Im Haus des Henkers
Die Arbeiten des Künstlerinnen-Duos Klub Zwei zu jüdischer Vergangenheit und Gegenwart. Von Lea Susemichel

 

„Das 20. Jahrhundert hat mich zur Jüdin gemacht.“ Dieser Satz kann vielleicht programmatisch für die Arbeit von Simone Bader und Jo Schmeiser gelten, die sich 1992 zum Kollektiv „Klub Zwei“ zusammengeschlossen haben und sich seither immer wieder mit dem Thema Identität beschäftigen. Er stammt von Ruth Sands, einer der Protagonistinnen, die von den beiden Künstlerinnen im Film „Things. Places. Years“ u. a. zu Emigration, Exil und Österreich befragt werden. Es sind Jüdinnen dreier verschiedener Generationen, die alle sowohl in London leben als auch eine Verbindung zu Österreich haben. Entweder sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern sind dorthin vor den Nazis geflohen. Fast alle haben Vorfahren, die hier ermordet wurden.
Auch in den Gesprächen geht es viel um Identität, darum, wie sie eben selbst durch Dinge, Orte und Zeiten entsteht. Durch eine Lampe zum Beispiel, deren Erbschaft nur widerwillig angetreten wird, weil sie nach Ansicht der Erbin eigentlich mit dem Tod der Eltern hätte verschwinden sollen. Die identitätsstiftenden Momente, von denen die Frauen berichten, sind sehr unterschiedlich und so unterscheidet sich auch die jeweilige Bedeutung, die sie ihrem Jüdisch-Sein verleihen. Um dieses uneinheitliche Füllen der Bezeichnung und damit auch die potenziell selbstermächtigende Eigendefinition zu betonen, schreiben Schmeiser und Bader „jüdisch“ im Buch „Things. Places. Years. Das Wissen Jüdischer Frauen“ ausnahmslos groß. Der Band ist begleitend zum Film erschienen und enthält auch Interviews, die dort nicht zu sehen sind.

Stichworte.
Die Gliederung des Films in weiß auf schwarz eingeblendete Kapitel, Fragen, Aussagenfragmente und titelnde Stichworte wirkt oft willkürlich. Zudem verirren sich die angerissenen Themen in Nischen wie beispielsweise „Gender and Music“, deren Aufrollen durch die kurzen und vereinzelten Ausführungen nur selten gerechtfertigt scheint. Im Buch ist die Struktur hingegen sehr klar, nicht zuletzt, weil sich auch zu diesen Punkten weit mehr und Ausführlicheres findet. Und immer wieder auch sehr Berührendes. So erzählt Ruth Sands unter der Überschrift „Generationen“, wie großartig es ist, jetzt Großmutter zu sein. Sie habe ja gar nicht gewusst, was das ist, eine Großmutter. Denn, wie viele der anderen interviewten Frauen auch, hat sie ihre Großeltern nie kennen gelernt. Die Opas und Omas der anderen Kinder wurden deswegen wie „Aliens“ von ihnen beäugt.
Die Absenzen, die die Shoa in den Biografien Einzelner hinterlassen hat, wird auch unter der Überschrift „Österreich“ verhandelt. Nur äußerst zögerlich wird über dieses Land gesprochen und auch das ist wohl ein Erbe. Sands berichtet von ihrer Mutter, die jede Erzählung des Vaters, die mit „damals in Wien...“ begann, sofort schroff unterbrach. Über diese Stadt durfte in der Familie noch nicht einmal gesprochen werden. Erst nach dem Tod ihrer Eltern fuhr sie zum ersten Mal nach Wien, zu ihren Lebzeiten hätte sie es als Verrat empfunden.
Katherine Klingers Österreichbeitrag schildert einen für das österreichische Selbstverständnis als Opfernation höchst bezeichnenden Zwischenfall im Rahmen einer Konferenz, die sie ein paar Jahre zuvor in Wien organisiert hatte. Einer der Vorträge fragte im Titel, wie im Hause des Henkers über den Strick zu reden sei. Die österreichischen ÜbersetzerInnen machten aus den Henkern die Gehenkten und waren auch nach mehrmaliger Korrektur nicht von der inhaltlichen Richtigkeit des Originalsatzes zu überzeugen: „Wie spricht man über den Strick im Haus des Henkers?“ In Deutschland, schätzt Klinger, wäre das wohl Ende der 1990er Jahre nicht mehr passiert.

Leerstellen.
Während Klinger auf dieser Tagung vor allem „die Anwesenheit der Abwesenheit“ thematisieren wollte, stellt Sands bei ihrem ersten Wienbesuch selbst diese noch in Frage. Die Reise, die sie gemeinsam mit Klinger unternahm, wurde von „Klub Zwei“ dokumentiert.
Das Ergebnis ist die Arbeit „Verlust/Loss“, die derzeit in der Secession gemeinsam mit zwei weiteren Filmen unter dem Ausstellungstitel „In Zusammenarbeit mit“ zu sehen ist.
In der Straßenbahn gefilmt, wundert sie sich darüber, dass es eben nicht einmal eine anwesende Abwesenheit gibt, dass gar keine Leere zu bemerken sei. Ob wohl die über 200.000 Jüdinnen und Juden, die in den 1930er Jahren in Österreich lebten, keine Lücke hinterlassen haben oder ob die Kaffeehäuser auch in den 1940ern so voll wie immer waren. Mehr als 65.000 wurden in Konzentrationslagern umgebracht, rund 130.000 flohen. Nur 5.500 ÖsterreicherInnen jüdischer Religion oder Herkunft überlebten in Österreich den Nationalsozialismus. Mit der Wiener jüdischen Gemeinde wurde eine der größten und vielfältigsten der Welt nahezu vollständig vernichtet. „Versöhnung“ sei angesichts dessen „ein unangemessenes Wort“, so Sands.

Zeichensetzung.
In „Antworten geben können/Response Ability“ geht Hannah Fröhlich von der Kultusgemeinde Wien noch weiter und findet selbst den Gedanken des Dialogs zwischen jüdischen Nachkommen und Nachfolgegenerationen der TäterInnen vermessen, weil er eine gleiche Ebene impliziere, die es nicht geben könne. Diesen kaum vermittelbaren Ebenen geben „Klub Zwei“ durch die Parallelsetzung von Bildschirm und Schriftprojektionen Ausdruck. Das im Film Gesagte wird
jeweils vom Englischen ins Deutsche übersetzt bzw. umgekehrt. Die formale Gestaltung der Arbeiten von „Klub Zwei“ greift aber nicht alleine diese Schwierigkeit der Übersetzung auf, sondern macht durch ihre sorgfältige Typogra-
fie auch auf einen anderen Zusammenhang aufmerksam. Identität, meint Elly Miller in „Phaidon. Verlage im Exil“, die Tochter des Phaidon-Verlagsgründers, äußere sich mitunter sogar mithilfe einer Schrifttype. Mit einer gezielten Schriftwahl habe ihr Vater bereits kurz vor dem Exil seine antifaschistische Haltung zum Ausdruck gebracht. Inwieweit jüdische Identität sich heute von einer tödlichen Fremdzuweisung manchmal auch zu solch einem Akt emanzipatorischer Abgrenzung entwickeln konnte, bleibt offen. Auch bei Ruth Sands, die den eingangs zitierten Satz ergänzt: „Wenn ich irgendetwas bin, wenn ich sagen muss, was ich bin: dann bin ich Jüdisch. Das bin ich zuallererst.“

Bücher:

Klub Zwei: Things. Places. Years. Studienverlag, 2005, 34,90 Euro
Secession (Hg.): Klub Zwei. Katalog zur Ausstellung vom 15.9. bis 13.11., 2005, 16,50 Euro

Filme:

Things. Places. Years, 2003
Verlust/Loss, 2005
Phaidon. Verlage im Exil/Phaidon. Presses in Exile, 2005
Antworten geben können/ Response Ability, 2005