Entschleunigung der
Beschleunigung, damit
aus einem Streifen in
der Landschaft
wieder ein Zug wird...
Foto: Michaela Bruckmüller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Margarete Purkarth:
"An uns soll man in
Krems, gerade was
frauenpolitische
Themen betrifft, nicht
vorbeikommen."
Foto: Gabi Horak

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lilith, Frauenberatung,
Frauencafé
Öffnungszeiten:
Mo, Di, Do 9.00-13.00,
Mi, Fr 15.00-19.00
Steiner Landstraße 76,
3504 Krems/Stein,
T. 02732/85 555,
e-mail: frauenplattform.krems@aon.at

 

Spenden sind natürlich
jederzeit willkommen:
Raiffeisenbank Krems
BLZ 32397,
Konto Nr.: 105 775

 


Entschleunigung der Zeit

Zwei Jahre schwarz-blaue Regierung brachte viele österreichische Fraueninitiativen ins Wanken. Mancherorts werden aber TROTZdem neue autonome Frauenräume gegründet. Ein strahlendes Beispiel: "Lilith" - Frauencafé und Frauenberatung im niederösterreichischen Krems an der Donau. Von Gabi Horak

Es riecht nach Kaffee. An den Wänden des hellen Raumes hängen farbenfrohe Bilder, ein Regal ist bestückt mit Zeitschriften: an.schläge, Emma, Welt der Frau, Frauensolidarität. Eine bunte Auswahl, ganz ohne "Woman" - hier mache ich's mir gerne gemütlich.
Ich besetze den letzten der drei runden Tische im Frauencafé "Lilith" und fühle mich wohl. Die entspannte Atmosphäre färbt sogleich auf mich ab, und aus dem verabredeten Interview mit Vereinsobfrau Margarete Purkarth wird sehr bald ein freundschaftliches Plaudern. Gespräche über den Existenzkampf feministischer Initiativen in Österreich bei Kaffee und Keksen: Eine der vielen Varianten Kremser Gemütlichkeit.

Frauenplattform. Dabei haben die Gründe, weshalb sich vor zwei Jahren etwa 20 Frauen aus allen politischen Lagern und Religionen versammelten, gar nichts mit Gemütlichkeit zu tun. Die realen Benachteiligungen von Frauen in unserer Gesellschaft und die chronische Unterversorgung mit Frauenberatungsstellen in Niederösterreich - besonders im Raum Krems - veranlaßten die Initiatorinnen, eine Frauenplattform zu gründen. Es gibt zwar eine Vielzahl beratender Organisationen in Krems, doch keine, die sich explizit an Frauen wendet und auf die spezifischen Probleme von Frauen in Form eines besonderen Angebots eingeht. Die nächst gelegenen Frauenberatungsstellen in Niederösterreich befinden sich in Zwettl (Entfernung: 50 km) oder in Hollabrunn (60 km). "Krems ist grundsätzlich ein sehr konservatives Pflaster", sagt Margarete Purkarth, "Wir veranstalten einen Seiltanz zwischen dem schon-was-bewegen-wollen und dem nicht-so-radikal-sein, um nicht gleich alle zu verschrecken."
Die "Frauenplattform Krems" begreift sich als überparteiliches und überkonfessionelles, aber hoch politisches Forum für interessierte und engagierte Frauen. Erste Weiterentwicklung der im Jänner 2000 gegründeten Plattform war die Installierung eines regelmäßigen Frauen-Jour Fixe. Im Mai 2001 wurde dann der "Verein zur Unterstützung der Frauenplattform Krems" gegründet, um eine rechtliche Form zu finden, die es ermöglichte, das Frauenprojekt "Lilith" zu starten. Schon am 30. November fand die Eröffnung von Frauencafé und Frauenberatung statt. "Am Freitag haben wir aufgesperrt und am Montag um neun stand schon die erste Frau vor der Tür", berichtet Margarete Purkarth über den von Anfang an regen Zustrom zu den Beratungsangeboten.

Frauencafé. Lilith begegnet frau in den unterschiedlichsten Mythen. Manchmal ist sie ein Nachtwesen, eine Todesgöttin oder auch eine wunderschöne, stolze Männerverführerin. In der hebräischen Mythologie ist Lilith die erste Frau Adams, wie er aus Erde geschaffen und ihm gleichgestellt. Adam kann mit dieser Konstellation jedoch nicht umgehen, Lilith weigert sich, seine Untergebene zu sein und erhebt sich "in die Lüfte der Welt". Nie ist Lilith die Besiegte, sie ist die ebenbürtige und unabhängige Frau. Autonom im Sinne von unabhängig und feministisch im Sinne von parteilich, selbstbestimmt, ganzheitlich: So formuliert das Frauenprojekt "Lilith" seine Grundsätze. Das Frauencafé soll Treffpunkt für Frauen und Frauen mit Kindern sein. "Manche kommen und wollen reden, andere wollen einfach Kaffee trinken", sagt Margarete Purkarth, "Es soll auch eine Entschleunigung der Zeit sein, ein Treffpunkt, der nur Frauen offen steht. Denn ich bin schon der Überzeugung, daß Frauen, die mit anderen Frauen in Beziehung treten, irgendwie das Maß der Dinge verändern. Männern wird diese Wichtigkeit genommen. Das menschliche Maß in unserer Gesellschaft ist ein männliches. Und das soll sich hier verändern."
Um das Frauencafé auch weiterhin mit Leben zu füllen, sind zahlreiche Veranstaltungen geplant. Lesungen und Ausstellungen sollen Frauen Platz geben, ihre Kreativität darzustellen. Eine andere Idee, deren Verwirklichung nicht zuletzt von der Finanzierbarkeit abhängen wird, ist eine Reihe zu feministischem Bewußtsein. "Ganz niederschwellig, beginnend", erklärt Margarete Purkarth, "keine Theorienbildung, sondern die Frauen sollen dieses Aha-Erlebnis haben und sich selbst wiederfinden können". Zu diesem Zweck steht auch eine relativ umfangreiche Leihbibliothek zur Verfügung, wo frau in Bücher hineinlesen kann, die in der Kremser Stadtbibliothek wohl nicht zu finden sind.

Frauenberatung. Grundidee von "Lilith" ist es, eine Drehscheibe für unterschiedliche Beratungsangebote zu sein und so die vorhandenen Ressourcen speziell für Frauen nutzbar zu machen. In Krems ansässige Organisationen wie der psychosoziale Dienst der Caritas, der Verein Zentrum für Beratung oder das Sozialamt Krems stellen Beraterinnen und Beratungszeit zur Verfügung. Die Interventionsstelle gegen Gewalt an Frauen und Kindern in der Bundeshauptstadt St. Pölten wird einmal im Monat nach Krems kommen. Erste Kontaktgespräche führen gegebenenfalls die ausgebildeten Mitarbeiterinnen von "Lilith", und auch die mit den Organisationen vereinbarten Beratungsgespräche finden in den Räumen von "Lilith" statt und sind kostenlos.
Neben diesen Einzelberatungen wird gerade an einem Programm für Gruppenberatungen zu Themen wie Eßstörungen, Sexualität, Klimakterium oder Osteoporose gearbeitet. Eine Alleinerzieherinnen-Gruppe ist bereits fixiert. Krems als große Schulstadt benötigt vielfältige Mädchenberatungsangebote, die den jungen Frauen schnelle, anonyme und unbürokratische Hilfe geben können. Zweite große Herausforderung sind spezifische Angebote für Migrantinnen. "Es gibt viele türkische Migrantinnen in Krems und Umgebung, die sehr isoliert leben. Die sind zwar untereinander organisiert, aber gesellschaftliche Integration in dem Sinne, daß sie auch in Erscheinung treten, gibt es nicht", erklärt Margarete Purkarth. Ein Deutschkurs mit 15 Teilnehmerinnen läuft bereits. Die Frauen zahlen 3,60 EURO für vier Kurse in der Woche; müssen sie aus welchen Gründen auch immer ein paar Einheiten auslassen, brauchen diese auch nicht bezahlt werden.

Frauenpolitik. Der Verein beschäftigt derzeit zwei Frauen für die Frauenberatung "Lilith" geringfügig, eine weitere ist mit Hilfe einer AMS-Förderung 20 Stunden angestellt. Freilich sind es Stunden und mittlerweile Jahre ehrenamtlicher Arbeit, die das Projekt überhaupt ermöglichen. Finanzielle Unterstützung kommt vom Sozialministerium, dem Land Niederösterreich sowie von der Katholischen Frauenbewegung. Die Stadt Krems hat (finanzielle) Unterstützung zugesagt. Sozialstadträtin und Vizebürgermeisterin Inge Rinke war eine der Gründungsfrauen der Frauenplattform. Ihrer Prominenz ist es wohl auch zu verdanken, daß die Initiative es doch immer wieder in die lokalen Medien geschafft hat. Denn die sind "nicht gerade frauenfreundlich", befindet Margarete Purkarth. Dabei enden die Ambitionen des Vereins keineswegs im Angebot von Gespräch und Beratung. Die Obfrau stellt klar: "Das Frauenprojekt hat einen hochpolitischen Hintergrund. Es soll zumindest eine Kraft in Krems werden, an der man gerade bei frauenpolitischen Themen nicht vorbeikommt." Selbstvertrauen stärken zählt zu den erklärten Zielen von "Lilith" und mit Selbstvertrauen formulieren sie ihre Forderungen.
Das tut auch mir gut und gibt neue Kraft. Ich stelle aktuelle Ausgaben der an.schläge in das Regal und nur zögernd öffne ich die Glastür ins Freie. Dort erwartet mich der eisige Wind, der an solchen Tagen am Ufer der Donau durch die engen Gassen pfeift. Wiederkommen - nehme ich mir vor. Und das nächste Mal bring' ich die Kekse mit.

 

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