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Seit 2001 trifft im Rahmen von Sozialforen regelmäßig ein breites Spektrum an GlobalisierungskritikerInnen zusammen. Unter dem Leitmotiv "Eine andere Welt ist möglich" wird analysiert und debattiert, entworfen und geplant, gelernt und erzählt. Sozialforen verorten sich im Kontext der globalisierungskritischen Bewegung, die sich seit den Demonstrationen 1999 in Seattle machtvoll ins Bewusstsein der globalen Öffentlichkeit getragen hat.
Konfrontationen.
Abgesehen von einer allgemein verbindlichen Charta gibt es keine Autorität, die Sinn, Zweck, Form oder Zukunft der Sozialforen festlegen darf. Die Charta konzentriert sich auf wenige, stark allgemein formulierte Grundlinien: Umfassende Herrschaftskritik insbesondere gegenüber den ProtagonistInnen der "Neoliberalen Internationale", Offenheit und Demokratie nach innen hin. Dieser von allen Teilnehmenden und Beitragenden geforderte Minimalkonsens weist den Foren in ihrer Entwicklung eine bestimmte Richtung. Er begründet ein neues Konzept von Widerstand, das sich nicht über Homogenität, sondern über den eigenen Pluralismus definiert. Gleichzeitig macht die Analyse der existenten Strukturen und der Debatten über die Verfasstheit der Foren deutlich, dass ihr Wesen noch unentschieden ist - seine Formung ständig in Bewegung.
Zwei Lesarten der Foren dominieren den mit dieser Unbestimmtheit verbundenen Grundsatzstreit: Die Sozialforen, verstanden als neue, globale, übergreifende Bewegung, knüpfen an die klassische Vorstellung gesellschaftlicher Veränderung durch eine homogene Gruppe (die TrägerInnen der Revolution) an. Ihr Handlungsrepertoire sowie ihre Visionen einer anderen Welt schöpfen sie primär daraus. Herausgefordert wird dieser Entwurf durch das Konzept des Raumes, der in der Charta angedacht ist, das auf die Heterogenität der vertretenen Positionen pocht und das in den Foren einen Raum der Konfrontation, Begegnung und Auseinandersetzung sieht, aber nicht einen Akteur per se. Die Grenze zwischen diesen Positionen ist, sowohl ihre VertreterInnen als auch ihre realen Konsequenzen betreffend, keine scharf erkennbare, gerade weil die Differenzen häufig unbenannt bleiben. Der Charakter der Foren wird zudem maßgeblich durch die aktuelle Praxis gestaltet und entzieht sich in dieser Dimension der Reflexion.
Synthese "Laboratorium".
Jede dieser Positionen greift zu kurz. Erstere vermag der Vielfalt keinen Raum zu geben. Sie bleibt mit ihrem Verständnis der Sozialforen als Bewegung einem traditionellen Widerstandsmodell verhaftet, das Handlungsfähigkeit und in Folge Gesellschaftsveränderung nur über identitäre Eindeutigkeit erreichbar hält. Das Konzept des Raumes reduziert hingegen die Foren auf eine rein instrumentelle Funktion für die globalisierungskritische Bewegung und täuscht damit allzu leicht über ihre eigene gestaltende Vorstrukturiertheit hinweg, spricht ihnen jede Handlungsmacht ab. Beide Interpretationsweisen konzentrieren sich auf die GegnerInnenschaft zur "Neoliberalen Internationale" und vernachlässigen darüber eine breit angelegte Herrschaftskritik, die nicht nur das Andere, sondern auch die eigene Involviertheit die Reproduktionsstrukturen von Herrschaftszusammenhängen mitreflektiert und in Folge umgestaltet. Das Konzept des Laboratoriums - angelegt an die Sozialforen - könnte die Begrenzungen und Potentiale dieser beiden Ansätze positiv verarbeiten. Das Laboratorium "Sozialforum" bietet ein antizipatorisches Widerstandskonzept, die Kritik am System übersetzt sich im selben Zuge in eine gewandelte Praxis der eigenen Widerstandskultur. Dieses Konzept wird dem dynamischen Charakter der Foren gerechter als abgeschlossene Konzepte einer Bewegung oder eines (tendenziell neutralen) Raumes. Das Verständnis der Foren als Prozess, nicht als fest definiertes Gefüge, erlaubt laufend das Überdenken und Verändern der eigenen Positionen - entsprechend der geführten Herrschaftskritik. Ein Laboratorium kann Kontinuitäten zu traditionellen Widerstandsmodellen anerkennen, ohne die Notwendigkeit neuer Konzepte zu übergehen. Über die Analyse hinaus eröffnet diese Lesart eine Zukunftsperspektive, die Gesellschaftsveränderung nicht in Phasen der Analyse, der Kritik, der Machtübernahmen und des Aufbaus zerlegt. Vielmehr wird im Laboratorium jede andere Welt zeitgleich mit Kritik und Analyse im widerständigen Handeln selbst entworfen. Über die eigene Verfassheit wird das Alternative erprobt und gleichzeitig adressieren die Foren die Zivilgesellschaft als Ganzes. Sie versuchen ihre Reichweite auszudehnen - als Widerstandsform theoretisiert, läge das Ziel darin, dass die den Sozialforen eigene kritische Haltung gesamtgesellschaftlich hegemonial wird und damit ihren Gestaltungsrahmen laufend erweitert. Der Übergang vom Laboratorium als Beschreibung der Wirklichkeit zum anzustrebenden Modell ist in dieser letzten Überlegung dargelegt. Die in diesem Konzept liegende Herausforderung ist gleichzeitig ihr Potential, seine Kanten sind aufgrund des Anspruches, demokratisch und offen sein zu wollen, unumgänglich. So sind die Sozialforen in Mumbai und Porto Alegre, in Paris und Athen, in Linz und Hallein Möglichkeiten einer Um- und Neugestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse - aber nur unter der Bedingung der bewussten Konfrontation aller vorhandenen Vorstellungen von Widerständigkeit.
Feministische Kritik.
Mit feministischen Anmerkungen versehen, können diese grundsätzliche Analysen und der daran geknüpfte Entwurf des Widerstandsmodells "Laboratorium" präzisiert werden.
Jeder Prozess der Homogenisierung stärkt die Position der a priori Bevorteilten: Ungleichheiten zwischen den in den Sozialforen präsenten Gruppen müssen mitgedacht werden, sie verlangen nach spezifischen Strategien gegenüber Exklusionen. Frauen-NGOs und Initiativen kritisieren die ökonomisch und inhaltlich dominanten Gruppen ob ihrer zumindest teilweisen Blindheit in diesen Fragen. Drohende Konsequenz solcher Marginalisierungen und Ausgrenzungen ist die Distanzierung von diesen Gruppen: Die Sozialforen würden damit aber ein wesentliches Element ihrer gesellschaftstransformierenden Kraft verlieren.
Verlieren würden sie damit auch die sich aus den Kontinuitäten zur Frauenbewegung ergebenden Potenziale: Deren Erfahrungen mit Differenzen und Heterogenität, deren vielfältige Auseinandersetzungen mit der Komplexität verschiedener Herrschaftsdimensionen oder auch die Erkenntnisse aus feministischen Analysen der Ökonomie bieten produktive Anschlusspunkte für das gesamte Spektrum der GlobalisierungskritikerInnen.
Dieses Wissen wird bisher nicht ausgeschöpft und anerkannt. Im Extremfall führen jene Tendenzen zu einem Rückfall in ein reduktionistisches Denken in Haupt- und Nebenwidersprüche. Dem gegenüber stehen in der Praxis zumindest Versuche auf institutioneller Ebene patriarchale Muster zu durchbrechen. So gibt es in vielen Sozialforen Empfehlungen für RednerInnenlisten nach dem Reißverschlussprinzip (eine Frau, ein Mann, usf.) und die Aufforderung zum Gebrauch einer geschlechtergerechten Sprache.
Sozialforen als Begegnungsräume und Räume des Austausches, des gegenseitigen Lernens, könnten ihr Potenzial gerade dann entfalten, wenn sie verstärkt auch als Laboratorien verstanden würden. FeministInnen müssten der Marginalierung von Patriarchatskritik und der Kritik an Heterosexismen nicht mit Blockade(-drohungen) entgegen, sondern könnten innerhalb der Foren den allgemeinen, wechselseitigen Bildungseffekt noch intensiver befördern.
Eine andere Welt kann und will nicht von den Sozialforen beschlossen werden. Die Sozialforen sind vielmehr ein Raum, der der Entfaltung von Vielfalt und Differenzen dient. In ihm erproben sich herrschaftskritische Ansätze in der Gestaltung neuer Strukturen, über ihn kommuniziert sich die Möglichkeit einer anderen Welt an eine breitere Öffentlichkeit. Ein derartiges Laboratorium beschönigt die Praxis, eröffnet zugleich eine ungewohnte Perspektive möglichen Widerstands. |