Gender.Ethnie.Raum
Gebauter Raum ist nicht neutral. Diskriminierungen aufgrund von Gender und Ethnie manifestieren sich nicht nur auf gesellschaftlicher und sozialer Ebene, sondern sind ebenso im Raum ablesbar. Von Silke Stanjko


Foto: Silke Stanjko

Der Begriff Raum wird je nach Fachrichtung und Perspektive anders definiert. Für die Architektur und Stadtplanung sind vor allem der physisch wahrnehmbare Raum sowie die sich darin abspielenden sozialen Prozesse von Bedeutung.
Bereits im Rahmen der Ersten Frauenbewegung gab es innerhalb der Planung Ansätze, die sich konkret mit der Situation von Frauen befassten, wobei die Erleichterung der Hausarbeit im Vordergrund stand. Diese Bewegung manifestierte sich in Form von Wohnprojekten mit zentralen Einrichtungen zur Verrichtung der Hausarbeit, wie z.B. Gemeinschaftsküchen, Waschküchen und Kinderbetreuungseinrichtungen. Im Laufe der Zweiten Frauenbewegung wurde eine umfassendere Kritik an vielen Bereichen der Planung formuliert. Ausgangspunkt war der unterschiedliche Lebens-alltag von Frauen und Männern. Es wurde kritisiert, dass die Ansprüche und Bedürfnisse von Frauen in der Stadtplanung und Architektur keine Beachtung fanden und man sich an der "männlichen Normalbiographie" orientierte. Die Wohnung wurde etwa vorwiegend als Ort der Erholung konzipiert, Aufgaben wie Hausarbeit und Kinderbetreuung, die zum Großteil von Frauen durchgeführt werden, fanden weder in den gängigen Wohnungsgrundrissen, noch in der Wohnumgebung oder innerhalb der Stadtplanung Beachtung.
Viele Konzepte, die sich aus diesen Forderungen heraus entwickelten, haben mittlerweile Eingang in einen breiteren Diskurs gefunden, wie z.B. die Stadt der kurzen Wege, Funktionsmischung auf städtebaulicher Ebene, Beteiligungsverfahren, flexible Wohnungsgrundrisse etc. Die feministische Mitautorinnenschaft bei diesen Konzepten bleibt allerdings meist unerwähnt.

Frauen und Differenz.
Während der Zweiten Frauenbewegung wurde die Kritik laut, dass sich innerhalb von Frauenprojekten und deren Forderungen ebenfalls Diskriminierungen manifestierten. "Schwarze Frauen"(1) in den USA, die neben sexistischen auch anderen Formen der Diskriminierung ausgesetzt waren beziehungsweise sind, postulierten, dass eine alleinige Konzentration auf Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen nicht ausreichend in Frage stellen würde, sondern auch zur Reproduktion anderer Diskriminierungsmechanismen beitragen würde. Eine umfassende Betrachtung sollte also alle Formen von Diskriminierung einschließen. Eine mehrfach diskriminierte Gruppe im deutschsprachigen Raum ist jene der Migrantinnen. Weder Frauen noch Migrantinnen bilden eine homogene Gruppe, trotzdem können anhand dieser "Kategorien" strukturelle Ungleichheiten aufgezeigt werden.

Migration und Raum.
Innerhalb von Städten zeichnen sich bestimmte Verteilungsmuster von verschiedenen Personengruppen ab. Aufgrund von Diskriminierungen am Arbeits- und Wohnungsmarkt müssen sich MigrantInnen oft in den am wenigsten attraktiven Vierteln ansiedeln, statistisch gesehen bezahlen sie mehr für ihre Wohnungen, leben öfter in schlecht ausgestatteten, oft sogar gesundheitsgefährdenden Wohnungen. Hinter dieser Konzentration von MigrantInnen in bestimmten Stadtteilen stehen keineswegs Zufälle oder natürliche Ordnungen, sondern politische, ökonomische und gesellschaftliche Strukturen und Entscheidungen. Oft kommt hinzu, dass MigrantInnen innerhalb der Stadt wenig mobil sind und von Mängeln innerhalb der Wohn-umgebung noch stärker betroffen sind. Diese sogenannten "innerstädtischen Problemgebiete" und Migration sind viel diskutierte Themen, dabei wird die spezifische Situation von Frauen in solchen Stadtteilen aber oft übersehen und nicht diskutiert.

Migrantinnen und Raum.
Die räumlichen Erscheinungsformen, in denen sich Ethnie und Gender überschneiden, sind vielfältig. Konkrete "Räume" für Migrantinnen sind Anlauf- und Beratungsstellen, die sich an diese Zielgruppe richten und meist aufgrund eines vorhandenen Bedarfs entstanden sind. Gemeint sind damit Einrichtungen, die Beratungen und Bildungsangebote, sowie Frauen-Treffs und Frauen-Cafés anbieten. Diese Einrichtungen sind fast durchgehend auf Förderungen angewiesen, und viele bestehende Projekte verfügen aufgrund von Kürzungen im Sozialbereich oft nicht mehr über ausreichende Ressourcen, um die unverminderte Nachfrage abzudecken.
Eine andere räumliche Erscheinungsform ist die unterschiedliche Raumaneignung verschiedener Personengruppen im öffentlichen Raum. Eine Untersuchung des Augartens zeigte, dass sich im Bereich der nördlichen Eingänge zwei Zonen abzeichnen. Einerseits ein Bereich mit Sitzgruppen und einem Ballspielkäfig, der vorwiegend von männlichen Migranten und Jugendlichen für Freizeitaktivitäten genutzt wird. Andererseits halten sich in der Nähe von Kinderspielplätzen vorwiegend Migrantinnen auf - diese Treffpunkte sind also meist an die Aufsicht von Kindern gekoppelt. Ähnliche Strukturen lassen sich in vielen Wiener Parks, die von MigrantInnen genutzt werden, beobachten.
Ein weiteres Beispiel ist die Geschlechtertrennung im traditionell islamischen Sinn, die in einer Vielzahl von Räumen, die jeweils nur einem Geschlecht zugeordnet sind, ihren Ausdruck findet. Diese Ausführungen treffen primär auf jene Migrantinnen zu, die in streng patriarchalen Strukturen leben. In den jeweiligen Herkunftsländern existieren meist spezifische Frauenräume, die fast immer mit "typisch weiblichen" Arbeiten und Nutzungen in Zusammenhang stehen (Waschhaus, Backstube, Gärten). In der Türkei findet man innerhalb von Städten dorfähnliche Strukturen vor, in denen der halb öffentliche Raum ebenfalls ein typischer Frauenraum ist.(2) Hier finden die täglichen Arbeiten und sozialen Kontakte zwischen Frauen statt, gleichzeitig hat dieser Raum eine überwachende Funktion. Bei Migration kommt es nicht nur zu einem Verlust der vorhandenen sozialen Netze, im Zielland gibt es für viele Migrantinnen auch kaum adäquate Strukturen, in denen soziale Kontakte entstehen und gepflegt werden können. Isolation mit beträchtlichen Einschränkungen für das persönliche Leben ist oftmals die Folge. In gründerzeitlichen Stadtgebieten eignen sich Migrantinnen wenig genutzte Räume, wie Innenhöfe, Stiegenhäuser und Gänge an, in Deutschland gibt es Beispiele dafür, dass sich Migrantinnen städtische Brachflächen aneignen und als Gärten nutzen, die gleichzeitig als Aufenthaltsräume und Treffpunkte während der wärmeren Jahreszeiten dienen. Auch Sprach- und Alphabetisierungskurse für Frauen sind für viele Migrantinnen eine der wenigen Möglichkeiten, außerhalb der Familie Kontakte zu pflegen.

Zukunft und Strategien.
Jene Gruppen, die mehrfach benachteiligt und diskriminiert werden, haben meist am wenigsten Mitspracherecht und Möglichkeit, ihre Situation selbstständig zu ändern. Im Hinblick auf Architektur und Stadtplanung ist vor allem eine Sensibilisierung in diesen Bereichen und das Miteinbeziehen von verschiedensten Nutzungsansprüchen notwendig. Aufgrund der ungleichen Verteilung von Ressourcen ist es nach wie vor wichtig "Ausgleichsräume" zu erhalten und zu schaffen, die speziell von benachteiligten Gruppen genutzt werden können.
Viele mögliche Verbesserungen gehen über rein planerische Möglichkeiten hinaus und können daher nur durch eine Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen (Soziologie, Wirtschaft, Politik, Kultur, etc.) bewältigt werden.(3) Aufgabenstellungen, wie z.B. die Finanzierung von notwendigen autonomen Räumen für Frauen/Mädchen/Migrantinnen oder die Verminderung der Diskriminierung am Wohnungsmarkt, können durch Architektur und Stadtplanung allein nicht gelöst werden. Viele der angeschnittenen Punkte sind in bereits bestehenden Strategieplänen und Projekten enthalten (Ziel-2-Gebiet, Gender Mainstreaming, Stadtplanung, Blocksanierung, etc.). Viele weitere Maßnahmen wären jedoch noch möglich und notwendig.

2004 verfasste Silke Stanjko an der TU Wien ihre Diplomarbeit "Gender, Ethnie
& Raum". Sie wurde als eine von 35 AbsolventInnen für die "archdiploma2005", die
mittlerweile vierte AbsolventInnen-Ausstellung der Architekturfakultät der TU
Wien, ausgewählt. Die archdiploma2005 findet vom 5. bis 28. Oktober im project
space der Kunsthalle Wien statt.

Weitere Infos unter: www.archdiploma.at

Fußnoten:

(1) Erman, Tahire, Semi-public/semi-private Spaces in the Experience of Turkish Migrant Women in a Squatter Settlement, in: Werkstattberichte Nr. 22, MA 18

(2)+(3) www.stadtteilarbeit.de