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Erinnerungskisten
Von Verena Fabris

Erinnerungen sind gebunden an einen Ort der Erinnerung. Ein Haus am See, eine Narbe an der Hand, ein Pfad durchs Moor, ein rosaroter Brief, der Geruch von Klebstoff, eine Verbindung zweier Synapsen. Manche Menschen haben Schubladen in ihren Schreibtischen, in denen sie ihre Erinnerungen bewahren. Andere haben Schränke am Dachboden. Manche ordnen ihre Erinnerungen systematisch nach Jahr und Anlass: Frauendemos 70er Jahre, Beziehung mit M. 1984-89, Philosophiestudium 1989-93. Andere verstauen ihre Erinnerungen wahllos in Umzugskartons, die sie gegebenenfalls nach Jahren ungeöffnet dem Müll überantworten.
Meine Erinnerungen hebe ich vor allem in Schuhschachteln auf. Nicht beschriftet, nicht systematisch geordnet, aber auch nicht beliebig abgelegt. Die Briefe aus der Zeit, als ich in Paris lebte, befinden sich beispielsweise größtenteils in einer roten Schachtel sündhaft teurer Schuhe mit der tatsächlich zufälligen Aufschrift: "Pulverisierte Revolution".
Am 1. Jänner dieses Jahres habe ich mich daran gemacht, Schreibtischladen auszuräumen, Schuhschachteln aufzumachen, vergilbte Erinnerungen der Vergangenheit zu überlassen, verstaubte Erinnerungen aufzufrischen. Manches macht mich lächeln, manches macht mich traurig, manches glücklich und manches frustriert. Was mich dabei heuer besonders frustrierte, waren die Wiederholungen.
In einem Brief einer Freundin vom Jänner 1991 finde ich die Zeilen: "An einem Tag, wo wir mit Ohnmacht dem Krieg entgegen gehen, haben wir nur eine Wahl: Uns an der Liebe festzuklammern und zu hoffen, daß die Liebe doch noch siegen wird." - Damals waren wir 19. Der Krieg war der Krieg der USA und Europas gegen den Irak und die sogenannte arabische Welt. Im Jänner 2003 höre ich in der Früh im Radio einen Präsidenten, der nicht der selbe ist und doch genau so heißt wie der damalige, sagen: "Der Sieg ist uns sicher, denn wir haben das beste Militär der Welt." Der Krieg, in dem der Präsident siegen will, ist der Krieg der USA gegen den Irak.
In einem Brief einer anderen Freundin vom November 1990 lese ich: "Es ist schon ernüchternd, daß sich im Großen und Ganzen trotz Frauenbewegung nichts geändert hat. So- genannte emanzipierte Partnerschaften sind immer noch die großen Ausnahmen. Ich erlebe das jedes Mal, wenn wir in die Steiermark fahren (und nicht nur dort)."
Bei einem Workshop in der Frauenhetz im November 2002 widerspricht eine junge Frau aus Tirol vehement der These, dass das Patriarchat zu Ende sei (Libreria delle Donne di Milano). Sie erzählt von der Unterdrückung von Frauen in ihrem Heimatdorf und der Gewalt, die Frauen dort tagtäglich angetan wird.
Und auch in meinem Leben gibt es Wiederholungen, die mich frustrieren. Immer der selbe Anfang, die Sehnsucht, das Glück. Immer der selbe Abschied, die Trauer, der Schmerz.
1992 notierte ich in mein Tagbuch: "Adieu, sagte die alte Dame. - Auf Wiedersehen in einem anderen Leben, sagte das kleine Mädchen, das seine Hoffnungen immer noch nicht loslassen wollte." Im Jahr 2002 liest sich das so: "Als ich an jenem Morgen neben dir aus meinem Traum erwachte, da dachte ich doch tatsächlich für einen Augenblick, du könntest Wirklichkeit sein."
"In Österreich haben sie alle Bälle abgesagt, auch den Opernball", schrieb mir meine Großmutter im Februar 1991 nach Paris.
Im Februar 2003 war ich auf dem Regenbogenball.
Vielleicht wird es keinen Krieg der USA gegen den Irak geben.
Vielleicht wird die junge Frau aus Tirol ein selbstbestimmtes, selbstbewusstes Leben führen.
Vielleicht wird die große Königin mit den bernsteinfarbenen Augen irgendwann die blauäugige Königin mit den großen Träumen küssen.

 

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