heute noch.

Tun Sie´s auch?

Ja. Ich putze immer wieder nach im Betrieb. Da (deutet auf die Decke über der Hotelbar), schauen Sie, da oben ist eine Spinnwebe und unter den Bänken ist Dreck. Ich bin mir sicher, das sieht ein normaler Mann so nicht. Aber das ist auch wichtig im Leben. Das ist ein Vorteil.

Das Putzen, kommt das von der Erziehung zur Mädchenarbeit?

Das ist, weil ich sehr viel geputzt habe. Zwischendurch wäre ich so gerne mit dem Traktor gefahren und hätte gerne einen Traktor zu Weihnachten geschenkt bekommen - und hab wieder einer Puppe gekriegt. Die hab ich dann zu Weihnachten gegen die Wand geschmissen...

Nach dem Ergebnis der Geschlechtsfeststellung, warum haben Sie sich dazu entschlossen, als Mann weiter zu leben?

Ich hatte zwei Möglichkeiten. Mir wurde gesagt, ich könne mit meiner Goldmedaille glorreich bis ans Lebensende als Erika Schinegger leben, mit plastischen Eingriffen und mit einer Hormonbehandlung könne man so einiges machen. Es ging ja immer um die Goldmedaille. Nur Professor Marberger hat gesagt: laut unseren Tests gibt es nur einen Weg, es kommt jetzt darauf an, ob du mit zwanzig Jahren Manns genug bist, diesen Weg zu gehen. Ich hätte nie gedacht, dass der Weg total auf die andere Seite gehen wird. Als ich dann erfahren habe, das gibt's, habe ich wieder Licht gesehen.

Hatten Sie eigentlich zuvor jemals einen nackten Mann gesehen?

Nein. Keinen. Und dann bin ich das erste Mal pissen gegangen. Das war für mich der Wahnsinn. Ich habe es in meinem Tagebuch groß drin: heute das erste mal pissen. Das war ja das Schlimme, dass ich da gleich in diese Rolle rein musste und auch immer beobachtet wurde. Wann machst du einen Fehltritt? Das war's. Und ich glaube, erst im nachhinein kann ich sagen, das war fahrlässig, grob fahrlässig war das sogar von verschiedenen Seiten, da hätten sie was machen müssen. Normalerweise kann man keinen so raus lassen.

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