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Dieses Plakat anzuschauen ist wie jemanden über die eigenen Füße stolpern sehen. Es passiert dir nicht selbst, aber es ist trotzdem so peinlich, dass es schon fast weh tut. Die Rede ist von dem Plakat mit der halb barbusigen Frau, das die Ausstellung: „Harem: Geheimnis des Orient“ in der Kunsthalle Krems bewirbt. Gezeigt werden europäische Haremsdarstellungen aus dem 19. Jahrhundert. Sex sells halt auch Kunst – gerade noch rechtzeitig, bevor im Winter Bootstouren ungemütlich und damit auch selten werden. Noch können Frau und Mann nach dem Schifferlfahren in Krems an der Donau verweilen, um Nackerte schauen zu gehen.
Schleierhaft.
Eines der wenigen gelungenen Dinge dieser Ausstellung ist der Titel, weil er genau sagt, was frau erwartet: Der Harem wird Geheimnis bleiben. Gezeigt werden „Alltagsszenen“, „Haremsdamen“ beim Tanz oder, „wenn sie nicht gerade ihren Herrscher verwöhnen durften, einfach beim Müßiggang“ (O-Ton Pressetext!). Bildliche Gegendarstellungen fehlen mit dem Hinweis auf das Bilderverbot des Islam. Auch die Begleittexte an den Wänden kritisieren das Orient- und Frauenbild des 19. Jahrhunderts nicht, was ohnehin unzureichend wäre, nachdem diese Texte nicht von allen BesucherInnen gelesen werden. Schon klar, es handelt sich nicht um eine historisch-soziologische Ausstellung, obwohl die Hinweise, dass auf den Exponaten nicht die Realität abgebildet wurde, sehr dürftig sind. Erstaunlicherweise bleibt frau aber leider auch völlig unbehelligt von jedweden biografischen Details oder dem künstlerischen Werdegang der Maler, seien sie auch Größen wie Eugène Delacroix oder Jean-Auguste Dominique Ingres.
BesucherInnen können sich, um Nackte zu sehen, darauf ausreden Kunst zu konsumieren. Die Maler haben die Ausrede Kunst produziert sowie im 19. Jahrhundert gelebt zu haben und im Übrigen tot zu sein. Aber unter welchem Vorwand machen die KuratorInnen eine solche Ausstellung? Direktor und Kurator Tayfun Belgim meint den Dialog zwischen „Ost“ und „West“ zu fördern. Der Dialog zwischen Belgim als Kurator und den BesucherInnen ist jedenfalls gründlich misslungen. Dazu eine wahre Begebenheit: Ein bürgerlich und gut situiert wirkendes Pärchen steht vor dem Bild eines Sklavenmarktes. Er zweifelt: „Also das glaub ich nicht, dass die da alle nackt waren“. Sie klärt ihn auf: „Na aber sicher! Muss sie doch, wenn er sie für den Harem kauft. Da muss er doch sehen, was er bekommt“. Belgim irrt sich also, wenn er glaubt sehr wohl klargestellt zu haben, „dass es sich um die Sicht und Fantasie des Westens handelt“(1).
Verschleiert. Im Begleittext zu den Sklavenmarktszenen heißt es sinngemäß, dass Frauen nackt und schutzlos den Käufern ausgeliefert dargestellt wurden, um den Herrschaftsanspruch des Mannes noch zu verdeutlichen. Da ist ein Hauch von Kritik herauszulesen, ansonsten ist der Grundtenor ein augenzwinkernd komplizenhafter. Nicht nur, dass die verklemmte, spießige Art, auf die im 19. Jahrhundert nackte Frauen nur in einer „anderen“, nicht-europäisch-gegenwärtigen Welt dargestellt wurden, ohne die Distanz fast zweier Jahrhunderte einfach fortgeführt wird. Es wird auch kein Sterbenswörtchen über den europäischen Kolonialismus verloren. Am Vorabend der endgültigen „Entdeckung“ Afrikas und Asiens wurde Frauen zugeschrieben, reine Gefühlswesen zu sein. Sie wurden eher dem Tierreich zugeordnet, als dass ihnen männlich-menschlicher Verstand zugetraut wurde. Die Betonung und Darstellung der Sexualität der „Orientalinnen“ oder des, die weiße Frau raubenden, „Orientalen“ rückte diese ebenfalls ins Reich der Tiere, betonte so ihre Minderwertigkeit und rechtfertigte die Unterwerfung der AfrikanerInnen und AsiatInnen, denen das Licht der Aufklärung gebracht werden musste. Aber diese Sätze wären wahrscheinlich kein so gutes Verkaufsargument für bunte Seidenschals, orientalische Sitzkissen und die übrigen Haremsdamenaccessoires, die im Museumsshop feilgeboten werden.
(1) In: „Der Waldviertler“, Zeitung für Wirtschaft – Kultur – Freizeit, Nr. 36
Tipp:
Aus einem differenzierteren Blickwinkel beschäftigen sich mit dem Orient Andrea Brunner und Friederike Grühbaum von „funkundküste – Verein zur Förderung von Kunst im sozialen Raum“ mit einer Installation im Schaufenster ihres Vereinslokals und Offenen Ateliers in der Steiner Landstraße 14 in Krems, ganz in der Nähe der Kunsthalle.
Buchtipp:
Fatima Mernissi: Harem – westliche Phantasien, östliche Wirklichkeit. Herder Spektrum, 2001, Euro 9,90 |