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Keine Zeit mit Verstecken vergeudet |
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an.schläge: Wann und wie hattest du eigentlich dein lesbisches Coming Out? Suzana Tratnik: Bewusst daüber nachzudenken habe ich mit ungefähr zwölf begonnen. Ich habe lesbische Passagen in Schundromanen gelesen, die mir einiges über meine eigenen Gefühle gesagt haben. So richtig mit anderen über meine Orientierung zu reden begann ich in meiner Studienzeit. Sehr bedeutend waren für mich die Magnus-Festivals der Jahre 1984-1988 in Ljubljana. Und vor allem die große internationale ILIS-Konferenz in Genf 1985, wo ich mit 800 Lesben aus der ganzen Welt zusammentraf. Eine irre Erfahrung! Von dort nach Jugoslawien zurück zu kommen – bezüglich Lesbenbewegung praktisch ins Nichts –, empfand ich als sehr bedrückend. Aber auf Dauer hat die Erfahrung mich natürlich beflügelt, auch in Slowenien eine Lesbengruppe und Aktivitäten zu starten. Und ich deklarierte mich bei einer Menge meiner FreundInnen offen als Lesbe. Ich hatte keine Lust, Zeit mit dem Verstecken zu vergeuden. Wann hast du angefangen, Literatur zu veröffentlichen? Schon als Gymnasiastin habe ich Geschichten für ein Jugendmagazin geschrieben und war bei einem literarischen Zirkel, der eine schräge Literaturzeitschrift mit experimentellen Texten herausgab. Mein erstes Buch kam 1998 heraus: Ich gewann bei einem Kurzgeschichten-Wettbewerb für Frauen einen Preis. So ist der SKUC-Verlag auf mich aufmerksam geworden und wir machten „Pod niclo“ (dt. „Unterm Strich“ 2002). Du bist eine vielseitige aktive Person: Graduierte Soziologin, Aktivistin, Übersetzerin, Autorin, Rezensentin ... ... Und ich organisiere zusammen mit anderen das Lesben- und Schwulenfilmfestival von Ljubljana ... Kannst du diese vielen Facetten deiner Aktivität von der Bedeutung her in eine Rangreihe bringen? Die Soziologie ist momentan stark ins Hintertreffen geraten. Seit ich auch noch eine Magisterarbeit über Lesbenliteratur gemacht habe, hab’ ich keine Zeit mehr für die Sozialwissenschaften. Ich träume zwar davon, eines Tages eine Dissertation über homosexuelle Aspekte in slowenischen und jugoslawischen Filmen zu machen, aber es fehlt mir die Zeit dafür, und vor allem das Geld. Wie beurteilst du die Veränderungen seit der Separierung der jugoslawischen Republiken – speziell für die Lesben- und Schwulenbewegung? Für die Bewegung war die Unabhängigkeit Sloweniens nicht unbedingt ein Wendepunkt. Die wichtigen Veränderungen im Bereich der sogenannten Zivilgesellschaft haben schon viel früher begonnen: Es gab in den 80er Jahren eine kritische und heftige Punk-Bewegung, Friedensinitiativen, feministische Inhalte, Zivildienstdebatte. Dann: das Gay Festival von 1984 und zahlreiche lesbische Initiativen. Das waren nicht nur für mich persönlich bedeutsame Ereignisse, sondern auch für die Geschichte im Land insgesamt. Wie siehst du die Zugehörigkeit Sloweniens zur EU – und was erwartest du dir davon? Es sind noch nicht alle Veränderungen in der Gesellschaft ganz sichtbar. Es gibt viele Bereiche, in denen die Zukunft noch ziemlich unklar ist. Etwa die Wohnungs-Politik. Werden die Mieten drastisch steigen? Was wird geschehen, wenn wir den Euro haben? Ich bemerke einen starken Vormarsch der KonsumentInnen-Mentaltiät. Das ist verbunden mit dem Übergang vom sozialistisch-kommunistischen Regime zur Freien Marktwirtschaft und deren Denken. Ich kann sagen, dass die Mittelschicht bis dato „gewonnen“ hat: die fantastische Möglichkeit nämlich, alles und jedes zu kaufen, inklusive Kultur, Kunst, Körper, Sex – einfach alles. All die großen Einkaufszentren, Interspars, Freizeitparks, Wasserparks, die Mega-Kino-Center, die alles andere sind als Häuser der Kultur. Gibt es auch Vorteile durch die EU-Zugehörigkeit? Gut ist, dass Lesben- und Schwulenrechte internationalisiert verhandelt werden: zwischen allen EU-Ländern, von denen einige erstaunlich weit vorangekommen sind. Unsere Politiker neigen dazu, in Slowenien nicht die „ultra-liberalen“ Länder kopieren zu wollen. Aber sie wollen auch nicht, dass Slowenien mit intoleranten Regimes verglichen wird. Auf einem anderen Blatt steht, dass Slowenien ganz einfach nicht zu jenen wirtschaftlich schwachen Ländern gehört, die von der EU finanziell gefördert werden. Das hat sich auf die NGOs ausgewirkt, auch auf lesbisch-schwule NGO-Arbeit. Die EU-Töpfe sind nicht gerade leicht anzuzapfen für Vereine mit geringen Ressourcen, die großteils ehrenamtlich arbeiten. Wie würdest du die aktuelle Situation bezüglich Frauen-, Lesben- und Minderheiten-Rechte beschreiben? Ich bin wirklich wütend und enttäuscht. Slowenien hatte in den 80ern einen guten Start. Aber die gegenwärtige Politik führt das Land rückwärts. In einen Zustand der Provinzialität, wo Frauen auf den Status des gutaussehenden, gut kochenden Objekts reduziert werden. Es ist zum Verrücktwerden, wenn man rigide Nationalisten und Chauvis ständig über die Notwendigkeit des Schutzes für die „normale Mehrheit“ reden hört. Sie beschweren sich darüber, dass es zu viel Öffentlichkeit für die Diskussion über Gleichberechtigung für Lesben und Schwule gibt, und über die Rechte der Roma. Du bist Übersetzerin und hast schon etliche lesbisch-feministische und queere Klassikerinnen übersetzt. Was waren dabei die „härtesten Nüsse“? Die härteste Nuss bis jetzt war Butlers „Gender trouble“ (1990), slowenisch 2001 als „Tezave s spolom“ erschienen. Ein hoch komplexes theoretisches Werk mit vielen Referenzen auf klassische Theorien, besonders die Psychoanalyse. Ein Problem war auch die Übersetzung von Terminologien wie „transgender“, „sex/gender“ usw. Das Erarbeiten einer solchen Übertragung heißt immer wieder, in der eigenen Sprache Begriffe zu entwickeln und Sprache zu schaffen. Der Roman „Ime mi je Damjan“ war in Slowenien sehr erfolgreich. Bist du mit den Reaktionen zufrieden? Er ist vielfach als Jugendroman kategorisiert worden, der sich mit Fragen von Identität, sexuellem Missbrauch und Suchtproblematik befasst. Ich selbst halte ihn nicht für einen
Jugendroman. Anstrengend waren Fragen wie: „Wer“ Damian ist: Ob das eine Person ist, die ich kenne? - Und: „Was“ Damian „wirklich“ ist: Eine Butch-Lesbe? Oder ein Frau-zu-Mann Transgender? Darauf kann und will ich den LeserInnen keine festlegende Antwort geben. |