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Vom 7. bis zum 11. September stand ein Festival in Zagreb ganz im Zeichen heterosexueller Normen der Kindheit. Neben Tanz, Film, Visual Arts und Theorie aus Japan, Brasilien, Finnland, Rumänien, USA, Frankreich, Slowenien und Kroatien führte ein Teil des Festivals, eine Konferenz zu „Queer Theory“ drei Tage lang durch das Thema.
Schwerpunkt war die Frage nach dem Einfluss sozialer Heteronormativität und des Patriarchats auf Kinder im Allgemeinen und lesbischen, schwulen, intersexuellen oder transsexuellen Kindern, sogenannten queeren Kindern, im Besonderen. Denn durch erzieherische Institutionen wird nicht nur die heterosexistische Matrix vervielfacht, sie betten Kinder in Normen, die als sicherste Umgebung ausgegeben werden. Besonders wenn Kinder vor nicht gängigen Normen entsprechenden Einflüssen der Gesellschaft „geschützt“ werden, sind sie in ihrer freien Entfaltung und der Entwicklung ihrer Individualität eingeschränkt.
Die VeranstalterInnen sehen sich deshalb verpflichtet, Kinder zu ermächtigen ihre eigenen Stärken zu nützen, auch wenn diese in nonkonformen Wünschen oder Selbstbildern liegen. Dazu sind persönlicher Raum und Freiheiten notwendig. Da sie häufig kein soziales und familiäres Verständnis für ihre Bedürfnisse vorfinden, benötigen besonders queere Kinder Unterstützung und Ermächtigung, damit sie nicht auf sich alleine gestellt bleiben.
Heterosexistische Amnesie.
Lasse Kekki aus Finnland beschäftigte sich in diesem Zusammenhang in seinem Vortrag „Queer Child – Queer Kid, Future and Queer Theories“ mit dem Verhältnis zwischen gegenwärtigen theoretischen Schriften zu queerer Kindheit und radikalen zukunftsorientierten Queer Theories. Kekki: „I would argue that queer children are even today mostly absent in queer studies.“ Schamorientierte Theorien zu queerer Kindheit kritisieren, dass die Gaybewegung es zwar erreicht, sexuelle Objektwahl nun nicht mehr als natürlich zu begreifen. Zugleich aber führte sie zu einer Renaturalisierung von Gender. Die Konsequenz daraus war eine Trennung zwischen „normalen“ lesbischen Frauen bzw. schwulen Männern und anderen, die als Sissyboyz bzw. Tomboys marginalisiert wurden. Queerness bei Kindern werde demnach als etwas verstanden, das mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter zu Ende ist. Erwachsene Lesben und Schwule „vergessen“ quasi in heterosexistischer Amnesie die eigene queere Kindheit. Peter Hegarty, Autor von „Another Generation of Straight Kids Later?“ aus Großbritannien knüpft genau an diesem Punkt mit seinen Erläuterungen zur Entwicklungspsychologie an. Er sieht in der
Pathologisierung von Gender bei non-normativen Kindern eine Repathologisierung der Homosexualität. In der Entwicklungspsychologie sei das Interesse am Kind als künftigen Erwachsenen oft größer als an dem Kind als Kind, kritisiert Hegarty. Das queere Kind erhält lediglich rückwirkend eine Existenz, gesunde Homosexuelle seien dagegen erwachsene Männer oder Frauen, die sich maskulin oder feminin verhalten.
Scham.
In der Verleugnung der queeren Kontinuität bis ins Erwachsenenleben sieht Lasse Kekki einen Grund für den Hass auf Sissyboyz bzw. Tomboys. Queere Kinder werden deshalb in westlichen Gesellschaft in seltsame Rollenklischees gedrängt: „At the same time a child is both, asexual and innocent but also a perverted threat“. Deshalb sei, so Kekki, „the only position left for queer children: shame.“ In der Scham über die eigene nonkonforme Geschlechtsidentität sieht Kekki ein verbindendes Element unter queeren Kindern, das eine wichtige Ergänzung für den Pride-Diskurs darstelle.
Wie Kinder im Laufe der Geschichte der psychologischen Testdiagnostik (z.B. in den Rohrschachtests) pathologisiert wurden und werden, zeigte Peter Hegarty. Sogenannte Geschlechtsidentitätstests für Erwachsene wurden beispielsweise auch an Kindern angewendet. Gender-nonkonforme Kinder und Erwachsene sollten damit im wesentlichen aus zwei Gründen aufgespürt werden: Sie sollten entweder „entfernt“ werden, z.B. aus psychologi-schen Untersuchungen oder auch geschlechtshomogen organisierten Verbänden wie dem Militär; oder sie wurden als „Studienobjekte“ missbraucht, um z.B. zu untersuchen, welche Faktoren die sexuelle Orientierung determinieren oder wie sich die Geschlechtsidentität bis ins Erwachsenenalter entwickelt. Hegarty betont, dass neben Tests und Studien auch die psychologische Diagnose „Störung der Geschlechtsidentität“ die selbstständige Entwicklung der Kinder beeinträchtigt: „(They) do take away childrens rights to define the meaning of their own sexualities and genders. They have then to negotiate their identity against.“
Spielerisch.
Peter Hegarty wies zudem darauf hin, dass in der psychologischen Testdiagnostik auch Kinderspiele dazu verwendet wurden und werden, um das Geschlecht von Kindern festzustellen und zu kategorisieren. Ein Workshop von Vlatka Frketic und Persson B. Baumgartinger aus Kroatien bzw. Österreich zeigte aber, dass Kinderspiele im Sinne von Queering ebenso positiv genützt werden können. Einen Versuch mit heteronormativen Kindheitskonstrukten zu brechen und Queernes zu ermöglichen stellt das Buch „Queer Fairytales“ von der Gruppe Domino dar. Für den Band wurden von einer Jury queere Geschichten für Kinder ausgewählt. Er ist zur Zeit in kroatischer und serbischer Sprache bei den VeranstalterInnen der Konferenz erhältlich, eine deutsche Übersetzung ist geplant. Das Buch unterstützt queere Kinder auf der Suche nach mehr Wissen über sich selbst. Eine zentrale Forderung von Lasse Kekki ist, diesem Begehren der Kinder Raum zu geben, und zwar aus folgendem Grund: „There will be no queer future, if we do not take queer kids seriously and offer them a theoretical shelter.“ Deshalb sei es unumgänglich eine neue Art von Fach- und Hintergrundwissen zu erzeugen, ist auch Peter Hegarty überzeugt: „I am asking developmental psychologists to change their priorities – away from trying to detect people towards think about how to care for people.“ Er stellt deshalb auch klar, dass ein Entdecken oder Aufspüren der falsche Weg ist, denn: „From an ethical point of view, it’s absolutely wrong to make these children more detectable with psychological tests or to make plans about how they are going to grow up.“ Argumente, um queere Kinder von ihrem „verqueren“ Stigma zu befreien.
Domino: Queer Fairytales, Kroatien. Zu bestellen unter .
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