Definitiv keine Hausfrau
Sarah Bettens war kürzlich in der ausverkauften Wiener Szene zu Gast. Renate Billeth und Gabi Horak sprachen mit der k’s Choice Frontfrau über ihre Solokarriere, lesbische Liebe, George W. Bush und die Notwendigkeit feministisch zu handeln.

 

Sarah Bettens ist einfach eine extrem nette Frau. In Schlabberhose und T-Shirt sitzt sie uns im Garten der Szene gegenüber und plaudert von ihren Leidenschaften, von Musik und Liebe. Genauso sympathisch sitzt sie etwas später auf der Bühne und begeistert allein durch ihre Präsenz. Kein Wunder, dass die Songs dann auf der Platte nicht mehr ganz so begeistern können: Sie sind zu glatt produziert, nicht direkt genug. Sarah Bettens live ist eben schwer zu übertreffen!

an.schläge: Seit kurzem bist du mit Leef!, dem Titelsong zum gleichnamigen niederländischen Film, auch auf flämisch zu hören. Wie kam es dazu?

Sarah Bettens: Die Autorin des Films, Maria Goos, mag k’s Choice und hat beim Schreiben oft unsere Songs gehört. Es war ihre Idee, mich um den Soundtrack zu bitten. Zuerst war ich skeptisch, fühlte mich ein wenig unwohl bei dem Gedanken, in meiner Muttersprache zu singen. Es kam mir irgendwie nicht natürlich vor. Aber ich liebe Herausforderungen, also wollte ich es tun. Vor allem nachdem ich den Film gesehen hatte, der wirklich großartig und inspirierend ist.

Leef! erzählt die Geschichte einer Frau, die jahrelang für ihre Familie lebt und schließlich beschließt, sich um sich selbst zu kümmern. Eine Strophe deines Songs lautet: „Ich habe nicht immer richtig gelebt, aber doch etwas schönes gelernt, und ich lebe!“ Ist das auch dein Motto?

Ja. Ich finde, Menschen sollten immer eine zweite, dritte, eine zehnte Chance bekommen. Wir alle machen große Fehler und sollten immer neu anfangen können. Es ist eigentlich ein sehr deprimierender Film, zumindest bis zehn Minuten vor Schluss. Es gab mir viel Hoffnung zu beobachten, wie diese Menschen sich irgendwie allein fühlen und dennoch genug im Moment leben um zu sagen: Jetzt ist jetzt und ich beginne von diesem Punkt an neu – die Vergangenheit ist Vergangenheit.

Du hast dich selbst in früheren Interviews als Feministin bezeichnet. Was bedeutet das für dich?

Es ist ein sehr breiter Begriff. Für mich bedeutet er – und ich beobachte das bei einer Menge Frauen in meinem Alter – dass Frauen noch immer um ihren Platz kämpfen müssen. Ich hab Glück und bin in einer guten Position: Wenn jemand meine Musik mag, werde ich genauso viele Tickets verkaufen wie ein Mann. Darum bin ich sehr glücklich mit dem, was ich tue. Aber es gibt so viele Kulturen, in denen von Frauen nichts anderes erwartet wird, als dass sie kochen, aufräumen und die Kinder betreuen. Selbst in unserer westlichen Kultur, etwa in Tennessee, wo ich lebe, herrscht dieselbe konservative Meinung darüber, was von Frauen erwartet wird. Auch wenn das niemand den Frauen jemals direkt sagt. Aber es wird dadurch transportiert, wie die Welt um sie herum funktioniert. Es wird irgendwie von ihnen erwartet, dass sie nicht mehr vom Leben erwarten. Es ist noch immer so ein Tabu für eine Frau mehr zu wollen: In einer Ehe ohne Liebe, ohne Leidenschaft.
Diese Frauen stoßen – auch in meinem Freundeskreis – auf engstirnige FreundInnen, die sagen: „Was ist los? Du hast alles was du brauchst: finanzielle Sicherheit, du kannst untertags machen was du willst, du kannst einkaufen gehen, deine Kinder sind glücklich, was willst du denn noch mehr vom Leben?“ Das ist es, wie viele Gesellschaften, und zwar nicht nur Männer sondern auch viele Frauen, noch immer denken. „Du hast einen Ehemann, der dich nicht verprügelt und der dich mag – was willst du mehr?“ Feministin zu sein bedeutet für mich, nicht so zu sein, sondern viel vom Leben zu erwarten. Ich erwarte eine Menge von meinem Leben und von den Menschen rund um mich. Als Frau – vor allem als Künstlerin, die auch ein wenig im Rampenlicht steht – fühle ich mich verpflichtet, anderen Mädchen und Frauen zu zeigen, dass wir tun und lassen können, was immer wir wollen!

War es für dich schwer Karriere zu machen und nicht zuhause zu bleiben?

Nein, bei mir ging damals alles so schnell. Ich hab ein Jahr lang Fotografie studiert, und plötzlich war da diese Single von mir im Radio und ich hatte jeden Tag zu tun. Es war keine bewusste Entscheidung: Werde ich Hausfrau oder mache ich Karriere? Es ist einfach passiert. Meine Mutter war Hausfrau und sehr glücklich. Darum dachte ich immer, meine Mama ist eine glückliche Hausfrau, das ist für sie gut, also werde ich das gleiche machen, aber offensichtlich hat das nicht geklappt! Ich bin glücklich, aber ich bin definitiv
keine Hausfrau. Ich habe zwei Stiefkinder, das ist das großartigste im Leben und manchmal denke ich über eigene Kinder nach. Aber dann denke ich, dass ich nicht sicher bin, ob ich dafür gemacht bin. Wirklich hundertprozentig da zu sein, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Jede Frau sollte in der Lage sein selbst zu entscheiden, ob sie das will. Meine Freundin ist Hausfrau und Mutter und sie macht das fantastisch – ich hab den größten Respekt dafür.

Ist dein Soloprojekt auch eine Art Emanzipation von der Band k’s Choice?

Ein bisschen. Es hat etwas von dem Gefühl: Ok, ich kann das machen. Ich kann da alleine rausgehen. Nicht, dass ich im Schatten meines Bruders oder von k’s Choice gestanden hätte. Allerdings glaubten die Leute oft, mein Bruder hätte die meisten Songs von k’s Choice geschrieben – einfach weil er der Mann ist. Nun mein eigenes Album zu machen, es selbst aufzunehmen, meine eigene Band zusammen zu stellen, alle künstlerischen Entscheidungen selbst treffen, meine eigene Karriere zu planen – ja, das ist ein befreiendes Gefühl.

Wird es k’s Choice weiterhin geben?

Ich weiß nicht. Wir gehen in ein paar Wochen zusammen nach Südafrika auf Tour. Aber ob wir ein neues Album gemeinsam machen werden, wissen wir nicht. Wir stecken beide gerade mitten in unserer Solokarriere und finden raus, wie das so ist. In etwa einem Jahr werden wir vielleicht wissen, was die Zukunft bringt.

Der Sound deines aktuellen Albums „Scream“ unterscheidet sich nicht sehr vom k’s Choice Sound. Fühlst du dich dort einfach zuhause, oder ist das Album nur der erste Schritt auf dem Weg in eine andere musikalische Richtung?

Ich versuche nicht zu viel über die Richtung nachzudenken, in die ich gehen möchte. Ich möchte nur gute Lieder schreiben und ich will, dass mein Album sich von anderen abhebt. Ich habe mich nicht von k’s Choice getrennt, weil ich eine andere Musik machen wollte, sondern weil wir beide dachten, dass wir mal etwas anderes machen wollten. Wir haben ja immer nur zusammen gearbeitet. Der Neustart war gut für mich. Zurück zum Wesentlichen: mich hinsetzen und meine Songs mit einer akustischen Gitarre spielen. Lieder für Menschen spielen.

In deinen Texten spiegelt sich auch dein Coming Out vor etwa drei Jahren wieder. Wie ist das Leben so „on the other side“?

Es ist ein fantastisches Gefühl! Anfangs wollte ich nicht viel darüber sprechen, weil es auch für mich ganz neu war und ich nicht das Gefühl hatte, dass ich irgendwas Spannendes darüber sagen könnte. Was kann ich schon beitragen, dachte ich, ich werde mich idiotisch anhören. Es dauert einfach eine Weile, bis man sich zurechtfindet. Aber nachdem ich einmal begonnen hatte mich selbst dabei wohl zu fühlen, war ich auch glücklich darüber zu reden – je mehr, desto besser. Nicht direkt über mein Privatleben. Aber darüber, was es heißt, lesbisch zu sein. Wie sich dadurch für mich die Dinge verändert haben. Auf gleiche Weise wie ich meinen Beitrag als Feministin leisten möchte, möchte ich auch in dieser Sache meinen Beitrag leisten. Ich möchte 15jährigen Mädchen, die verwirrt sind, zeigen, dass das o.k. ist. Wenn du so bist, dann ist das auch wie du sein sollst. Warte nicht, bis du 28 bist so wie ich!

Du hast gesagt, du hättest die Liebe deines Lebens gefunden. Würdest du nochmals heiraten, diesmal eine Frau? Als Belgierin dürftest du das.

Ja, wir haben darüber nachgedacht. Es ist eine schwierige Entscheidung. Denn in den USA, wo wir ja leben, ist es nicht legal. Irgendwie möchten wir gerne warten, bis wir wirklich heiraten können, bis wir also auch unsere Steuern gemeinsam veranlagen können – denn dann bedeutet es auch dort was, wo wir leben. Andererseits glauben wir, dass das zu lange dauern wird, und wir vielleicht nicht die Geduld haben werden zu warten. Also vielleicht heiraten wir doch in Belgien. Wir warten mal ab, wie sich das Klima verändert, wenn Bush aus dem Amt ist.

Du bist in Europa aufgewachsen, lebst aber schon recht lange in den USA. Wo bist du zuhause?

Wo ich jetzt lebe. Ich fühle mich auch noch in Belgien zuhause. Es ist mir vertraut, ich weiß wie die Leute denken, und ich kann die Straßenschilder lesen. Aber wenn ich im Flugzeug Richtung USA sitze, dann fliege ich nach Hause, wo meine Freundin und meine Kinder sind. Das ist jetzt Tennessee, könnte aber überall sein. Ich fühle mich nicht so sehr einem Ort verbunden, auch nicht mehr Belgien. Ich möchte mit meiner Familie zusammen sein. Wo
das ist, spielt keine große Rolle.

USA und Europa entfernen sich in vielen politischen Fragen immer mehr voneinander. Stichwort „Krieg gegen den Terror“, Umweltthemen. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

In den nächsten Jahren wird es vielleicht keinen Deut besser, die religiöse Rechte ist in den USA sehr stark und die Leute sind wahnsinnig ängstlich wegen 9/11 und dem Irakkrieg. Ich hoffe, dass diese Angst irgendwann wieder verschwinden wird und die Menschen wieder ihren Verstand gebrauchen. Und dass wir einen neuen Präsidenten bekommen, der vernünftiger und besonnener handelt. Die Hälfte der Leute in den USA wollen nicht, dass Bush regiert, sind nicht mit dem Irakkrieg einverstanden, fürchten sich nicht vor einem zweiten 9/11 und stützen ihre Entscheidungen nicht auf irgendwelche Katastrophen. Sie horten nicht ihre Nahrungs- und Wasservorräte. Ich hoffe, dass diese Leute wieder die Oberhand gewinnen werden, und dass dieses Land zur Ruhe kommt. Der Ruf Amerikas in Europa ist derzeit sehr schlecht. Das ist sehr schade, denn sie sehen nur die eine Seite und die andere Seite ist großartig. Sie ist sehr liberal, offen und freigeistig. Aber leider bekommen diese Leute nicht die gleiche politische Stimme wie die andere Seite.

Möchtest du in deinen Songs auch eine politische Botschaft transportieren?

Ja, ein wenig. Ich glaube, ich hab das mit k’s Choice nie getan. Aber ich möchte es mehr und mehr. „Come over here“ ist ein Lied übers Coming out. „Not insane“ handelt davon, open minded zu sein. „So she says“ handelt über eine Frau, die gefangen ist in dem, was von ihr erwartet wird und die nicht wirklich das tun kann, was sie möchte. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass ich Stellung beziehen muss, und ich mach mir auch mehr Gedanken als früher.

Übersetzung von Renate Billeth