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Martina Mayrhofer ist Expertin für Neue Kommunikationstechnologien und betreut seit vier Jahren das Frauenweb. Zum Interview getroffen hat sie Yo Taubert

In der Auseinandersetzung mit Neuen Kommunikationstechnologien als politischem Feld und vorstellbare Kontextualisierung feministischer Strategien darin, ist es notwendig, Informationskapital als Machtkomponente im Hinblick auf dessen Wirkungsweise und politische sowie soziale Relevanz hin, zu untersuchen. Eng verbunden damit ist die Reflexion von Diskursen in Bezug auf Wahrnehmung diskursiver Körperpolitiken bzw. Diskurssträngen zur Konstruktion, Assimilation und Konfusion von Körperbildern, Körperwahrnehmungen, Nutzung von Körperschablonen als Screen zur Kommunikation von Machtverhältnissen und identitären Politiken. Die kritische Reflexion der jeweiligen Diskurse sollte jedoch nicht ausschließlich über eine theoretische Metaebene verhandelt werden. Spannend ist die Untersuchung des Zusammenspiels von Hardware, Sofware, welche im Kommunikationsprozess eine untrennbare Verbindung eingehen. Mensch, Maschine, Tier, Cyborg als Projektionsfläche, aber auch als vorstellbare Handlungsfiguration werden ebenso vorstellbar, wie auch die Entkoppelung physischer Körper von deren Machtimplikationen.
Information allein stellt wohl keine relevante Komponente in machtvollen Prozessen darstellt. Weitaus wichtiger ist deren Verwaltung und Interpretation. ["Even if we're all online, it doesn't mean that a paradise of equal opportunities will emerge. We'll still need to attack power relations inscribed into the structure of communication processes both inside and outside the web. In the dawn of information capitalism, such attacks become more than just a method, more than merely a technology of political activism." (autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe / Luther Blissett / Sonja Brünzels. Communication guerrilla A message out of the deeper german backwoods Version 2.0. in:
www.textz.com)]
Mit diesen theoretischen Vorüberlegungen führte ich ein dialogisches Interview mit einer Expertin für Neue Kommunikationtechnologien, Martina Mayrhofer.

an.schläge: Wie würdest du deine Involviertheit in Bezug auf die Arbeit mit Neuen Kommunikationstechnologien (NKT) beschreiben?

Martina Mayrhofer: Ich mache schon seit ca. vier Jahren das Projekt Frauenweb, als Einzige, die das derzeit kontinuierlich betreut und ich mache die online Frauenforscherin. Ich habe Informatik studiert, aber den allergrößten Teil meiner Informatikkenntnisse und -kompetenzen habe ich mir eigenständig angeeignet.
Das begann in der ÖH auf der BOKU, dort hatte ich Raum zu lernen, habe die anderen EDV-Menschen, die dort gearbeitet haben, ein bisschen tyrannisiert, bis sie mir das erklärt haben, was ich wissen wollte. Andererseits habe ich den Ehrgeiz entwickelt, dass ich in der Struktur dort eine Systemadministration übernehme. Es gab ausschließlich Männer zu diesem Zeitpunkt in der Systemadministration. Ich habe im Frauenreferat gearbeitet. Von daher stammt dieser Ehrgeiz.
Ich habe eine Zeit lang auf der Uni gearbeitet als Systemadministratorin und jetzt bin ich bei Telma.
Meine Motivation war schon ganz früh, als Frau im IT-Bereich Funktionen zu übernehmen, andererseits mit der Infrastruktur als Frau mit Frauen zu arbeiten. Ich wollte nicht, wenn irgendwie Probleme auftreten wieder Männer holen müssen. Ich hatte den Anspruch, Schwierigkeiten selber zu lösen.
Wichtige Motivation, Frauenweb überhaupt zu beginnen, war es - aus unserer extrem privilegierten Situation als Studentinnen, die wir auf Infrastruktur und Kontakte der ÖH zurückgreifen konnten -, diese Ressourcen einer breiteren Frauenöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Wir bringen als Informatikerinnen ein Know How mit, Infrastruktur auch zu betreuen und zu verwalten, dieses Know How möchten wir dafür nutzen, dass andere Menschen, andere Frauenprojekte auf die Infrastruktur zurückgreifen können, ohne dass sie das Know How noch zusätzlich brauchen.

Räume implizieren einerseits den konkret öffentlichen Raum, den Stadt- und Straßenraum. Zum anderen ist dies der mediale Raum, der sich durch eine Einbahnstraßen-Kommunikation (one-to-many) auszeichnet. Ein hiervon abgeleiteter, aber teilweise prinzipiell anders strukturierter, dritter Raum ist der virtuelle Raum. Mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ergeben sich gegenwärtig qualitativ neue interaktive Kommunikationsmöglichkeiten. Gleichzeitig fördert diese Situation eine Auseinandersetzung darüber, was Kommunikation eigentlich ist, wie sie funktioniert und wie ihre Form und ihr Inhalt zusammenhängen. Für eine genauere Beurteilung der Entwicklungen ist es nicht unerheblich, wer was und mit welchem Interesse formuliert.
Beobachtest du Paradigmenwechsel/Konsolidierung von Machtverhältnissen?

Als Frau mit einem weiblichen Vornamen werde ich immer noch als Frau wahrgenommen. Mit meinem Vornamen werden dann bestimmte Rollenbilder und Klischees verknüpft. Wenn ich einen nicht zuordenbaren Namen wähle, erhält sich trotzdem noch so etwas wie ein Habitus und Zuschreibungen funktionieren trotzdem. Ich schaue mir auch an, wie werden Fragen formuliert. Über die Analyse der Fragestellungen und Inhalte werden dann auch Rückschlüsse gezogen. Ich verwende etwa eine "weibliche" Sprache und auch so Begriffe wie "Rechnerin". Wenn ich den Begriff so verwende, kriege ich eine bestimmte Kategorie verpasst, die jetzt nicht unbedingt weiblich konnotiert ist, aber zumindest: Feministin, Emanze. Es gibt keine klassischen Mann/Frau-Rollenbilder, sondern vielfältigere, aber die sind alle mit Vorbildern behaftet und auch mit Vorurteilen.
Ich durchbreche Perfomancen eher durch Irritierung. Die Irritation, dass ich Begriffe, die üblicherweise nicht ganz klar einem Geschlecht zugeordnet werden, ein Geschlecht verpasse, z.b. eben RechnerIN. Das macht was sichtbar. Einerseits möchte ich die Kategorie Gender über Sprache sichtbar machen, andererseits Frauen sichtbar machen in der Sprache. Das ist eine meiner Hauptaktivitäten.
Unter das Label "Frauen" subsumiere ich alle Menschen, die sich selber als Frauen definieren oder definieren möchten. Also nicht die biologistische Variante. Es geht um Selbstdefinition. Ich gehe von einer selbstständigen Identitätsbildung aus.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit diesem Thema ist eine weitere Frage hinzugekommen: Wir haben uns selber hinterfragt, wie nütze ich das Medium, wie möchte ich es gerne nutzen? Ist es möglich, was ich machen möchte? Was muss ich dazu tun, dass es möglich wird? Unsere politischen Ansprüche, wie wir das Internet nutzen wollen, haben gut damit zusammengepasst, was wir uns auf der technischen Ebene überlegt haben. Z.B. hatten wir den Anspruch, ausschließlich für Frauen und mit Frauen zu arbeiten und damit auch ein Stück Stärkung von Frauen in der Öffentlichkeit zu erreichen. Andererseits wollten wir eine Kontaktperson bieten - üblicherweise tauchen die Systembetreuerinnen nicht in der Öffentlichkeit auf, sind eher im Hintergrund.
Prinzipiell sind Paradigmenwechsel möglich. Internet ist aber nur ein unterstützendes Medium. Es kann ein Mittel sein, bestimmte Ziele zu erreichen, aber nicht der Zweck. Ein Ziel ist ganz sicher, Kategorien wie Geschlecht zu dekonstruieren oder auch sich mit politischen und gesellschaftspolitischen aktuellen Diskussion zu beschäftigen und da auch ein Stück Einfluss zu haben. Meine Einschätzung ist aber auch, dass sich die Relation zwischen politischer und kommerzieller Nutzung stark verschoben hat - und zwar hin zu einem großen Übergewicht auf Seiten der kommerziellen Nutzung. Auch wenn es nie eine ausschließlich nicht-kommerzielle Nutzung gegeben hat. In den letzten Jahren sind auch eine Unmenge an Webdesign-Firmen aus dem Boden geschossen, was zumindest vermuten lässt, dass diese kommerziellen Strukturen enorm gewachsen sind. Die sind ja nicht einfach so gewachsen, sondern weil es erhöhten Bedarf gibt.

Wenn eine Demokratisierung aufgrund der Zugänglichkeit zu Informationen behauptet wird, erscheint Vorsicht angebracht. Die Demokratisierung von Wissen bedeutet nicht automatisch eine Demokratisierung der Gesellschaftsstrukturen. Dies lässt sich besonders deutlich an der Tatsache zeigen, dass der freie Fluss von Warenströmen - und auch Informationen sind in dieser Definition Waren - nicht gleichzeitig einen freien Fluss des Personenverkehrs über nationale Grenzen hinweg nach sich zieht. Die Macht und der Zugang über/zu Information ist zwar in vielen Fällen tatsächlich ein Herrschaftsinstrument. Ungeachtet dessen ist in spätkapitalistischen Gesellschaften damit, die Wahrheit ungehindert verbreiten zu können, noch nicht viel gewonnen. Denn selbst wenn Wissen über Missstände, Skandale und Ungerechtigkeiten veröffentlicht werden, bleibt das zumeist folgenlos. Sowohl im Hinblick auf die strukturellen gesellschaftlichen Ursachen, wie auch im Hinblick auf diejenigen, die allein diese Bedingungen verändern könnten.

Das Web stellt eine andere Form der Kommunikation dar. Das Medium allein ermöglicht mir nicht die Erreichung meiner Ziele. Ich muss schon auch konkrete Schritte in die Richtung setzen.

Welche Möglichkeiten des konkreten Handelns mit oder im Kontext NKT siehst du für dich und für größere Gruppen von Aktivistinnen?

Information allein ist nichts. Ich muss auch eine Motivation entwickeln, damit etwas zu tun. Ich brauche aber auch bestimmte Fähigkeiten, mit der Vielfältigkeit an Informationen umzugehen. Und ich muss eine Möglichkeit haben, die Informationen zu sortieren und zu kategorisieren - rauszufiltern, was davon für mich brauchbar ist. Das wichtigste ist die Motivation, mich mit dem Medium zu beschäftigen. Alles weitere kann dann Übung oder Training sein. Aber woher Mensch diese Motivation bezieht und wie die aufgebaut werden kann, ist schwierig. Das Medium Internet kann die Motivation nicht von sich aus aufbauen, die muss woanders herkommen. Für viele kommt sie wahrscheinlich aus einer Form von defizitärem Wahrnehmen, nicht am Technik-Hype teilzunehmen, bedeutet zur vorletzten Generation zu gehören. Diese Motivation ist meiner Meinung nach aber nicht so wahnsinnig sinnvoll.
Eine Motivation wäre z.B.: Ich will etwas wissen, will etwas erfahren. Resultat könnte sein, zuviel an Informationen zu bekommen und diese strukturieren zu müssen. Irgendwann muss ich diesen Kreislauf durchbrechen und aufhören, weiter zu suchen.

Zugangsmöglichkeiten im Netz zu untersuchen, ist gleichzeitig anachronistisch und modern: Anachronistisch insofern, als es ebenso wie im 19. Jahrhundert kulturell und ökonomisch vermittelte Ausschlusskriterien gibt. Ein Ausschluss von der Wissensvermittlung ergab sich zumeist über fehlende ökonomische Ressourcen. Dazu kommt eine weitere Form des Ausschlusses: Wer die Kulturtechnik des Lesens nicht beherrschte und darüber hinaus keinen Zugang zu Büchern oder Bibliotheken hatte, blieb vom Wissen ausgeschlossen. Auch heute gibt es noch diese Form von Zugangsbeschränkungen (Medienkompetenz). Ein weiteres Ausschlusskriterium besteht insofern, als nicht allen der Zugang zu Computern und zu dem notwendigen Know-How offen steht. Das Wissen, das nötig ist, um im Netz zu kommunizieren, geht aber über die reine Zugänglichkeit zu Geräten und über die Technikbeherrschung hinaus. Zusätzlich sind Codes, Sprachen, Kommunikationsformen zu erlernen, ohne die man aus vielen Netz-Communities ausgeschlossen bleibt. Das ist keineswegs eine neue Form des Ausschlusses, sondern gilt ebenso für klassische face-to-face-Gruppen. Somit ist die Netzcommunity letztlich kein virtueller Raum für alle.

Meine Erfahrung mit Gruppen ist, dass es meist nur wenige Personen sind, die dieses Know-How haben. Das bringt verschiedene Schwierigkeiten und Probleme mit sich. Eines davon ist, dass es schwierig ist, Personen mit Spezialwissen zu ersetzen, wenn diese die Gruppe verlassen. Wünschenswerte Variante wäre es, dass sich möglichst viele Menschen das Know-How teilen. Nicht mit dem Anspruch, dass alle gleich viel und mit dem gleichen Umfang können, sondern dass alle möglichst viel können. Es muss aber auch die Möglichkeit bestehen, dass eine sagen kann, ihr Wissen reiche aus für die eigene Handlungsmöglichkeit.
Zugangsbeschränkungen sind auch die immer noch sehr männerdominierte Technik oder zumindest ein sehr männlich konnotiertes Technikbild und ein dazugehörendes Rollenverständnis in mit Technik verbundenen Arbeitsbereichen. Diese Strukturen finden wir auch in den eigenen politischen Gruppen. Ich glaube, das ist eines der größten Ausschlusskriterien. Es ist schwierig, überhaupt Interesse und Motivation für einen Bereich entwickeln zu können, der so extrem männerdominiert ist und auch so beschrieben wird.

Es gibt auch eine Reihe von Rückwirkungen des Internets auf das "Real Life", in denen Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse eine besonders wichtige Rolle spielen: Heimarbeit, Vereinzelung am Arbeitsplatz, neue Formen der Arbeit und die Entstehung eines neuen Proletariats - nach Toni Negri auch "soziales Proletariat".
Über den Begriff der "Informationsgesellschaft" werden die Ursachen von sozialer Ungleichheit fälschlicherweise als Folge von Informationsmangel und nicht aufgrund der unterschiedlichen Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel dargestellt. Die Macht von Microsoft ergibt sich ja wohl nicht aus der Tatsache, dass diese Company ein besonders gutes Programm auf den Markt geworfen hat. Sie ist das Ergebnis von Eigentumsverhältnissen, ökonomischer Dominanz und einer gesellschaftlichen Struktur, die diese per Patentamt schützt und mit staatlicher Gewalt durchsetzt. Du arbeitest mit Linux als alternativem Betriebssystem?

Ich arbeite mit Linux, weil ich Linux als politisch korrektes Betriebssystem - eine ganze politische Bewegung im Bereich EDV-Software - unterstützen will. Ich war und bin andererseits nicht in der finanziellen Situation, mir Microsoft-Betriebssysteme zu leisten. Mir geht es insbesondere darum, eine Open-Source-Bewegung zu unterstützen und Linux ist ein Teil davon. Sicher ein sehr zentraler und wichtiger Teil davon. Software oder Produkte von Open-Source-Bewegungen bieten mir sehr viel mehr Möglichkeiten, als Software von z.B. Microsoft - nämlich den source-Code zu lesen, einen Einblick zu bekommen. Das erfordert einerseits Know-How, ermöglicht aber andererseits auch Know-How, die Möglichkeit zu lernen. Du kannst Open-Source-Codes weiterentwickeln, aber du musst nicht. Das finde ich wichtig. Ich bin also nicht gezwungen, was zu tun. Ich kann auch entscheiden, zu welchem Zeitpunkt ich was nutze. Damit meine ich, ich muss nicht von Anfang an soviel Wissen mitbringen, um es nutzen zu können. Ich kann mich irgendwann entscheiden, mich mit Open-Source-Code zu beschäftigen und eine Programmiersprache zu lernen.
Der Sinn für mich ist eine Verschiebung oder Auflösung der Grenze zwischen Produzentin und Konsumentin, die Auflösung einer Abhängigkeit, und darüber hinaus die Stärkung der Position von Benutzerinnen.

Vieles bei der Beantwortung der Frage nach den Machtverhältnissen im Netz wird davon abhängen, ob es gelingt, eine vielfältige und dezentrale Serverlandschaft zu erhalten. ["Damit möglichst wenige zentrale Organe entstehen, die über das Ganze entscheiden, muß die Vernetzung im realen Raum weiter vorangetrieben werden." (Der kurze Sommer des Internet. Ein Gespräch mit Geert Lovink. http://thing.at/texte/loovink.html/)]

Für den Aufbau unseres Servers hat nicht so sehr die staatliche Kontrolle eine Rolle gespielt. Mit unserem Wissen - wie funktioniert Systemadministration, wie viel Vertrauen muss ich bei der Benutzung eines Servers aufbringen - stand es für uns außer Frage, dass wir uns einen eigenen Server aufbauen werden. Das stand nicht zur Diskussion. Das Ziel war, einen Freiraum zu schaffen von Frauen für Frauen. Wir haben gewusst, das geht nur, wenn wir einen eigenen Server aufstellen und administrieren. Bei der Selbstpräsentation unserer eigenen Website stellen wir schon unsere feministischen Inhalte vor. Wichtig war die Sichtbarmachung von Frauen, ohne in einem zweiten Schritt gleich wieder einzuschränken, wen wir sichtbar machen.
Derzeit ist es so, dass wir hauptsächlich Provider sind und ganz viele Sites hosten. Wir stellen den Space zur Verfügung für andere Frauen, Organisationen und Projekte. Was ich ein bisschen schade finde ist, dass der ursprüngliche Ansatz, eigene Positionen, Texte und Diskussionen mit ganz verschiedenen Frauen reinzustellen, nicht wirklich funktioniert. Für eine Diskussion im Netz braucht es eine gewisse Anzahl von Personen, Anzahl an Akteurinnen, die auch regelmäßig posten. Das sind zur Zeit aber nur ca. 10% der insgesamt in diesem Forum beteiligten. Es braucht auch so etwas wie Redaktion oder ein paar Frauen, die sich verantwortlich fühlen, und die sich aus ihrer Verantwortlichkeit heraus aktiv und regelmäßig dran beteiligen. Unser Web-Diskussionsforum funktioniert über Anmeldung: Du sendest eine Nachricht, bekommst ein e-mail, hinterlässt mir eine Nachricht auf der Voice-Box und ich schalte dich frei. Mir geht es bei dieser Hürde darum, Männer auszugrenzen oder Männern die Hürde so hoch zu bauen, dass sie es möglichst nicht tun. Wenn ein Mann sich dann wirklich die Mühe macht, mich anzurufen, mir erklärt, er will da jetzt hinein und sich irgendwas einfallen lässt - oder eine Freundin ruft für ihn an - dann finde ich das o.k. Dann hat er sich genug bemüht, dass er hinein kann. Wenn sich irgendjemand im Diskussionsforum diskriminierend, rassistisch oder sexistisch positioniert, dann ist mir egal, ob das ein Mann oder eine Frau ist - diese Person fliegt hinaus.

Widerstand ist mit der individuellen und kollektiven Entschlossenheit verknüpft, sich den herrschenden Verhältnissen entgegenzustellen. Das kann Folgen haben. Wenn aber eine Widerstandstradition entstünde, die nicht mehr mit den Folgen des eigenen Sprechens konfrontiert würde, so mag das einigen die Zunge lösen, jedoch stellt sich die Frage, wer die Rede dann noch materiell vertritt, und außerhalb des Netzes versucht, durchzusetzen. ["Widerstand findet sich nicht nur im Internet, es braucht auch physikalischen Raum und Nähe. Widerstand existiert nicht nur auf der Ebene von Vorstellung, Phantasie und in der Welt der Bilder. Widerstand muss alles sein: es betrifft das ganze Sein und das wurzelt immer noch in der Erde und bedarf einer Physis, Materialität, eines Körpers, der Sterblichkeit und all dessen, was der unechten Unsterblichkeit im Cyberspace entgegensteht." (Hakim Bey: Temporäre Echtzeit. Drei Gespräche. In: Nettime (Hg.): Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte. Berlin 1997, S. 60-70.)]

Es geht um ein mehr an Informationen, auch darum, Informationen aus meiner politischen Perspektive zu veröffentlichen. Diese Inhalte dann nicht unbedingt einer breiten Öffentlichkeit anzubieten, kann ich nicht wirklich beeinflussen. Es geht um ein Mehr an Informationen und Perspektiven, nicht um die breite der Öffentlichkeit. Darauf habe ich kaum Einfluss.
Handlungsfähigkeit habe ich bei der Frage, worauf ich mich konzentriere, was ich eigentlich bezwecke. Wichtig sind Vernetzung und Verlinkung - inhaltliche Netzwerke, die gemeinsame Kontexte entwickeln. Ich will die Öffentlichkeit erreichen, die interessiert ist, mir thematisch nahe steht.

Fantasien über linksalternativen Widerstand, die im Internet vorherrschen, gelten in erster Linie dem hacken. Bislang herrschen im Netz Sabotageakte vor, die auf die Unterbrechung des Kommunikationskanals ausgerichtet sind, seien es Viren oder das Zu-Müllen von Accounts in Form von Mailbomben oder gar das Abschießen ganzer Server. Allerdings handelt es sich beim hacken nicht um eine Widerstandsform, die von vielen in großen Gruppen durchgeführt werden kann. Ein Grund für die Attraktivität von HackerInnen liegt sicherlich in dem technizistischen Verständnis des Mediums. Gibt es eine Hackerkultur, der es um etwas mehr geht, als um das Aufdecken von Sicherheitslücken?

Ich würde hacken für politische Gruppen/Aktivitäten als durchaus wichtig bewerten. Aber nicht im Sinne, dass das in/mit größeren Gruppen durchgeführt wird. Das ist schon etwas, was sehr viel an ExpertInnenwissen gekoppelt ist und auch von ExpertInnen durchgeführt wird. Es ist eine sehr spezialisierte Arbeit.
Für mich liegt ein Sinn im hacken darin, sich mit bestimmten Strategien oder Produkten von Firmen zu beschäftigen, sich diese aus verschiedenen Perspektiven genauer anzuschauen. Eine Strategie kann sein, sich anzuschauen, welche Politik diese Firma hat. Oder ich schaue mir an, mit welchen Strategien die Firma Software produziert. Legen sie Wert auf Open-Source-Strategien, legen sie da ihre Sachen offen oder versperren sie alles, spionieren andere aus. Hacken macht für mich dann Sinn, wenn es als eine Strategie im politischen Kontext verwendet wird.

Wer sich mit der Kulturellen Grammatik beschäftigt, wird in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten feststellen, wie sie Macht und Herrschaft legitimiert. Das passiert auf dem Wiener Opernball genauso wie im Internet. All das, was für die "alten" Medien und den physischen Raum formuliert wurde, gilt in den Grundzügen auch für das Internet. Allerdings gibt es jeweils spezifische Bedingungen der verschiedenen Orte und Räume, die wiederum differenzierte Vorgehensweisen nahe legen.

Ein wichtiger Unterschied ist für mich, dass es keine gemeinsamen Kategorien gibt für "real" and "web". Bei der Informationsverarbeitung im Netz bin ich in vielen Punkten auf mich allein gestellt. Ich kann nicht auf gesellschaftliche Kategorien zurückgreifen. Ein System an Werten ist für mich im "real space" überprüfbar, im "virtuell space" aber nicht. Ich kann es zwar verwenden, das heißt aber nicht, dass es passt. Es gibt irrsinnig viele verschiedene Wertesysteme. Ich komme aus einem bestimmten Wertesystem, mit einer bestimmten Perspektive. Das passt auch für jene, die aus einer ähnlichen Perspektive denken. Es muss aber nicht anderswo oder für andere passen.
Zu den besonderen Produktionsbedingungen im "web": Ich kann zu ganz anderen und viel kostengünstigeren und einfacheren Konditionen eine Öffentlichkeit erreichen und ich kann Inhalte veröffentlichen.

 

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