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Mit Worten zurückschießen |
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Als "das katastrophalste Ereignis der Zweiten Republik" bezeichnete Elfriede Jelinek die Ermordung der vier Roma Erwin und Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon 1995 in Oberwart und schrieb daraufhin "Stecken, Stab und Stangl". Tina Leisch, Trägerin des Nestroypreises, hat für die Neuinszenierung des Stücks wieder zwei interessante Schauplätze ausgewählt. Neben dem Nestroyhof, der vor seiner Arisierung ein wichtiges Zentrum jüdischer Theaterkultur in Wien war, auch das Wiener EKH. an.schläge: Gibt es für die Inszenierung "Stecken, Stab und Stangl" außer dem Gedankenjahr und 10-Jahre-Oberwart einen weiteren Anlass? Tina Leisch: Ausgangspunkt war natürlich, im Jubiläumsjahr auch 10-Jahre-Oberwart zu gedenken. Und das mit diesem Text, den ich großartig finde, weil er den Fokus nicht auf die Roma und Minderheiten richtet, so wie das alle anderen tun, sondern weil dieser Text seine Aufmerksamkeit auf diejenigen richtet, die Minderheiten produzieren. Eine Blickumkehr auf den rassistischen und antiziganistischen Jargon z.B. der Kronenzeitung vollzieht. Und wir wollen das als ein interkulturelles Ensemble mit den Leuten machen, die die Zielscheiben dieses Diskurses sind. Sie werden mit den scharfen Worten von Elfriede Jelinek zurückschießen. Sevgi Efe: Womit ich Schwierigkeiten hatte, war das Nonverbale an Jelineks Text. Das, was zwischen den Zeilen steht. Manche Sätze gehen über ein, zwei Seiten. Wenn ich gar nicht zurecht gekommen bin, habe ich Teile übersetzt. T.L.: Ich weiß auch nicht bei jedem Zitat, was es ist. Es ist nicht notwendig, dass alle Mitwirkenden und alle ZuschauerInnen alles verstehen. Das Wesentliche, ja. Die Anklage gegen die Verhöhnung der Opfer. Gegen das notorische Vergessen und Verdrängen. Und diesen hintergründigen, bösen Witz von Elfriede Jelinek. Theaterarbeit wird da noch deutlicher als sonst zu einer ständigen Übersetzungsarbeit, die allerdings am Schluss nicht die eine richtige Version stehen hat, sondern im glücklichsten Fall die Übersetzungsprozesse zeigt. Auf jeden Fall eine ziemliche Herausforderung. Cigdem Gülcehre: In der Gruppe sind alle sehr hilfsbereit. Wenn jemand schlechter Deutsch spricht, übt eine andere mit ihr oder hilft beim Übersetzen. Es gibt Textstellen, bei denen ich als Migrantin auch immer wieder lachen muss. "Österreichliche Menschen sind manch-mal fast ein wenig kleinlich..." z.B. Du schreibst: "Eine Gefahr einer Inszenierung könnte darin liegen, das Staberl- und Stammtischgerede als Ewiggestriges (...) immer dasein werdendes Ewigösterreichisches hinzustellen und darü-ber zu vergessen, daß es doch eine Er- ziehungsleistung der Gestrigen ist, wenn heute und übermorgen weiter so gesprochen wird." Klingt da auch die bekannte Kritik am jelinekschen Text an, stets nur das "statisch Schlechte" zu schildern? T. L.: Nein. Es ist keine Kritik am Text, es ist tatsächlich eine Gefahr der Inszenierung. Der Text ist ein Requiem, eine einzige große Totenrede, aber eben eine verlogene, falsche. Vom Bundeskanzler angefangen bis zu den Bischöfen kommt niemand mehr an diesen Toten vorbei. Die liegen jetzt da und sind Thema des Redens, aber das Reden entlarvt die Totenredner. Der Text analysiert, wie mit dem Anschlag das Verdrängte und Vergessene wieder hochkam. Man konnte nicht übersehen, dass die Ermordeten diejenigen waren, deren Großeltern im KZ umgekommen waren. Man musste sich eingestehen, dass es einen Rassismus und Antiziganismus gab, der diese Leute nicht nur ins letzte Eck drängen will, sondern der sie umbringen und auslöschen möchte. Das war plötzlich da und man musste es schnell wieder unter den Teppich kehren. Und da sieht man, dass nicht irgendwann vergessen wurde, sondern dass ständig aktive Verdrängungsarbeit geleistet wird. Du berichtest in einem Text über dein Filmprojekt "Vergiss Europa" von den Schwierigkeiten, Flüchtlinge wirklich einzubinden. Und über die Gefahr der Reproduktion von Klischees oder deine Angst, Laiendarstellerinnen in ihrer "Holprigkeit" auszustellen und damit womöglich einer rassistischen Rezeption auszuliefern. Auch diesmal sind wieder einige Migrantinnen ohne Bühnenerfahrung dabei. Gibt es ähnliche Probleme? T. L.: Fühlt ihr euch ausgestellt? S. E.: Nein, ich fühle mich sehr wohl! Und ich bin stolz darauf, gemeinsam mit Tina einen deutschsprachigen Text über Rassismus zu machen. Durch diese Arbeit habe ich die Österreicher auch besser verstehen gelernt. Das war ein langer Prozess, bei dem ich mich immer wieder nach dem Wieso und Warum gefragt, mir zum Teil sogar selbst Vorwürfe gemacht und mich gefragt habe, ob ich selbst ein Problem habe, weil ich mich fremd fühle. T. L.: Beim Film ist das Spielen nur ein sehr kleiner Teil, die Apparatur ist viel größer. Deswegen ist es beim Theater schon von der Struktur her viel einfacher, bei der Inszenierung mitzuwirken. In einem Theaterensemble durchlebt man den gesamten Probenprozess gemeinsam, wir schauen gemeinsam Filme, fahren zusammen nach Oberwart. Die Proben bestehen nicht nur darin, Text zu inszenieren, sondern sich auch mit den Hintergründen der Geschichte auseinander zu setzen. C. G.: Ein wichtiger Punkt ist, dass wir uns bewusst sind, dass das, was wir spielen, eine Geschichte hat. S. E.: Ich bin nicht nur durch das Stück mit diesem Ereignis verbunden, ich war damals auch bei der Beerdigung in Oberwart. Und ich fürchte mich davor, dass so etwas wieder geschehen könnte. Jelinek sagt in einem Interview, dass Anschläge auf AsylbewerberInnenheime in Deutschland "nicht den gleichen Grad von konspirativer Verabredung" haben wie in Oberwart. Wenn man an den jubelnden Mob denkt, der 1992 die Pogrome in Rostock begleitet hat, ist das gewagt. Denkt ihr, dass solche Verbrechen in Österreich eine spezifische Qualität haben? C. G.: Ja, nachdem ich mir den Film "Operation Spring" angeschaut hatte, war ich sprachlos. S. E.: Die Furcht ist hier immer da, dass alles jederzeit wieder umschlagen kann. Bei kleinen Vorfällen im Alltag, bei denen ich mich immer wieder frage - wo bin ich denn? Und damit meine ich nicht nur Angriffe auf Ausländer, sondern auch den Umgang von Österreichern untereinander, mein Gefühl, dass irgendetwas in ihnen explodieren will. T. L.: Jelineks Aussage ist interessant vor allem im Hinblick auf Franz Fuchs und die Einzeltäterthese, an der es ja nach wie vor viele Zweifel gibt. Alle waren so froh, diesen Täter zu haben: Es hat nichts mit uns ÖsterreicherInnen zu tun, es gibt keine Bajuwarische Befreiungsarmee, das sind wir jetzt alles los. Auf jeden Fall ist die Geschichte der Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich, in West- und in Ostdeutschland eine jeweils ganz andere, weil Geschichte immer im Hinblick darauf geschrieben wird, welchen Staatsmythos man gerade konstruieren will. Insofern sind auch die blinden Flecken aus denen sich blinder Hass entwickelt, jeweils andere. Was kann und soll ein Projekt wie dieses bewirken? Welchen Auftrag hat Theater? S. E.: Was ich mir wünsche, ist, dass die Menschen offener werden. Dass Barrieren abgebaut werden, dass man versucht, sich zu verstehen über die Sprache hinaus. Der eigene Rassismus macht zwischen Menschen leider sehr viel aus. T. L.: Wir spielen hier, um die Geschichte dieses Raumes zu thematisieren. Um zu zeigen, dass die Geschichte des Nationalsozialismus nicht in den Geschichtsbüchern, im Fernsehen oder im Kino stattfindet, sondern auf Schritt und Tritt. Hinter jeder Supermarktfassade könnte ein ehemaliges jüdisches Kino versteckt sein. Welche Sätze, welche Bilder haben Sie geerbt vom Tätergroßvater, lieber Zuschauer? Und die Sprache bewahrt ja alles auf. Ein anderes Ziel ist, mit dem interkulturellen Ensemble nicht ein buntes Multikulti zu veranstalten, in dem jede ihr ethnisches Mäntelchen trägt, sondern eine der schönsten Traditionen des Judentums, den Kosmopolitismus fortzuführen. C. G.: Wenn sich die Menschen danach ein paar Gedanken machen oder sich einige Fragen stellen, dann, glaube ich, haben wir es geschafft. Weitere Informationen: 16.-27.11. und 7.-10.,12., 20.00 Weitere Vorstellungen: Eintritt für AsylwerberInnen und AugustinverkäuferInnen an beiden Auftrittsorten frei! |